Die Survival of the Fittest-Lüge – und wie wir davon weg kommen

Fotos: Thomas Roetting

„Schließen Sie die Augen, denken Sie an Ihren Lieblingsort, an dem es wunderschön ist, einen Platz der Kraft gibt. Setzen Sie sich in Gedanken, lehnen Sie sich irgendwo an. Genießen Sie“: Mit einer Hand auf dem Bauch und einer Hand auf dem Herzen beginnt Laura Storm ihre Keynote, lässt uns nach der Mini-Meditation-Journey noch eine halbe Minute still dastehen und fragt dann: „Wer hat an einen Ort in der Natur gedacht?“ Alle Hände heben sich in Richtung Glas und Stahl, zur großen Kuppel, die sich über den Hauptsaal der Messe Bozen erstreckt. Langsam setzen wir uns zurück auf hunderte schwarze Stühle, die in perfekten Reihen vor der Bühne stehen. Dazwischen: eine neue Erkenntnis, die sich durch die Südtiroler Sustainability Days zieht, wie das Wort „Soft Skills“ durch die Präsentationen der Speaker*innen: Der Blick auf Nachhaltigkeit ist weiblicher geworden.

Heißt nicht, dass das Bremsen der Klimakatastrophe weiterhin vor allem von Frauen erwartet wird. Hoffentlich! Denn abgesehen von einer auffallenden Vielzahl weiblich gelesener Expert*innen, ging es auf den Bühnen der neuen Bozener Messe für Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz eben auch inhaltlich vor allem um die Besinnung auf die rechte Gehirnhälfte. Jene, die vom Geschlecht komplett unabhängig ist – zuständig für unser aller Gefühl, für Intuition, für Verbindung. 

Und: Es ging um unsere mentale Gesundheit. Denn die ist mitnichten Privatsache und das Private einmal mehr politisch im Zeitalter der multiplen Krisen. „Wir sind in einer Pandemie der psychischen Krankheiten angekommen“, sagt Laura Storm. „Es gibt unzählige Studien die das beweisen.“ Wir alle seien gestresst. Und genau das ist laut der Expertin für Nachhaltigkeit und Regeneration auch der Grund dafür, dass unsere Systeme gestresst sind. Beweise dafür sind für Laura unter anderem die internationalen Führungskräfte, mit denen sie zusammenarbeitet. „Fast alle fühlen sich herausgefordert, aber nicht gewappnet“, sagt sie. „Fast alle fühlen sich zu gestresst, um Klimakatastrophe, Ressourcen- und Umweltschutz anzugehen.“

Der Grund? Laut Laura der Verlust der ganzheitlichen Betrachtung. „Mit dem industriellen Zeitalter ist die Verbindung zur Natur zerstört worden“, sagt sie. „Natürlich können und sollen wir nicht auf technologische Lösungen verzichten. Nur können wir unsere Probleme nicht allein mit den gleichen Mitteln lösen, mit denen wir sie überhaupt erst verursacht haben.“

Beispiele, es besser zu machen, funktionieren laut Laura vor allem: gemeinsam. „Wir müssen aufhören, der Survival-of-the-fittest-Lüge zu glauben“, sagt sie. „Wer überlebt ist immer, wer sich am besten anpassen und zusammenschließen kann.“ Ein lebendes System wolle immer kooperieren. Es gelte also fortan, genau wie es beispielsweise bei Biomicry und Factory as a Forest bereits gelebt wird, auch Organisation und Unternehmen mehr als lebendes System zu sehen. 

Word! Sagt auch: die britische Molekulare Biophysikerin und Extinction Rebellion Mitbegründerin Gail Bradbrook. „Wir müssen weg vom Paradigma des Beherrschens des Anderen. Warum tun wir das, obwohl wir denkende, fühlende Wesen sind?“, fragt sie. Der Weg zur Veränderung führe  – cheesy but true – über das Herz. 

Und wenn  wir darin vor Allem Ängste, ob der schier unüberwindbaren Herausforderungen unserer Zeit spüren? „Dann können wir Hoffnung in der Aktion finden“, so Gail. „Unser Nervensystem lässt uns entweder einfrieren – oder kämpfen.“ Klar, dass die 50-Jährige für letzteres ist – gleichzeitig aber allen Menschen auch ganz klar ihren eigenen Weg zugesteht. „Ich erwarte nicht, dass jede*r zivilen Ungehorsam leistet“, betont sie. Und vor allem rät sie uns dazu, auch im Aktivismus nicht zu tense zu werden. „Das Leben will, dass wir es leben“, sagt sie. Die Freude genau daran sei ein nicht zu unterschätzender Part des Widerstands. Und das Wissen darum, dass die Verbindung zu unserem Planeten mit der zum eigenen Körper anfange. 

Brauchen  wir also auch den Shift in Richtung eigener Verletzlichkeit? Ganz sicher. Gerade weil dieser viel größer ist, als es zunächst klingen mag. Schließlich sind wir alle aufgewachsen mit dem Ich-kann-noch-und-immer-und-alles-am-Besten-Ideal. Eben der oben genannten Survival-of-the-Fittest-Lüge. Wer will da schon gern als erste*r unfit sein? Machen wir’s doch alle gemeinsam! Schlägt auch die australische Aktivistin Clover Hogan vor – und erinnert sich an den Besuch ihres ersten Klimagipfels. „Ich habe mich klein und machtlos gefühlt“, sagt sie. „Und dann habe ich genau das gleiche Gefühl in den Augen aller gesehen, Staatsmänner, alle! Wir alle fühlen diesbezüglich ähnlich.“

Ein bisschen beruhigend – ein bisschen beängstigend. Und da ist es wieder, das, was Expert*innen allgemein ein Klimagefühl nennen. Fast immer ist es ein negatives. Und auch wenn wir es teilen: Damit umzugehen muss  jede*r für sich selbst lernen. „Ich trainierte mich immer weiter darauf, die Cracks of Light in der Sache zu sehen. Die Punkte, an denen Licht ins Dunkel unserer Probleme fällt. Und ich versuche, diese Punkte weiter aufzureißen“, so Laura. Konzentration und vor allem „Fokus, Fokus, Fokus“, ist auch Clovers Antwort auf die Frage des wo und wie Anfangens. „Alles auf einmal anzugehen ist unmöglich.“

Alle Vorträge in voller Länge und mehr Keynotes und Panels findet Ihr hier.

Auch 2023 werden die Sustainability Days übrigens wieder stattfinden – dann mit einem zusätzlichen Fokus auf soziale Nachhaltigkeit.

Drei schnelle Ideen zum Umgang mit Klimagefühlen von Clover Hogan: 

  • Sprecht darüber! „Die eine Sache, die wir alle teilen, sind Gefühle.“
  • Connectet Euch mit Eurem Herzen. „Fragt Euch: Wofür genau kämpfe ich? Grund, Ort, Person? Oder weil Du keine andere Möglichkeit siehst?“
  • Fragt Euch: Welcher Glaubenssatz limitiert Euch am meisten? „Welche Story steckt hinter Euren Gefühlen?“

Gedanken dazu? Teilt sie gern auch in den Kommentaren!

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