Oat-Milk-Alarm: Reicht der Hafer für den Hype?

Als wenn das dunkle Februar-Wetter alleine nicht schon schlimm genug wäre! Müssen wir neben Sonnenlicht jetzt etwa auch noch auf politisch korrekten Heißgetränke verzichten, die uns doch eigentlich guten Gewissens durch den Spätwinter-Blues helfen sollten? Hart, aber is’ so: Der Haferdrink wird knapp! So scheint es zumindest zuweilen in Berlin Neukölln. Selbst im weniger hipsteresk gelegenen Einzelhandel herrscht nicht erst seit dem Corona-Virus immer wieder gähnende Leere in den Regalen, Anbieter übergreifende Flaute, Oat-Drink-Alarm. 

Kein Wunder. Seit der allgemeinen Erkenntnis, dass Kuh angesichts von Klima- und Ethik-Problemen nun wirklich nicht länger als „normale Milch“ bezeichnet werden kann, ist Hafer die erste Alternative, die funktioniert. Soja? Zu pappig. Mandel? Zu nah am Marzipan. Schon rein geschmacklich kommt Hafer als einzige „Ersatz-Milch“ wirklich an das ran, was wir jahrzehntelang gewohnt waren – insbesondere seit die schwedische Brand Oatly auch noch die Barista-Variante zum Schäumen anbietet. Erst seit einem Jahr gibt es den schwedische Hafer-Drink auf dem deutschen Markt. In Großstadt-Cafés wird trotzdem am häufigsten genau danach gefragt. Insgesamt schlägt Oatly täglich 40 Tonnen Hafer um. 8000 1-Liter-Packungen laufen pro Stunde vom Band. Und der Ersatzmilch-Markt wächst laut Oatly so schnell, dass der Konzern für dieses Jahr noch von einer Steigerung ausgeht.  

In Deutschland wurde Anfang des Jahres auf der Biofach-Messe in Nürnberg der Haferdrink in der Mehrwegflasche von Voelkel zum Produkt des Jahres gewählt. „Kurz nachdem ich das erste Foto davon auf meinem privaten Instagram-Account gepostet hatte, konnte ich plötzlich dutzende Unverpackt-Läden als neue Follower begrüßen. Die erste Abfüllung war dann innerhalb weniger Tage ausverkauft“, erzählt Jurek Voelkel, Marketing- und Vertriebschef des Familienunternehmens. Das hat natürlich mit der Pfandflasche zu tun – aber eben auch mit dem Inhalt. Die Resonanz übersteigt alle Erwartungen. Und die waren ohnehin schon hoch. Unlängst hat Voelkel 15 Millionen Euro in den Ausbau der Produktions- und Lagerkapazitäten am Heimatstandort investiert.

Hafermilch macht Veganismus zum Mainstream-Muss. Und wir Berliner*innen mögen sie offenbar so sehr, dass wir regelmäßig komplette Bestände auftrinken. Ein Luxus-Problem? Oder wirklich Grund zur Sorge? Warum neigen wir denn bloß immer wieder dazu, den Konsum komplett zu übertreiben, sobald wir ein neues Hype-Lebensmittel gefunden haben? Und: Müssten wir die drohende Wiederholung des alten Avocado-Fehler jetzt sofort im Getreidekeim ersticken?

„Nein“, sagt Lothar Braun-Keller. „Bei mir ist das Problem jedenfalls noch nicht angekommen.“ Eher im Gegenteil – immer noch. Laut dem Bio-Landwirt aus Leibertingen in Baden-Württemberg , der seit 30 Jahren auch Hafer in seiner ökologischen Fruchtfolge anbaut, kommt der Hype quasi genau zur rechten Zeit. „Früher wurde der Hafer zur Ernährung der Nutztiere gebraucht. Die bekommen mittlerweile mehr Weizen, Gerste, Soja, Mais und anderes“, so Braun-Keller. „Die Zunahme von Hafer in der menschlichen Ernährung beginnt diese Entwicklung wieder umzudrehen – zumindest in Bioanbau.“ 

