Es regnete zu wenig, viele Bäume sind zu trocken oder bereits abgestorben. Allgemein werden unseren Wäldern in den Medien eher düstere Aussichten prophezeit. Grund genug, dass wir im Spätsommer nach Brandenburg gefahren sind, um Milan Hänsel zu treffen – und mal konkret nachzufragen. Wie geht’s dem deutschen Wald nun wirklich? Milan ist Förster, Grafikdesigner, Produktmanager, Familienvater, politisch aktiv und: Optimist. Wir wollten wissen, was die Dürresommer mit Bäumen machen, wieso das schlimm ist, aber noch nicht alle Hoffnung verloren. Bei einem ausführlichen Spaziergang hat Milan uns beispielsweise erklärt, wieso Brände sogar gut sein können. Alles mit einem Lächeln im Gesicht, immer positiv.

Milan – Wie geht es denn unseren Bäumen?

Schlecht. Natürlich sehen wir, wenn wir aus dem Fenster schauen: Es ist trocken. Durch zwei sehr regenarme Sommer sind viele Bäume jetzt schlichtweg vertrocknet und andere nicht mehr so vital, sehr geschwächt und anfällig für Krankheiten.

Nur im Wald? Oder ist das bei unseren Stadtbäumen auch so? Mit Sicherheit haben es die Stadtbäume momentan um einiges schwieriger als die Waldbäume, weil sie so einkorsettet sind. Auf der anderen Seite gibt es in der Stadt auch viele Menschen, die sich um die Bäume kümmern können. Und da Stadtbäume super wichtig für die Regulierung der Luftqualität und der Temperatur in der Stadt sind, werden die Bäume von Stadtförstern gepflegt. Deshalb hat auch jeder Baum eine Plakette mit Nummer darauf. Die Bäume im Wald sind dafür etwas mehr auf sich gestellt.

Was passiert, wenn wir unseren Baum vor der Berliner Haustür in heißen Sommern nicht mit den von den Medien empfohlenen 60-70 Litern gießen. Sterben sie eher ab als Waldbäume?

Durch weniger Wasser werden sie schwächer. Und dadurch werden sie anfälliger für Folgekrankheiten. Das kann sich mehrere Jahrzehnte hinziehen, bis der Baum vollends stirbt. Allerdings wird er während des Absterbeprozesses schon instabil. Wenn man sich dann einen nicht mehr standsicheren Baum auf einem Kinderspielplatz vorstellt, dann sollte man zuerst an die Verletzungsgefahr der Bewohner der Stadt denken: Das ist das aufgeschobene Problem der Stadtbäume.

Wir haben aber schon das Gefühl, dass man im August in Berlin schon durch die Straßen gelaufen ist und die Bäume ihre Blätter abgeworfen haben: Es wirkte schon früh herbstlich. Macht da jemand was?

Dass Bäume ihre Blätter jetzt schon abwerfen, hat zwei Gründe. Der erste ist ganz einfach der: Es ist zu wenig Wasser da und die Bäume möchten weniger verbrauchen, deshalb werfen sie die Blätter ab, um Wasser einzusparen. Dabei ist der Baum noch lebendig, aber verliert an Kraft. Die zweite Möglichkeit ist nicht so schön: Sie werfen sie ab, weil sie einfach vertrocknet sind. Das zeigt aber auch: Braune Blätter an sich sind erstmal nicht unbedingt dramatisch, man muss sie nur weiter beobachten.

Milan kennt sich in Berlin genauso gut aus wie in Brandenburg, denn hier hat er jahrelang als Grafikdesigner gearbeitet, bevor er sich „aus dem blauen Dunst heraus“, wie er es achselzuckend nennt, entschied, nochmal ein neues Studium zu beginnen. Er geht nach Eberswalde und studiert dort Forstmanagement. Wie’s kam? „Eigentlich hat alles mit einem Pony angefangen“, sagt Milan, für das sie eine Weide gebraucht hätten. Er lacht. Heute pendelt er zwischen Großstadt und Land. In Berlin ist er Teil des Start-Ups Wald wird mobil, das Waldbesitzer in ganz Deutschland zusammenbringen möchte. In Brandenburg  leitet er mit seiner Familie das nachhaltige Forstunternehmen Heu und Holz.

Apropos Holz, also ist die Trockenheit der letzten zwei Jahre also eigentlich kein Problem?

Naja, so einfach ist das auch nicht. Wenn die Bäume früher ihre Blätter abwerfen, um Wasser einzusparen, sich also früher auf den Herbst einstellen, dann hatten sie in dem Jahr natürlich auch weniger Zeit, Nährstoffe zu sammeln und zu sparen, sich gegen Schädlinge zu schützen und sie sind somit anfälliger für Folgekrankheiten oder Probleme.

Und wenn man weiterdenkt: Was passiert, wenn es jetzt noch mal fünf oder zehn Jahre lang so heiß ist?

