Tante Emma Unverpackt in Neuruppin

Fotos: Marcus Werner

Ladentür in Pastell, Holzbank vorm Fenster, auf der Scheibe aktuelle Angebote in perfektem Handlettering. Wer reinschaut, sieht Nudeln und Getreide in gläsernen Bins, loses Obst und Gemüse, am Tresen frisch gebackene Zimtschnecken oder Raw Cupcakes auf Keramik-Tellern. Dahinter: Elena Thayenthal. Im Herzen von Neuruppin, der knapp 32.000 Einwohner-Stadt in der Nähe unseres Brandenburger Hauses, betreibt sie „Tante Emma Unverpackt“. Es ist das erste und einzige Zero Waste-Geschäft der Region. Der urbane Stil sticht raus aus der Umgebung – und passt trotzdem sehr gut rein. 

Seit der Eröffnung im Oktober 2019 läuft der Laden. Nur ein halbes Jahr später kommt Corona. Und Elena muss umdisponieren. Mal wieder. Gut, dass neue Wege ihre Stärke sind! Und noch besser für uns, dass die 33-Jährige jetzt auch frei Haus liefert. Wir haben die multitalentierte Mutter von drei Kindern und In-der-Ruhe-liegt-die-Kraft-Frau für ein VOR \ ORT auf Abstand getroffen. Und beim leckersten Kaffee in Town über Nachhaltigkeit in ländlichen Regionen, die Unverpackt-Branche in der Krise sowie über neue Wege gesprochen. Los geht’s:

Liebe Elena, auch während des Shutdowns musstest Du als Einzelhandel für Lebensmittel nicht schließen. Was hat sich in den ersten Wochen der Pandemie trotzdem verändert? 


Ganz am Anfang hatte ich tatsächlich nur noch 20 Prozent der Kund*innen, die ich sonst habe. Und das konnte ich sogar nachvollziehen. Man sollte ja zur Zeit einfach versuchen, nur einen Laden für den ganzen Einkauf anzusteuern. Hier bekommt man natürlich nur einen Bruchteil. Und das merkte man dann eben! Ein paar Tage lang saß ich hier quasi alleine. 

Alleine mit der Entscheidung: Eher in die Angst oder eher neue Wege gehen. Wofür hast Du Dich entschieden? 

Für Letzteres. Ich hatte schon vor Corona mit dem Gedanken gespielt, auch Lieferung mit ins Angebot aufzunehmen. Die Krise war jetzt eher ein Schubser, die Idee noch schneller umzusetzen. Und schon am ersten Tag war für mich klar, dass ich innerhalb der nächsten zwei Tage einen  Online-Shop aus dem Boden stampfen werde (lacht). Wir Einzelhändler haben da meines Erachtens gar keine Wahl. Wir müssen ganz schnell umdenken, damit wir unsere Bude und unsere Mitarbeiter bezahlen können! Mein Merksatz: Wenn man eine Idee hat – insbesondere eine nachhaltige Idee – sollte man sie umsetzen. Und zwar sofort. Sonst macht es jemand anderes. Also hab’ ich die Öffnungszeiten des Ladens drastisch eingeschränkt, um Zeit für die Lieferung zu haben und los gelegt. Damit möchte ich auch den Leuten auch helfen, die zu Hause bleiben wollen oder müssen. Für alle anderen putze ich hier fünfmal so viel, wie sonst, am Eingang und an den Abfüllstationen hängt Desinfektionsmittel und natürlich kommt immer nur eine geringe Anzahl an Leuten auf einmal rein. Das geht ganz gut. 

Gibt es denn abgesehen davon überhaupt eine hygienische Gefahr, die von unverpackten Lebensmitteln ausgehen könnte?

Potenziell könnte so eine Gefahr höher sein, als in den Supermärkten. Deshalb geht es für unsere Branche jetzt vor allem um Vertrauen: Gegenüber den Lieferanten und vor allem gegenüber dem Einzelhändler. Meine Kund*innen müssen mir glauben, dass ich die Lebensmittel richtig lagere und sie in die Bins fülle, ohne rein zu Husten. Dass das eine Selbstverständlichkeit ist, ist klar – zum Glück wohl auch den meisten meiner Kund*innen. Da zahlt sich ein gutes, gewachsenes Verhältnis aus. Und darauf wiederum, musste ich vertrauen.

