15 Aktivistinnen – 15 Gründe für Protest gegen den Klimawandel

Fotos: Sebastian Höhn

Schwaches Geschlecht? Von wegen! Rund 70 Prozent der Aktivistinnen sind weiblich. Auch bei Extinction Rebellion (XR), einer Organisation durchaus auch mal friedlich zivilen Ungehorsam begeht, engagieren sich mehr Frauen als Männer. Sie kämpfen hauptsächlich gegen den Klimawandel, dessen Folgen uns alle betreffen werden. Menschen im globalen Süden zuerst – und Frauen. Frauen, deren Skills maßgeblich zu positiven Veränderungen für die gesamte Weltbevölkerung beitragen könnten. Frauen, die nicht nur in der Arbeitswelt übervorteilt, sondern auch politisch auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene viel, viel, viel zu wenig mit einbezogen werden. Frauen, die nicht länger leise sein wollen. Fotograf und Journalist Sebastian Höhn hat 15 Aktivistinnen von XR gefragt, warum sie für ihre Werte auf die Straße gehen:

Annika
„Bewegungen wie Fridays for Future oder XR machen mir Hoffnung, weil es viel Verbundenheit, großes politisches Engagement und Potenzial für politische Veränderung gibt. Ich sehe in der Klimabewegung auch eine große Chance für junge Frauen, gehört zu werden. Greta Thunberg und Luisa Neubauer sehe ich als Vorbilder, obwohl sie jünger als ich sind“, sagt Annika, 25, gelernte Schneiderin. Sie arbeitet im Kostümbild und studiert Psychologie in Berlin.
Natali
„In meinem Land hat der Klimawandel seit einiger Zeit einen starken Effekt. Die Temperaturen steigen und anstatt das Problem zu bekämpfen wird weiter Kohle abgebaut. Die Kohleindustrie als eine der wesentlichen Treiber des Klimawandels verursacht in vielen von Indigenen bewohnten Gebieten große Umweltverschmutzung, besonders die Verunreinigung des Wassers macht die Menschen krank. Menschenrechte werden missachtet, die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Europa und vor allem Deutschland sind Hauptabnehmer der dort geförderten Kohle und damit mitverantwortlich für den Raubbau“, sagt Natali. Sie kommt aus Kolumbien, wohnt in Berlin und studiert Elektronik an der TU.
Tonny
„2017 habe ich das erste Mal den IPCC-Report wirklich gelesen. Ich erinnere mich an diese Projektion, die zeigte, dass es um 2070 wegen des steigenden Meeresspiegels kein Land namens Bangladesch mehr geben würde. Wenn ich mein Leben plane, überlege, ein Kind großzuziehen, kann ich nicht daran denken, das in Bangladesch zu tun. Die Situation wird in den nächsten zehn Jahren schlimmer werden, weil nicht genug getan wird, obwohl es möglich ist. Frauen sind immer direkter und stärker betroffen von Naturgewalten und Katastrophen. Schätzungen zufolge gibt es in Bangladesch schon 6 Millionen Klimaflüchtlinge. Ein großer Teil davon sind Frauen, die ihre Dörfer verlassen müssen und in die Stadt kommen. So geraten sie in Situationen, in denen sie großen Gefahren ausgesetzt sind durch schlechte Arbeitsbedingungen, Gewalt und sexuelle Übergriffe“, sagt Tonny aus Bangladesch. Sie lebt seit vier Jahren in Deutschland und arbeitet für die NGO Urgewald.
Lu Yen
„In knapp einem Jahr ist Bundestagswahl und nie stand mehr auf dem Spiel. Während die Klimakrise, der Öko-Kollaps und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich unser Leben verändern, pumpt die Politik Milliarden Euro an Steuergeldern in alte, fossile Industrien. Lobbyisten der Agrar-, Auto-, Finanz- und Kohleindustrie verhindern, dass sich grundlegend etwas ändert. CDU und SPD haben seit den 90er Jahren die Hälfte ihrer Mitglieder verloren – und Bewegungen wie Extinction Rebellion, Fridays for Future oder Black Lives Matter zeigen, dass wir als Gesellschaft bereits viel weiter sind als die vermeintlich Mächtigen in Parteien und Regierungen. Wir haben keine Zeit mehr für mutlose, kleine Schritte. Lasst uns Politik für den großen Wandel machen! Ich kandidiere jetzt für den Bundestag gegen Olaf Scholz und Annalena Baerbock und für eine Gesellschaft, in der Gemeinwohl und 1.5 Grad und der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen und dieser wunderschönen Erde wichtiger als der Profit Weniger ist“, sagt Lu Yen, gelernte Journalistin aus Potsdam. Sie ist Vollzeitaktivistin bei Extinction Rebellion und Mitgründerin von „Bold New World“ und der Initiative „Neues Wirtschaftswunder“.
