Behind The Scenes bei MUD Jeans

Fotos: Marcus Werner

Spätestens seit MUD Jeans ein Verleihsystem für ihre Hosen eingeführt haben, steht die niederländische Brand auf unserer Favorite-Liste. Ob das System immer noch funktioniert, was im konventionellen Fashion-Bereich wirklich falsch läuft und wie Recycling richtig funktioniert, erzählen uns MUD Jeans CEO Beert van Son und Co-Owner Dion Vijgeboom im Interview.

Bert van Son, der CEO von MUD Jeans, im Headquarter bei Amsterdam
Du arbeitest seit Jahrzehnten in der Textilbranche, früher auch konventionell. Was hat sich in den vielen Jahren verändert?

In meinem Leben habe ich den Wandel der Textilbranche mitbekommen: von etwas Schönem, mit dem man sich wohl und sicher fühlt, hin zu einer Explosion von billiger Scheißware. Damals gab’s eine Winter- und Sommerkollektion. Heute kaufen wir fünf Mal so viel Kleidung wie früher. Wenn man jetzt nicht 42 Kollektionen im Jahr produziert, kann man nicht mehr mithalten.

Wie kam das denn?

Durch Marketing von vielen intelligenten Leuten in Kombination mit unserem Wirtschaftssystem und Geldgier. Wenn man sich mal Gedanken darüber macht, was es alles braucht, um Jeans herzustellen – Baumwolle, Farben, Hersteller, Kontrollen – das ist unglaublich viel Arbeit. Wenn man sie dann so günstig verkauft weiß man: Irgendwo in der Kette stimmt da etwas nicht.

Wann war der Moment, an dem du genau das alles realisiert hast? 

B: Es gibt nicht den einen Moment. Im Jahr 2008 habe ich meine Firma verkauft und zum ersten Mal in vielen Jahren Zeit gehabt nachzudenken. Little by little habe ich mich gefragt, was ich eigentlich die letzten 13 Jahre lang gemacht habe? Das war ein langer und langsamer Prozess. 

Und dann hast du dir gedacht: Das möchte ich anders machen?

B: Ja. Ich hatte Zeit, ein wenig Geld, ein großes Netzwerk. Mein Gedanke war: Wo kann ich ein bisschen was verdienen, aber auch etwas zurückgeben? Jeans sind die beliebtesten Artikel in der Branche, alle tragen sie. Aber bei Jeans läuft auch einfach wirklich alles falsch.

Das MUD Jeans HQ befindet sich zirka eine halbe Stunde südlich von Amsterdam in einer alten Kaserne, die heute als Kreativzentrum dient.
Was zum Beispiel?

B:  Das bezieht sich auf jeden einzelnen Schritt in der Jeansproduktion. Baumwolle ist eine wirklich dreckige Pflanze: Die meiste Baumwolle ist nicht fair hergestellt. In einer aktuellen Untersuchung wurde festgestellt, dass in einigen Spinnereien in Indien immer noch Sklavinnen arbeiten, die dort das Geld für ihre Mitgift abarbeiten müssen. In den Webereien ist es nicht viel besser. In der eigentlichen Herstellung werden die meisten Jeans mit unglaublich vielen Chemikalien gewaschen.

Mittlerweile gibt es allerdings fast überall technologische Verbesserungen – wenn man denn will und auch bereit ist, das zu bezahlen. So werden Jeans aber bis zu drei Mal so teuer, als würde man überall den günstigsten Weg gehen.

Du hast MUD Jeans 2012 übernommen. Arbeitest in der gleichen Branche wie vorher, nur eben doch irgendwie ganz anders. Was sind für dich die größten Unterschiede?

B: Vorher habe ich sehr viel Geld verdient. Jetzt macht’s Spaß aber ich verdiene auch nicht mehr so viel Geld. 

Also ist Spaß da der wichtigere Faktor?

B: Spaß und das Gefühl, dass man nicht alles kaputt macht. Ich habe drei Kinder. Wenn meine Generation mal zurückschaut und fragt: Was haben wir eigentlich gemacht? Viel Geld verdient haben wir. Und ansonsten? Wir mussten nie für unsere Rohstoffe, die Energie oder den Müll zahlen, den wir gemacht haben. Die Rechnung bleibt für die kommende Generation liegen – und sie ist groß.