Wie das eben so ist in der Natur: Es werden sich nur die Individuen durchsetzen, die damit zurechtkommen. Die Baumarten, die die Standorte um Berlin eh nicht so mögen, wie beispielsweise die Fichte, werden verschwinden. Hier im südlichen Brandenburg wird wohl ein Bilderbuch-Kiefern-Traubeneichenwald entstehen. Aber das ist alles ein sehr langer Prozess. Denn in der Natur gibt es Abhängigkeiten und Zyklen. 2017 hatten wir zum Beispiel ein sehr feuchtes Jahr, in dem es extrem gestürmt hat und wir viele Sturmschäden hatten, bei denen viele Bäume umgefallen sind. Und bei vielen, die nicht umgekippt sind, wurden die Feinwurzeln beschädigt. Die sind super klein und dünn und für die Wasser- und Nährstoffaufnahme da. Als dann das letzte Jahr die starke Dürre war, konnten die Bäume Wasser schlechter aufnehmen: Es war einfach nicht genug da und die Wurzeln waren zu geschädigt, um das vorhandene aufzunehmen.

Was hat das für Folgen?

Weil so viel abgestorbenes Holz da ist, haben es jetzt andere Störungen leichter, in diesem Jahr sind das die Insekten, die können sich jetzt auf geschwächte Bäume stürzen. Das heißt bei uns Förstern Störungskette, die verschiedenen Störungen nennen wir auch Kalamitäten. Die erste Störung waren die Stürme. Der Abstand zu der nächsten Störung, der Dürre, war nicht groß genug. Deshalb hat es jetzt wieder die dritte Störung leichter: Die Insekten.

Wenn wir die Störungskette weiterdenken: Was wäre denn eine mögliche Folge für das nächste Jahr? Könnt ihr euch darauf einstellen?

Das ist natürlich auch vom Wetter abhängig, deshalb kann man das nicht so genau vorhersagen. Dadurch, dass es so viele verschiedene Arten von Käfern gibt, können diese Populationen aber sehr groß werden und sich schnell vermehren, das kann im nächsten Jahr also ein noch größeres Problem werden. Werden sie zu groß, brechen sie auch irgendwann natürlich zusammen. Die Frage dabei ist nur: Welche Verluste nehmen wir bis dahin in Kauf? Und: Wie stark ist das Ökosystem? Verändert es sich dabei?

 Wann ist ein Ökosystem denn stark – und wann schwach?

Hier ist es so, dass aufgrund der Bedingungen nach dem Krieg die Wälder schnell wieder aufgeforstet werden mussten, die währenddessen zerstört wurden. Mittel und Technik waren begrenzt und der Rohstoff Holz sollte schnell wieder zur Verfügung stehen: Deshalb hat man schnell wachsende Baumarten in Monokulturen an Standorte gesetzt, die sich die Bäume selbst nicht ausgesucht hätten. Jetzt haben wir viele Fichten in Deutschland, die an Stellen wachsen, die auf Grund des Klimawandels nicht mehr für sie optimal sind und deshalb kommt es dort zu Problemen. Unsere Arbeit ist jetzt zu entscheiden, welche Bäume man in den Wäldern der Zukunft finden wird.

Wir laufen an verschiedenen kleinen Wäldern unweit seines Hauses in der Nähe von Zossen entlang. Auf einigen Flächen sehen wir eingezäunt Stecklinge, die Milan nebenbei mit einem Wasserkanister gießt. Hier wachsen verschiedene kleine Baumarten heran. Manche werden groß werden, andere nicht. Milan bleibt stehen und zeigt uns Bäume mit roten Markierungen; sie werden die nächste Generation junger Bäumen wohl nicht mehr miterleben können, denn sie müssen, wie es in Förstersprache heißt, entnommen werden.


Bäume ohne Markierung werden ja super-alt. Ist es für Dich irgendwo auch ein wenig frustrierend zu wissen: So eine Eiche überlebt mich locker drei Mal?

Naja, das ist ja das Schöne an der nachhaltigen Forstwirtschaft. Und eigentlich ist das glaube ich generell das Grundprinzip der Nachhaltigkeit: Man bekommt etwas von seinen Vorgängern, was man ernten kann. Und muss dafür sorgen, dass man das mindestens genauso weitergibt, wenn man es nicht sogar noch ökologisch aufwertet.

Und wenn du doch Bäume abholzen musst: Bist du traurig, wenn du so wie jetzt siehst, dass viele raus müssen?

Es ist natürlich traurig, besonders, wenn es Bäume sind, die man gar nicht fällen wollte. Für mich, als jungen Förster, ist es in erster Linie aber eine Herausforderung. Ich versuche da positiv heranzugehen, die Fläche neu zu bewirtschaften und dann Veränderungen im Bestand zu beobachten. Also den Bäumen Platz zu schaffen, die es hier hoffentlich eher packen werden als ungeeignete. Natürlich würde ich hier nicht mit Pestiziden oder Chemikalien herangehen, sondern es so naturnah wie möglich gestalten.

Gibt’s auch Förster, die das anders sehen als du?

