Profit over Pullution: Wie uns #pinkygate die Welt erklärt

„Ich geh zu den Pinky-Typen nach Hause und blute alles voll“, schreibt Toyah Diebel aka @toyahgurl auf Instagram – und spricht damit Millionen Frauen aus der Seele. Millionen? Ja. Millionen. Die Wut über #pinkygate hat es gestern binnen weniger Stunden aus der woken Bubble heraus und in die so genannte Mitte der Gesellschaft geschafft. Warum? Wahrscheinlich, weil der Erfolg der Erfinder von „Pinky Gloves“ in der Fernsehshow „Höhle der Löwen“ uns anhand von nur zwei rosa Einweg-Handschühchen aus Plastik fast alles erklärt, was in unserer Gesellschaft so falsch läuft.

„Pinky“, auf der eigenen Homepage ernsthaft beschrieben als Hygiene-Produkt, will Menstruierenden, vom Anbieter natürlich ausschließlich Frauen genannt, eine „diskrete Lösung“ bieten, um einen benutzten Tampon zu entfernen und vor allem gut weil blickdicht verpackt zu entsorgen. Und noch viel schlimmer: um endlich auch einen neuen einführen zu können, ohne sich selbst und die eklige, schmutzige, blutige Scheide auch noch berühren zu müssen. Bah!

Beziehungsweise: boah! Weil natürlich klug gedacht von den Pinky-Boys. Schließlich brauchen wir so pro Tamponwechsel nicht nur geschätzte zehn umständliche Minuten länger, sondern auch gleich zwei Wegwerfhandschuhe. Wegwerfhandschuhe, die sich übrigens allein in Farbe und Preis von denen unterscheiden, die es längst überall gibt. Wahnsinns Idee, fanden die Löwen und schickten die „Pinkys“ mit Deal nach Hause. Im Gegensatz zu diversen umweltfreundlichen Ideen, die in den letzen Jahren ohne Finanzierung aus der Höhle kriechen mussten. Zum Beispiel: Ooia, die mittlerweile auch ohne Finanzspritze voll etablierten Menstruations-Pantys von Dr. Kati Ernst und Kristine Zeller aus Berlin.

Was wir draus lernen? Dass Männer nach wie vor eher als Fachleute für weibliche Bedürfnisse ernst genommen werden, als Frauen. Dass diese Tatsache ihnen so viel Geld und Macht bringt, dass es sich unbedingt lohnt, Frauen und weiblich gelesene Menschen klein zu halten, indem man ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit erklärt, wie minderwertig, eklig und dreckig sie sind. Dass man ihnen damit so ziemlich alles verkaufen kann. Teuer verkaufen natürlich! Und dass das Aufrechterhalten dieses seit Jahrhunderten gängigen Prinzips über allem steht. Auch über Umwelt-, Ressourcen und -Klimaschutz.

„Pinky Gloves“ sind nicht nur frauen- und mestruirendenverachtend. Sie sind auch sinnloser Müll. Doppelmüll, wenn Benutzer*innen wirklich gleich zwei pro Tamponwechsel benutzen. Dreifachmüll, wenn sie dazu beitragen, weiter Tampons zu benutzen. Ein Wegwerfprodukt, von dem Umweltschützer*innen nicht nur aus Abfall-Gründen weg wollen. Weil Tampons auch die Scheidenflora austrocknen, sie so nicht sauberer sondern anfälliger für Krankheiten machen, klitzekleine Hautverletzungen mit ziemlich großen Nebenwirkungen verursachen, teils Chemikalien vom Bleichen direkt an unsere Schleimhäute abgeben, immer den natürlichen Blutfluss stauen und Regelschmerzen verstärken können, sind sie generell durchaus als Fehlkonstruktion zu begreifen, von der wir dringend weg müssen. Schließlich gibt es Alternativen! Bessere Alternativen, die sich besser anfühlen und weniger Müll machen. Menstruations-Pantys zum Beispiel.

#pinkygate zeigt: Profit geht über Pullution. Egal, wie möchte gern umweltfreundlich sich die Produzent*innen zeigen. Jajaj, „Pinky Gloves“ sind recyclebar – so lange sie EINZELN entsorgt werden! Steckt ein Tampon darin, haben wir ein Problem mit der Sortentrennung. Davon spricht man bei „Pinky“ öffentlich aber offenbar genauso gern, wie über, hihi, Menstruationsblut.

Was uns die Herren hinter den Hirnlos-Handschuhen neben einem absolut überflüssigen Produkt trotzdem bieten, ist der Diskurs genau darüber. Nicht nur über alle feministischen Fragen, die rund um „Pinky Gloves“ offen bleiben, sondern auch darüber, wie unreflektiert wir Müll für Money machen. Und wie falsch die Versprechen rund um Recycling oft sind.

Warum das geht? Weil’s kaum jemand richtig erklärt und weil’s keine*r verbietet. Was wir dagegen tun können? Wenig, außer dem, was wir schon tun: wütend werden. Öffentlich wütend. Und laut, so wie die Ooia-Gründerinnen, deren Video zum Thema über Nacht von fast 3 Millionen Menschen gesehen wurde. Und fordernd. Vor allem gegenüber den Männern in unsere nach wie vor so männlich dominierten Gesellschaft. Und dann noch: solidarsich sein und mitfühlend. Mit denen, die wohlmöglich wirklich glauben, dass sie „Pinky Gloves“ brauchen. Mit denen, die sich einreden lassen, sie müssten sich verstecken, vielleicht sogar vorm eigenen Partner, sie dürften keine Ausscheidungen haben, ihren Körper und dessen gesunde und fruchtbare Funktionen nicht wertschätzen, nicht mal berühren. Sie sollten sich entfernen. Von ihrem Blut, von sich, ihrer Freiheit, ihrer Natur.

Und vielleicht kann das für alle, die mögen, jetzt auch eine Aufgabe sein. Empowerment! Empowerment, dass Interessent*innen klaut. Denn traurig, aber wahr, solange es eine Zielgruppe für Mario Barth gibt, gibt’s vermutlich auch eine Zielgruppe für „Pinkey Gloves“. Eine, die sich der Markt selbst schafft, schon klar. Vielleicht können wir sie trotzdem abschaffen.

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