Gotelind
„Klimapolitik, gerade in Deutschland, muss viel stärker soziale und geschlechterspezifische Aspekte einbeziehen“, sagt Gotelind Alber aus Berlin. Sie ist nicht bei XR aktiv, aber steht in engem Kontakt zu den Aktivist*innen. Die Physikerin und Beraterin beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Energie- und Klimapolitik. Frauen würden laut Gotelind beispielsweise stärker den Nahverkehr nutzen und Männer mehr Auto fahren. Die Förderung von Elektromobilität bevorzuge diejenigen, die ohnehin schon Auto fahren, während die NutzerInnen des Nahverkehrs leer ausgingen. „Aufgrund des Klimapakets und der CO2-Besteuerung werden die Energiepreise steigen. Wen trifft es am meisten? Ältere Frauen vor allem, die ohnehin weniger Rente bekommen als Männer“, sagt sie. Bei steigenden Energiepreise brauche es also flankierende Maßnahmen, die solche Härten ausgleichen. Die beschlossene Erhöhung der Pendlerpauschale sei dabei nicht hilfreich. „Davon haben genau diese Frauen nichts“, so Gotelind. Sie kommta us Berlin und ist Mitgründerin des globalen Netzwerks „gender CC – women for climate justice“
Elena
„Für uns im globalen Norden fühlt sich das, was die Menschen im globalen Süden jetzt schon erleiden müssen, so weit weg an. Dabei ist die Klimakatastrophe schon da“, sagt Elena aus Berlin. Sie kämpft für Menschenrechte, besonders für die Sichtbarkeit der Menschen im globalen Süden. Selbst wurde sie schon vor 45 Jahren von ihrer Mutter, einer Andenbäuerin in Ecuador, aufgrund schwieriger Lebensumstände in die Stadt gegeben – seitdem hat sich in vielen Ländern die Situation vor allem für Frauen, die ihre Familie durchbringen müssen, extrem verschlechtert.
Carina
„Ich konnte meinen Kindern nicht mehr in die Augen schauen, wenn sie von ihren Wünschen und Träumen für die Zukunft erzählt haben. Ich konnte nicht weiter Yoga unterrichten und Wäsche waschen, während die Politik nichts dafür tut, dass die Träume meiner Kinder Wirklichkeit werden können. Jetzt ist das Zeitfenster, jetzt ist die Chance vielleicht noch da, die Klimakatastrophe zu verlangsamen oder Kipppunkte abzuwenden. Jetzt haben wir die Chance, ein nachhaltiges Miteinander zu gestalten. Dafür kämpfe ich. Oarina Wollny ist 31, Yogalehrerin und kommt aus Siegen. Seit fünf Monaten bestreikt sie ihr normales Leben: Sie ist nach Berlin gekommen, um Teil der Klimabewegung zu sein
Claire
„Auf der ganzen Welt sind Frauen stärker vom Klimawandel betroffen. Aus verschiedenen Gründen: Frauen leisten die meiste Arbeit in der Landwirtschaft, vor allem in den Familien, die sich als Kleinbauern von der eigenen Arbeit ernähren. Frauen sammeln meistens das Holz, um Feuer zu machen und holen das Trinkwasser von den Quellen. Dort, wo es bereits zu Missernten kommt, geht es Frauen und ihren Familien schon besonders schlecht. Es ist dokumentiert, dass Frauen sich aufgrund von Ernteausfällen der Prostitution zuwenden müssen, um ihre Familien zu ernähren. Wenn sie dann auch noch gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, laufen sie obendrein Gefahr, auf der Flucht vergewaltigt zu werden.“ Claire hat einen Doktor*innen-Titel. lebt in Cambridge, ist Biologin und Expertin für Biodiversität. Sie wünscht sich mehr Mitgefühl mit den Menschen, die bereits von der Klimakrise betroffen sind. „Wir sollten Mitgefühl und Hilfsbereitschaft nicht als Schwäche, sondern als Quelle der Kraft ansehen.“
Imke
„Ich habe Angst, an einen Punkt zu kommen, der nicht mehr umkehrbar ist, an dem Lebensräume für Menschen und Tiere für immer verloren sind. Als Mutter möchte ich, dass es meiner Tochter gut geht und dass sie in einer schönen anderen Welt groß wird”, sagt Imke aus Hamburg. Die Hausärztin wünscht sich, dass man bewusster lebt und die Dinge mehr wertschätzt.