Der Förster muss sich ja immer nach den Wünschen des Waldbesitzers richten. Wie überall gibt’s da auch verschiedene Herangehensweisen und Theorien. Solange an den toten Bäumen keine Störungen  zu finden sind, die auf andere Bäume übergehen können, lassen viele Förster die Bäume auch stehen – beziehungsweise liegen: Sie sind dann Biomasse, die verrottet, Wasser speichert, den Boden düngt und den Holzmarkt entlastet. Andere Waldbesitzer, die von den Kalamitäten stärker betroffen sind und hundert Prozent ihres Waldes verloren haben, tendieren wohl aber eher dazu, das Holz herauszunehmen und zu verkaufen, um wenigstens noch ein bisschen wirtschaften zu können, damit sie Geld bekommen, um neue Bäume anzupflanzen. Ich würde wahrscheinlich den Mittelweg wählen und nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich entnehmen, damit ein Feuer nicht so viel Biomasse vorfindet.

Auch ein sehr aktuelles Thema. Kannst du was zum Amazonas oder den Bränden in Russland sagen?

Das Feuer in Brasilien ist ja leider menschengemacht. In Sibirien gab es schon immer große Brände im Sommer. Natürlich begünstigt der Klimawandel die Brände. In manchen Teilen der Welt hängt das mit Siedlungskonzepten zusammen, bei denen kleine Brände immer sofort gelöscht wurden. „Verletzte“ Bäume sind dann schwach, wenn sie sich nicht schnell genug stabilisieren können. Deshalb können sich dann Insekten sehr schnell ausbreiten und große Flächen des Waldes befallen. Dadurch gibt es riesige Mengen an abgestorbenem totem Holz. Und wenn es dann dort zu Bränden kommt, sind sie eben besonders großflächig, heiß und nur noch schwer zu löschen.

Spannend – das heißt also, dass Brände löschen Insekten begünstigt?

In manchen Gegenden tatsächlich schon. In einigen Gegenden im Norden ist der natürliche Gegenspieler der riesigen Mengen an Insekten eben Feuer. Feuer sind bis zu einem bestimmten Grad natürliche regulierende Kräfte. Aber natürlich müssen Brände schnell und kontrolliert gelöscht werden. Dennoch hängt natürlich immer davon ab, welche Bäume wie das Feuer überleben und was man danach mit der Fläche macht.

Und bei den Bränden in Deutschland in diesem und dem letzten Jahr?

Knappe fünf Prozent der Brände waren natürlicher Ursache. Diese sind in manchen Naturschutzprojekten miteinkalkuliert. Hier kommt aber mal wieder der Faktor Mensch ins Spiel: Die meisten Flächen, in denen es gebrannt hat, sind hochgradig munitionsbelastet. Die Feuerwehr kommt dann an die Feuer nicht ran. Man muss aus der Luft löschen – allerdings ist das sehr kostspielig und da es nur wenige Löschhubschrauber gibt, dauert es länger, bis sie da sind. So werden dann kleinere Brände, die wenig Schaden anrichten, schnell zu großen.

Als wir vor unserem letzten Stopp des Tages, einer wunderschönen, von Insekten summenden Wiese stehen, möchten wir wissen, weshalb Milans Hof Heu und Holz ein nachhaltiger Betrieb ist. Auf ihren Wiesen nehmen Milan und seine Familie nur einen Schnitt im Jahr vor, und nicht mehrere, sagt er. Das schützt die Insekten. Im Wald fällen Milan und sein Team nur so viele Bäume, wie auch nachwachsen. „Das Schöne an einem funktionierenden Ökosystem ist doch, dass es strukturreich ist und mit sich selbst stimmig funktioniert“, sagt Milan, lächelt und sammelt ein wenig Abfall auf. Das tut er immer wieder, schon den ganzen Tag. Doch Milan stört sich nicht groß daran. Die meisten Leute achten mittlerweile auf ihren Müll, sagt er. Man müsse ihnen nur ein wenig Hilfe an die Hand geben, wie eben Schilder, die sagen, man solle seine Zigaretten nicht in die Natur werfen.

Mit allem, was besser wird – aber auch mit den vielen neuen Herausforderungen: Wo siehst du die Zukunft des Försterberufs?

Wir brauchen mehr Förster und Försterinnen, besonders auf der Fläche. Ansonsten muss auch viel geforscht werden um herausfinden, welche Baumarten in welcher Mischung an den jeweiligen Standorten gut mit den neuen Klimagegebenheiten zurechtkommen. Dabei geht es natürlich auch darum, sich zu fragen: Können wir Baumarten aus anderen Ländern hier ansiedeln? Zum Beispiel Eichen aus dem mediterranen Raum, Zedern aus dem Libanon oder Buchen aus dem Orient. Diese Pflanzen kommen ja mit weniger Wasser aus. Allerdings bleibt die Frage, ob sie mit dem deutschen Winter zurechtkommen oder es andere Probleme schafft.


Mehr zu Milan und seiner Arbeit findet ihr auch auf Instagram bei heyheywaldfreunde.

Fotos: Mina Schmidt

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*