Wie hast Du es als Einzelunternehmer so kurz nach der Eröffnung geschafft, optimistisch zu bleiben? 

Ich muss gestehen, dass ich auch ein bisschen Angst habe. Weniger um mich selbst. Eher davor, dass die Leute generell wieder wegkommen von unverpackten Sachen. Die Hygienevorschriften sind aktuell überall gigantisch – und für die kontrollierenden Behörden gilt Edelstahl und leider auch Plastik nun mal als leichter zu reinigen. Ich hab Angst, dass wir durch die Wirtschaftskrise, in die wir jetzt wohl reinrutschen, wieder den Schritt zurück machen zu billig, billig, billig. Und ich hab Angst vor dem ganzen Müll durch all die Einweg-Mundschütze, Kunststoffhandschuhe und so weiter.  Alles logisch und nachvollziehbar, aber ich hoffe, dass die Menschen trotzdem achtsam bleiben – und dass wir jetzt nachhaltige und langfristige Lösungen schaffen. Ich will, dass die Leute nach der Krise wieder rausgehen und die kleinen Läden nutzen! Deshalb setze ich alles daran, dass die Menschen auch bei „Tante Emma Unverpackt“ auch während Corona weiter wirklich rein kommen. 

Die Kinderspielecke, das Büchertauschregal, die Café-Ecke: Wenn wir’s richtig sehen, versuchst Du das, indem Du einen Ort zum verweilen schaffst. Führst Du dabei auch viele Beratungsgespräche in Sachen Zero Waste?

Ja, es ist wirklich ein richtiger Tante Emma Laden (lacht). Heißt: Es geht nicht allein ums Unverpackt-Thema.  Jeder hat ein Mitteilungsbedürfnis. Jeder braucht mal Rat. Es ist fast eine familiäre Stimmung. Man verabredet sich hier, man quatscht zusammen. Der Cafe-Bereich ist genau deswegen integriert. Es ist ein Ort für Austausch. 

Und ein Ort mit Stil. Alle Deine Tafeln und Schildchen sind handgeschrieben. Machst Du das selbst?

Ja. Und zwar sehr bewusst. Wenn wir wollen, dass der Trend bleibt, dann müssen wir alles dafür tun, dass es so trendig wie möglich ist und einfach auch eine gewisse Ästhetik anbieten. Wir müssen da mit der Zeit mitgehen. Deshalb achte ich nicht nur auf die Philosophie hinter einem Produkt, sondern auch aufs Logo und Erscheinungsbild. Egal, wie gut der Inhalt ist: Mit einem schlechten Logo krieg ich’s nicht verkauft! Ich finde Ästhetik wird im nachhaltigen Bereich immer noch total unterschätzt. Und auch in der Umgebung fehlt sie mir hier ehrlich gesagt oft. Eine hübsche Präsentation, schöne Teller… Mir ist es wichtig, etwas Liebevolles mit reinzubringen. Ich will, dass die Leute auch Spaß beim Einkaufen haben, das sie ihre Behälter und Gläser auch selbst schön beschriften und die Speisekammer wieder neu etablieren. Es geht um eine neue Wertschätzung für die Lebensmittel!

Die ist unserer Meinung nach ja generell eher flöten gegangen. Wie erlebst Du das speziell hier in Neuruppin und Umgebung? Und wie nimmst Du die Stadt wahr, was das nachhaltige Angebot und Naturverständnis angeht?

Ich würde sagen, Neuruppin ist sehr nachhaltig. Es gibt hier eigentlich nur zwei Richtungen: Entweder Bio ist sehr wichtig oder man mag es eher einfach und nutzt das Einkaufszentrum. Schon vor „Tante Emma Unverpackt“ hatten wir zwei Bioläden – und die laufen gut. Ein gutes Zeichen für mich, gleichzeitig wollte ich nie mit ihnen konkurrieren. Die Frage war eher, wie kann ich ergänzen? Mein Fokus liegt daher  eindeutig auf den Plastik freien Produkten. Aufklärungsarbeit dafür war eigentlich kaum nötig. 

Du bist gebürtige Österreicherin, warst lange in Hamburg und lebst seit 3 Jahren in Neuruppin. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, Deinen eigenen Laden aufzumachen?