Landwirt Lothar Braun-Keller

Aktuell werde in Deutschland trotz Oat-Milk-Trend noch immer nur etwa ein Drittel soviel Hafer wie Weizen produziert.  „Das lukrativste Getreide ist Hafer nicht. Das ist weiterhin Weizen“, so Braun-Keller. „Aber wegen der Fruchtfolge in der Bio-Landwirtschaft kann und will ich ja nicht jedes Jahr Weizen anbauen.“ Eine höhere Nachfrage nach Hafer könnte die Wirtschaftlichkeit gegenüber Weizen laut dem Landwirt nivellieren. „Es gibt noch Luft nach oben. Wir dürfen den Weizen also gern noch ein bisschen mit Hafer verdrängen.“ 

Und das ginge sogar in Sachen Anbau durchaus klar: Denn das Getreide ist nicht nur für Großstadt-Kids sondern auch für Erzeuger wie Lothar Braun-Keller interessant:  „Ähnlich wie für den Körper des Menschen ist der Hafer für unsere Böden sehr bekömmlich. Er ist unkompliziert im Anbau, lockert die Fruchtfolge auf und nimmt beispielsweise perfekt den Stickstoff an, der in der Biolandwirtschaft regelmäßig mit der Allheil-Pflanze Kleegras in den Boden eingebracht wird“, so Braun-Keller. „Auch auf den Weizen hat der Hafer als Vorfrucht eine sehr positive Wirkung.“

Im Großen und Ganzen sind wir also ethisch und ökologisch auf der sicheren Seite? Solange wir tunlichst darauf achten, dass wir Hafer-Milch mit Getreide aus der Nähe, bestenfalls Deutschland und vor allem immer in Bio-Qualität kaufen! Dann ja. Die Ressourcen reichen auch laut Voelkel. Für den Haferdrink in der Pfandflasche nutzt das Unternehmen noch Getreide aus Europa – hat aber schon jetzt angekündigt, ab der nächsten Ernte komplett mit Hafer aus der Bundesrepublik auszukommen zu können.

„Wir Bios, sowohl die Bauern als auch Verbände und Verarbeiter beobachten den Markt ganz genau und versuchen frühzeitig auf Veränderungen zu reagieren “, erklärt Braun-Keller. „Da sollte es schon gelingen, zu merken, wenn wir das Maß übertreten  – und rechtzeitig Stopp sagen oder eben auch mehr zu machen je nach Bedarf.“

Laut dem Bio-Landwirt dauert es in der Regel fünf bis zehn Jahre bis eine Entwicklung ins Extreme geht. „Da kann man immer noch gegensteuern – vorausgesetzt, dass alle miteinander kommunizieren.“ Mit alle meint Braun-Keller die Erzeuger, Erzeugergemeinschaften, Verarbeiter, den Handel aber auch zukünftig die Verbraucher*innen. Sein Wunsch: „Es müsste in solchen Fällen Rückkopplungen zu den Verbraucher*innen geben. Auch sie müssen wissen, wann ein Maximum erreicht ist.“  

Aktuell herrscht ein Maximum eben vor allem bei der Nachfrage. Und weil Kuhmilch mittlerweile zum Glück so ein schlechtes Image hat, ist Verbraucher*innen auch egal, dass sie für die pflanzliche Alternative mehr zahlen müssen. Laut Verbraucherzentrale Berlin machen wir das hier sogar gern! Wenngleich der Grund für die happigen Preise in Bezug aufs Klima eher nicht so nachhaltig ist: Von der EU bekommen sowohl Milchbauern als auch Getreide-Landwirte Subventionen. Ein Ungleichgewicht besteht bei der Mehrwertsteuer: Im Handel zahlen wir auf Hafermilch 19, auf Kuhmilch nur 7 Prozent Mehrwertsteuer. 

Langer Rede kurzer Sinn: Die Regale sind leer, weil viele Leute viel Hafer-Drink kaufen. No matter what! Und wir wundern uns, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, nicht immer alles und sofort zu bekommen. Unser Tipp für alle, die im Einzelhandel mal kein Glück haben: Investiert in einen guten Blender und macht’s Euch selbst! 50 bis 100 Gramm Hafer auf ein Liter kaltes Wasser geben, eine Prise Salz und je nach Geschmack noch ein, zwei Datteln dazu, gut mixen, durch ein feines sieb oder Tuch filtern, fertig!

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