Malika
„Als Mutter von zwei Kindern fühle ich mich mit allen Kindern sehr verbunden. Meine Kinder sind halb deutsch und halb afrikanisch, deshalb sind sie, was die Klimakatastrophe angeht, einigermaßen geschützt”, sagt Malika, die seit fünf Jahren in Berlin lebt. Aber sie will auch die anderen Kinder schützen. Was ihr am meisten Angst macht, ist die Polarisierung in der Gesellschaft. „Es wird besonders stark betroffene Menschen geben, die fliehen müssen, und die Menschen, die weniger betroffen sind, werden versuchen, diese von sich fernzuhalten.“ Die Klimabewegung macht Malika Hoffnung. Sie betrachtet sich als eine der Älteren bei Extinction Rebellion, die die Jüngeren unterstützen und für eine Transformation der Gesellschaft ohne Gewalt kämpfen.
Giulia
„Wir werden vor große Herausforderungen gestellt werden, wie zum Beispiel Trinkwasserknappheit. Ich habe große Angst, dass, wenn wir den kapitalistischen Weg weitergehen, Ressourcenknappheit auch als Geldquelle genutzt wird“ Die zweifache Mutter, die als Kostüm- und Bühnenbildnerin vor allem in der freien Kunst- und Performanceszene arbeitet, ist schon lange unglücklich mit der Art, wie wir leben: „Hunger, Leid, Ausbeutung sind in großen Teilen der Welt an der Tagesordnung. Jetzt steuern wir auf einen Punkt zu, an dem es so nicht mehr weitergeht. Das macht mir einerseits Angst, andererseits kann daraus etwas Besseres entstehen; ein anderes Miteinander und ein anderes Bewusstsein. Und das macht mir große Hoffnung“, so Gulia. Sie kommt aus Berlin glaubt, das große Veränderungen bevorstehen und ist froh, dass sich inzwischen weltweit Menschen erhoben haben, die das aussprechen.
Cléo
„Wir stehen einer enormen Bedrohung durch den bevorstehenden ökologischen Kollaps gegenüber: Meere übersäuern, Wälder brennen, das Eis schmilzt. Das löst Wut, Trauer, Ohnmacht aus und den Wunsch, zu verdrängen. Aber wir können uns Verdrängung nicht mehr leisten. Wir müssen jetzt handeln, denn wir haben nur dieses Jahrzehnt, um uns von Wachstum und Profitgier zu verabschieden“, warnt die Deutsch-Französin. Mieulet wohnt in Berlin ist Mutter dreier Kinder.
Theresa
„In meinen Augen ist das größte Problem an der Klimakatastrophe, dass es viel zu einfach für uns ist, sie zu ignorieren. Nicht, weil wir, oder auch die Politik und die Medien, die groben Fakten nicht kennen, sondern vor allem, weil es für uns in unser privilegierten Position so einfach ist zu vergessen, was gerade wirklich mit unserer Erde geschieht. Für mich ist Aktivismus ein Weg, mich diesem Vergessen nicht hinzugeben – mich mit der Situation immer wieder auseinanderzusetzen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Mir ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft nicht für den Weg entscheiden, der am bequemsten ist, sondern den, der in Anbetracht der derzeitigen faktischen Lage der Richtige ist.“
Rebecca
„Ich möchte irgendwann Mutter werden, und ich will meine Kinder nicht in eine kollabierende Welt setzen. Mir gibt Hoffnung, dass die Menschen anfangen zu verstehen, dass es nicht mehr um Lifestyle-Entscheidungen geht, dass sie aufstehen müssen für einen Kurswechsel und ihre Zukunft gemeinsam in die Hand nehmen”, sagt Rebecca. Die 25-jährige hat Psychologie studiert, kommt aus Göttingen und ist eine der Sprecherinnen von XR Deutschland.
Maria
„Meine Angst ist, dass in Südamerika das Wasser verschmutzt und die Wälder abgebrannt werden für die Interessen weniger. Meine Hoffnung ist eine Utopie: dass alle Menschen, vor allem in der westlichen Welt, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Das gilt vor allem für den Bereich Konsum. Jede*r muss sich fragen: Wer hat das Produkt hergestellt, welche Ressourcen wurden dafür verbraucht? Habe ich mit meinem Konsum geholfen zu vernichten?” Martia ist Unternehmerin, stammt aus Bolivien und lebt in Berlin.

Mit herzlichem Dank für die Bilder und Interviews an unseren Kollegen Sebastian Höhn

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