Das ist wohl einer der größten Fehler im System: Dass wir nie für unseren Dreck zahlen mussten. 

B: Ja. Aber man muss natürlich Geld verdienen. Wir sind ja keine NGO. Wir verdienen mit unserer Arbeit Geld. Aber dabei möchten wir nachhaltig sein und unsere Leute richtig bezahlen. 

Wenn echte Nachhaltigkeit aber eben viel mehr Geld kostet, wie kann ein Unternehmen wie Ihr, dann am Markt überleben?

Mit dem derzeitigen Volumen unserer Verkäufe können wir uns noch nicht das leisten, was wir möchten. Wir produzieren momentan 15.000 Jeans pro Jahr. Um richtig Geld zu verdienen müssten wir ein bestimmtes Volumen erreichen und uns in der Größe verdoppeln. Unser Ziel ist, dass wir maximal 250.000 Jeans im Jahr herstellen. Bis zu der Größe haben wir noch alles unter Kontrolle. 

Hat man ab der Größenordnung dann auch den Hebel, mit dem man wirklich etwas verändern kann, oder?

B: Ab 100.000 bis 150.000 Jeans sogar schon. Damit können wir weiter ausbauen und investieren. Man könnte ein wenig Geld in einen eine Stiftung stecken, wie Dopper das zum Beispiel auch schon macht. Die sind schon groß genug, um drei Prozent ihres Umsatzes in nachhaltige Projekte zu investieren. Das wäre natürlich super, wenn das auch irgendwann für uns möglich wäre. 

… ist das auch dieser B-Corp Gedanke?

B: Ja, ich bin ein großer Fan von B Corp. Man muss in den Statuten des Unternehmens erklären, dass man beim Geldverdienen nicht gegen die Menschlichkeit handelt. Das steht auch in unseren Firmenstatuten. Selbst, wenn ich irgendwann nicht mehr da bin und wir die Firma verkaufen – das bleibt im Firmengrundsatz bestehen. 

Woher bezieht ihr eure Materialien?

B: Unsere alten MUD Jeans, die wir wieder einsammeln, gehen nach Valencia in Spanien. Da werden sie geschreddert und mit 60 Prozent neuer Baumwolle gemischt. Daraus wird ein Faden hergestellt, der wieder gewebt und gefärbt wird. Dieser geht dann nach Tunesien.

Das hört sich zwar sehr weit an, für Textilien ist das aber im Vergleich wirklich nah. Wir achten auch auf den CO2-Ausstoß und sind ein CO2-neutrales Unternehmen. Bei unserem Hersteller in Tunesien arbeiten 1000 Menschen. Schnitt, Näherei und auch Wäscherei ist dort alles unter einem Dach. Deshalb können wir auch alles gut kontrollieren. 

Wo kommen denn eure 60% neue Baumwolle her? 

B: Die sind GOTS-zertifiziert aus Indien. Natürlich möchten wir irgendwann 100% recycelte Jeans herstellen. Wir haben uns vorgenommen, das bis 2020 zu schaffen. Auf dem Weg unterstützt uns jetzt sogar die holländische Regierung.

Dion Vijgeboom ist Co-Owner bei Mud Jeans und für die Weiterentwicklung der Produkte verantwortlich.
Wie wollt ihr das machen?

B: Es gibt zwei Möglichkeiten, Baumwolle zu recyclen. Die Eine ist mechanisch – das machen wir. Das heißt, wir schreddern den Stoff. Die zweite Option ist molekulares Recyceln, wobei der Stoff mit der Hilfe von Kristallen zu einer Art Paste aufgelöst wird und anschließend in ein Filament gepresst wird. Wir glauben, dass man durch einen Mix aus diesen beiden Möglichkeiten am Ende starke Fasern erhalten kann. Wir investieren in diese Forschung zusammen mit unseren Forschungs-Partnern gerade viel Zeit und Energie und hoffen, eine der ersten Firmen zu sein, die sagen kann: wir haben neue Jeans hergestellt – aus 100% recycelten Jeans. Allerdings muss man auch aufpassen.

