Die „Panther Ray“, ganz aus Recyclingmaterialien und mit einem Netz am Rumpf, das Müll aus dem Wasser siebt, kommt auf den Landwehrkanal geschippert. Der Crowdfunding-Katamaran ist Freiraum, Bühne, Aufenthaltsort mit Do-it-together statt Do-it-yourself-Mentalität. Perfekt, dachten sich die niederländische Mehrwegbottle-Brand und das Impact Hub Berlin, für die diesjährige „Dopper Changemaker Challenge“. Deshalb stehen an Bord jetzt auch 13 gut gelaunte, vielleicht schon ein wenig nervöse Studierende, die uns gleich ihre Innovationen pitchen werden: Müllvermeidung, Plastikreduktion und Wassermangelbekämpfung sind wieder die Maxime des Wettbewerbs – und das spannendste und vielversprechendste Projekt wird am Ende des Tages von Dopper mit 5000 Euro gefördert.

Es ist ein schöner Vormittag voller einzigartiger Ideen mit Weltverbessererpotential, bei denen wir kurz gesagt einfach allen wünschen, dass sie Erfolg haben: Viele Wasserfilter werden vorgestellt, es gibt Forschung zum Erkennen von Plastik im Meer und die Gewinnerin Carla Scagnetti arbeitet an einem Index-System für die Verpackungsindustrie – dabei bedenkt sie aber auch die mögliche Plastikbelastung in den Meeren.

Wir haben uns die Drittplatzierte, Malu Lücking, geschnappt, die an der Berliner Kunsthochschule Weißensee an Stoffen aus Algen forscht. Denn ihre Idee ist gleich doppelt spannend: Sie tackelt sowohl das Müllproblem, als auch den Wasserverbrauch der Textilindustrie. Klar, dass Mina mit ihr sprechen musste:

Liebe Malu, herzlichen Glückwunsch zum dritten Platz – Algen, das fanden wir direkt spannend – wie kamst du darauf?

Angefangen hat alles mit dem sogenannten Meeresleuchten, sprich Algen, die im Licht praktisch unsichtbar sind, durch schütteln im Dunkeln aber leuchten. Ich glaube, sie weckten meine Faszination für diese Spezies. Dann bin ich schnell auf andere Arten gestoßen, die mich durch andere Qualitäten fasziniert haben, wie auch die Cladophora mit ihrer unglaublich tollen Haptik, mit der ich jetzt hauptsächlich arbeite. Vor allem in der Mode- und Textilindustrie gibt es einen großen Bedarf nach alternativen Ressourcen. Bis jetzt sind es vor allem wasserverschmutzende synthetische Fasern wie Polyester oder Fasern wie Baumwolle, die einen riesigen Wasserverbrauch haben, auf die die Textilindustrie zurückgreift – natürlich hauptsächlich deshalb, weil sie preiswert zu produzieren sind.

Der Preis ist ja oft das Problem bei nachhaltigen Materialien. Kann die Cladophora auch so günstig erzeugt werden?

Ja, denn sie wächst unglaublich schnell und an den meisten Orten der Welt, in Süß- sowie in Salzwasser. Dadurch braucht sie natürlich auch keine teuren Anbauflächen und weder zusätzliche Bewässerung noch Dünger. Cladophora, anders als herkömmliche Fasern, verbraucht weder Wasser noch verschmutzt sie es.

Wow! Welche Vorteile haben die Algen noch? Zum Beispiel hinsichtlich der Verarbeitung?

Als Faser ist die Alge unglaublich weich, sehr leicht und kann durch viele verschiedene textile Fertigungstechniken zu Stoff verarbeitet werden. Außerdem helfen wir dem Ökosystem der Gewässer in Balance zu bleiben, wenn wir die Algen aus den Seen ernten, denn sie verursachen sonst im Sommer das sogenannte Umkippen der Seen. Ich kann allen nur ans Herz legen, die Algen aus den Gewässern zu ernten – und vielleicht sogar selbst zu Textilien zu verarbeiten.

Ok, und in welchen Bereichen siehst du die breite Zukunft der Cladophora?