Ich bin da ziemlich blauäugig rein. Ich wusste einfach, ich will irgendetwas verändern. Und für mich war es am logischsten, etwas zu tun, was Müll vermindert. Mich ärgert und frustriert, wie wir mit Tieren und der Umwelt umgehen. Und in Bezug auf Müll kann man so leicht etwas anders machen! Mir hat’s einfach nicht mehr gereicht, das alleine zu tun. Gerade hier in der ländlichen Region ist das ganz wichtig. Wir wollen ja, dass nicht nur die Menschen in der Großstadt Zugang zu nachhaltigen Produkten haben.

Was muss man Deiner Meinung nach hier anders machen?

Man muss sich an den Ort anpassen und sich individuell anschauen, was genau hier funktioniert. Ich merke aktuell, dass die regionalen Produkte nicht so gut laufen. Hausgemachten Marmeladen zum Beispiel machen die Leute hier im Gegensatz zu vielen Großstädtern ganz selbstverständlich selbst. Unsere Kunden achten vor allem auf die Basics, die müssen immer da sein: Waschmittel, Eier und Milch zum Beispiel. Mit den Trendsachen bekomme ich die Einheimischen nicht so richtig. Die Städter, die zu Besuch sind, greifen hingegen sofort zu den selbst genähten Mehrweg-Abschminkpads oder der Zahnpasta im Glas. 

War das für Dich so absehbar?

Nicht im Detail. Bevor ich den Laden eröffnet habe, habe ich ein Crowdfunding gemacht. Das würde ich jedem, der was Ähnliches machen will empfehlen. Nicht nur wegen des Kapitals. sondern vor allem, weil man daran schon merkt, ob Interesse da ist. Für mich war der Start ein totales Experiment und auch richtig viel Arbeit. Ich hab’ ein Existenzgründerseminar besucht, mich mit Experten beraten. Und mir hat’s geholfen, dafür viel auf der Straße zu gehen, zu reden und mich umzuhören. Ich hab öffentlich gesungen, Reden bei Fridays For Future gehalten, alles Mögliche – und so vielleicht alles möglich gemacht. 

Würdest Du Dich selbst als Aktivistin bezeichnen?

Vielleicht. Jedenfalls waren mir immer schon die selben Themen wichtig. Ich hab schon mit acht Jahren meine Nachmittage damit verbracht, Unterschriften gegen den Walfang zu sammeln und hab’ Greenpeace Bücherweise Unterschriften geschickt. Und auch jetzt versuche ich mehr zu machen, als nur im Laden zu stehen. Die Arbeit fängt hier nur an. Das wichtigste ist eigentlich der Kontakt mit den Lieferanten. 

Was heißt das genau? Wie kannst Du denn die regionale Umgebung mit in Dein Angebot einbeziehen?

Vor der Eröffnung habe ich erstmal alle Höfe in der Umgebung abgeklappert. Allein die Suche nach den passenden Lieferanten dauerte zwei Monate: Mindset verstehen, Angebote einholen, Proben schicken lassen und natürlich die Ware testen. Ich habe fast alles, was ich hier anbiete selbst gekostet und ausprobiert. Und vor allem habe ich mir angeschaut, wie die die Tiere gehalten werden. Ich möchte Milch und Fleisch anbieten, weil es mir lieber ist, dass die Menschen es hier kaufen, als im Supermarkt. Letztlich habe ich zum Beispiel den Hof Stolze Kuh gefunden. Dort dürfen die Kälber bei ihren Müttern bleiben. Die Kühe werden sogar auf der Weide gemolken. Für mich war klar: wenn ich schon Kuhmilch habe, dann muss sie super nachhaltig sein. 

Und? zufrieden?

Absolut. Eigentlich mit der gesamten Auswahl. Rund ein Drittel der zirka 35 Lieferanten kommt aus der Region. Ich hätte es am liebsten noch regionaler. Aber für den Anfang find’ ich’s gut so. Und manchmal müssen die Wege einfach länger sein. Unser Kürbisöl zum Beispiel wird in Österreich gepresst. Nirgendwo schmeckt es so gut wie dort.

Tauschst Du Dich zu solchen und anderen Themen eigentlich auch mit anderen Unverpackt Läden aus?

Ja. Ich bin zwar nicht im Unverpackt-Verband, aber der Austausch ist mir trotzdem wichtig. Das Schöne ist, dass wir nicht miteinander konkurrieren. Uns geht’s um die Sache. Ich möchte natürlich, dass es so viele Unverpackt Läden, wie möglich gibt!

Das möchten wir auch! Vielen Dank für Deine Zeit, liebe Elena. 

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