Wieso?

B: Viele Firmen sagen, in ihren Stoffen sei ein großer Anteil recycelter Jeans. Das sind dann aber oft nur Schnittabfälle statt recycelten post-consumer Jeans. Das ist auch okay – aber so etwas gibt es schon seit zwanzig Jahren. Viele mischen die Baumwolle auch mit Plastik.

… aber dann geht der ganze Kreislauf kaputt.

B: Genau, das ist dann weiterhin nur die lineare Economy, eben nur mit einer extra Runde.. Einhundert Prozent eines Stoffes lässt sich immer am besten wiederverwenden. Mit einer Mischung aus Wolle, Baumwolle und Polyester, ist es schwierig, das Stück zu recyclen. 

Ihr denkt bei MUD Jeans viel im Kreislauf. Wie kann man sich das vorstellen?

Da gibt es zwei Wege. Die erste Art ist ganz einfach: Pfand. Der zweite ist ein wenig komplizierter: Vermietung. Wir bleiben im Grunde die Besitzer des Stoffs. Die Kunden mieten sich ihre Jeans für zwölf Monate und können sich dann entscheiden, ob sie diese behalten möchten oder an uns zurückschicken. Wenn sie zurückgeschickt werden, schauen wir ob wir sie zu einem günstigeren Preis erneut anbieten oder recyceln und neue MUD Jeans daraus machen.

Gibt es ein Material, das Ihr gerade spannend findet?

Ja, zellulosebasierte Materialien, wie zum Beispiel Hanf. Wir arbeiten gerade daran, das nutzbar zu machen. Im Moment ist das für unsere Kunden noch zu teuer. Aber das ist, glaube ich, die Zukunft. Hanf ist ein sehr schönes Material.

Und gerade auch wieder stark im Kommen. Apropos Preis. Eure Jeans müssten eigentlich teurer sein…?

B: Ja, sie sind 33 Euro zu günstig. Die Rechnung kann man einfach machen: Jeden Schritt muss man ehrlich bezahlen und auch für den Abfall verantwortlich sein, den man macht. Wenn man ehrlich rechnet, müssten Jeans viel teurer sein.

H&M, Primark und Co.: Alle machen Jeans. Primark vermarktet in Deutschland gerade eine “nachhaltige” Jeans für 15 Euro. Wenn du das im Kopf hast und deine ganze Karriere in der Textilindustrie reflektierst: Bist du desillusioniert? Oder bist du optimistisch? 

B: Der Nachhaltigkeitsbegriff sagt an sich ja nichts aus. Aber auf deine Frage gibt es viele Antworten. Natürlich bin ich als Unternehmer optimistisch und ich glaube, dass wir es schaffen. Wichtig ist aber natürlich der Kunde. Mit jeder Entscheidung – Essen, Autos, Kleidung – haben wir als Konsumenten eine Stimme. Gerade ist dieser Nachhaltigkeitsbegriff ja ein riesiger Trend. Viele Firmen denken, wenn sie sich Nachhaltigkeit auf die Fahne schreiben, dann können sie noch mehr Profit machen. 

Aber ist es nicht auch gut, wenn große Firmen ein größeres nachhaltiges Angebot haben?

B: Ja, aber es entsteht auch ein ungleiches Spielfeld. Die Kunden gehen dann weiterhin zu H&M und kaufen deren conscious collection. Sie denken, sie tun etwas Gutes. Dabei vergessen sie, dass H&M letztes Jahr Klamotten für 4,3 Milliarden Dollar überproduziert hat – das wird dann verbrannt. Dann müsste H&M auch ehrlich sein und sagen: Wir haben nachhaltig noch nicht geschafft.

Was ist das für ein krankes Geschäftsmodell, wenn man Kleidung im Wert von 4.3 Milliarden Dollar überproduziert und verbrennt – und trotzdem so viel Gewinn macht…

B: So ist das, wenn man ein T-Shirt für einen Euro einkauft und für neun wieder verkauft.