Mit der Kleidung ist es momentan noch etwas schwierig, da die Algenfasern sich sehr gerne mit Wasser vollsaugen. Das kennt man von Wolle, wobei die Cladophora sogar noch mehr aufsaugt. Zum jetzigen Zeitpunkt könnte man zum Beispiel Algen und Leinen mischen; der Anteil an Alge darf allerdings nicht zu groß sein. Um Cladophoragarn zu einhundert Prozent in der Modeindustrie einsetzen zu können, braucht es noch etwas Experimentieren und Forschen. Mit den aktuellen Eigenschaften des Materials eignet sich die Cladophora eher für Interior, das nicht regelmäßig mit großen Mengen Wasser in Kontakt kommt. Ein Teppich aus den Algen fühlt sich zum Beispiel toll an den Füßen an, weil die Algenfaser so weich ist.

Und wieso hat’s noch niemand gemacht?

Die Menschen haben ihre Augen meist eher über- als unter dem Wasser. Wir sind uns den Schätzen, die unter der Wasseroberfläche liegen, gar nicht so wirklich bewusst.

Du selbst machst ja noch einiges mehr. Wie können wir uns so einen Forschungsalltag an Deinen Algen vorstellen?

Meine Algen sind mehr meine Haustiere, als meine Pflanzen, denn sie brauchen wirklich viel Zuneigung und Pflege. Ich habe mittlerweile meine eigene kleine Farm zuhause. Dort lasse ich Mikroalgen wachsen und habe diverse filamentöse Algen in kleinen Gläsern herumstehen. Statt morgens von Sonnenstrahlen geweckt zu werden, wecken mich Leuchtstoffröhren mit 1350 Lumen, die meine kleine Zucht ab 6 Uhr in der Früh verlangt. Dazu gibt es dann noch das schöne Geräusch der sechs Luftpumpen. (lacht) Das ist wirklich kein Wecker, den man überhören kann und auf snooze drücken geht hier auch nicht. Und wenn es dann abends still wird und dunkel im Zimmer, dann weiß ich, dass es für mich und die Algen jetzt Zeit zum Schlafen ist.

Momentan wird ja auch viel an Pilzen als alternativen Materialien für Textilien geforscht, oder? Wie stehst du dazu?

Ich selbst habe noch nicht mit Pilzen, dem so genannten Mycelium, gearbeitet, aber ich kennen viele Projekte, die auf diesem Material aufgebaut sind. Algen wie meine Cladophora ähneln von der Mikrostruktur unseren herkömmlichen Fasern. Mycelium hingegen ist ein eher hartes und flächiges Material. Aus ihm lassen sich keine richtigen Fäden spinnen und deshalb ist es auch schwer, textile und erst recht weiche Stoffe herzustellen.

Deine Algen klingen vielversprechend. Was machst du jetzt mit dem Preisgeld?

Erstmal werde ich jetzt in den Endspurt der Cladophora gehen, damit ich am 3.7 an der Kunsthochschule die vielen Facetten von Cladophora in einer Präsentation zeigen kann. Ende des Jahres möchte ich mit dem Preisgeld dann zu einem Fischerdorf am Mekong fahren und dort mit der Gemeinde vor Ort die erste Algen-Fabrik aufbauen – natürlich in kleinem Maßstab und mit selbstgebauten Maschinen. Die Dörfer am Mekong leiden unter der Cladophoraplage. Sie ernten die Algen bereits, aber wissen bisher nicht viel damit anzufangen, da können wir gemeinsam lernen, Algentextilien herzustellen.

Wir wünschen dir dabei viel Erfolg! Wo können wir dich und die Cladophora in Deutschland noch treffen und näher kennenlernen?

Wer sich genauer für das Thema interessiert, ist herzlich eingeladen, sich am 3. Juli meine Bachelorpräsentation an der Kunsthochschule Berlin Weißensee anzugucken. Ansonsten gibt es auch die Möglichkeit, Cladophora beim jährlichen Rundgang der Uni vom 6. bis 8. Juli zu sehen und sogar anzufassen. Hoffentlich wird es bald auch eine Webseite für Cladophora und natürlich weitere Algenprojekte geben.

Wir geben Bescheid, sobald es soweit ist! Vielen Dank Malu für diesen tollen Einblick in deine Forschung und Dopper für den spannenden Vormittag.

FOTOS: Mina Schmidt

*Unbezahlte Werbung weil Markennennung

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