Welche Brands und Leute inspirieren dich auf deinem Weg? 

B: In den letzten 50 Jahren ist es vielen Leuten gelungen, Scheißsachen zu vermarkten. Es gibt sehr gute Marketing-Leute, die dich dazu bringen, Mist zu kaufen, ob du es willst, oder nicht. Aber es gibt so wenig Leute, denen es gelingt, etwas Schönes zu vermarkten. Tony Chocolonely haben das aber zum Beispiel geschafft, sie stellen Slave-free Schokolade her. Die Kakaobohnen sind nicht von Sklaven und Kindern gepflückt. Deren Strategie funktioniert. Solche Marketing-Leute braucht es auch mehr in der nachhaltigen Ecke. Und natürlich ist Patagonia immer eine große Inspiration und positives Beispiel. 

Außer Patagonia, und Tony Chocolonely: Gibt’s noch andere Inspirationen?

B: Dopper auf jeden Fall, die finde ich super. Das Fairphone. WakaWaka-Ladegeräte – die funktionieren mit Solarenergie. Und Tesla natürlich.

Bei vielen nachhaltigen Produkten ist die Qualität aber einfach auch noch nicht da. 

B: Stimmt, das ist so wichtig. Bei Jeans muss für uns zum Beispiel unbedingt die Passform sitzen. Deshalb bin ich auch für mein Team so dankbar. Dion macht die besten Jeans der Welt. Aber wir schauen alle in die gleiche Richtung: Wir wollen schöne Jeans machen und diese verkaufen. Wir wollen, dass die großen Firmen sagen: Scheiße. Die schaffen es. Warum wir nicht?

Dion Vijgeboom ist bei MUD Jeans für die (Weiter-)Entwicklung der Produkte verantwortlich. Hier erzählt er uns, woran MUD Jeans gerade arbeitet.

Dion Vijgeboom
If you had to describe it: What do you do at MUD Jeans?

D: My favourite part about my role here is to develop new washing techniques, to work on new fabrics that are product innovations. That’s my biggest passion.

How can products like jeans be innovative? 

D: In our case, we now reached up to 40% old jeans in the new jeans and we’re working on getting this percentage up. That takes a lot of research and testing.  If you ever have the chance to either visit a factory where they make the fabric or yarns or where they make the garments, you can see the amount of steps that are taken before you have the jeans. From cotton to jeans it’s such a long chain of steps. The washing of the jeans, that traditionally were done chemically, with sand blasting, many nasty things. In this step there is a lot of innovation for example. You maybe don’t see it in the product directly but in the process you do.

What are the exact innovations in dying, washing?

D: Endless. For instance you don’t dye the fabrics, you dye the yarns. You have hundreds of yarns lined up and they are led through baths of indigo. The more baths, the deeper and darker the colour. There is a lot of water mixed with indigo needed. The yarns go in and out in higher and lower temperatures. They can be up to 100 metres long. For instance now, the company we buy our fabrics from, they invented a new system where the yarn only needs to go through one bath of foam that is mixed with indigo – and it’s done. So you don’t need any water anymore. The amount of dye is 95% less or so. That’s something I’ve been working on for the last two years.

That’s impressive. How does that work? You go to the companies, manufacturers and tell them you heard different things and then they try it out or is it their ideas?

D: The technique I just described came from them together with the machine manufacturer. But what we do in the laundry where the jeans are washed we constantly ask ourselves if we can maybe get rid of this or that product. But we also talk to the suppliers of these products, we work for example with one Austrian supplier, and ask for alternatives. We also try a lot: does maybe one combination of products work better than the other. One time we tried for a special washing and the outcome was totally different from what we had wanted. But it looked really cool so we also do that as a product now.

What’s the latest innovation for yourself that you were really proud of?

D: We’re not there yet but we have committed ourselves to make a pair of jeans 100% out of recycled jeans. We have ideas on how to reach that and we have the partners to reach it, a university, the recycling company. We will spend the next year or so to reach that. 

Fotos: Marcus Werner

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