Viertel \ Vor goes Frankfurt am Main! Bekannt für Skyline und Aktentaschen haben wir uns gefragt: Gibt’s die Stadt auch in nachhaltig?

Maingemüse und Suppengrün

Berger Straße 26 (Nähe Merianplatz)
60316 Frankfurt am Main

Wir starten unseren grünen Tag ziemlich direkt an der U-Bahnhaltestelle Merianplatz bei Maingemüse und Suppengrün, gute zehn Minuten Fußweg von der bekannten Einkaufsstraße Zeil. Seit 1977 gibt’s den Laden Maingemüse mit dem regionalen Gemüse- und Obstangebot schon, Carolin Munte hat ihn 2008 übernommen und ein Jahr später das Suppengrün dazu eröffnet: jetzt gibt es nicht nur Produkte von regionalen Erzeugern, aus biologischem Anbau und zu wachsenden Anteilen unverpackt zu kaufen, sondern direkt auch Quiches und Suppen aus ihnen zubereitet.

Kunden und Kundinnen können bei Maingemüse und Suppengrün Kaffee trinken, mittags aus dem Tagesangebot auswählen und den ganzen Tag lang frisches Obst und Gemüse kaufen. Obwohl der Laden brummt ohne Ende, hat Carolin sich ein paar Minuten Zeit genommen, um mit uns zu sprechen. Sie ist unaufgeregt und pragmatisch, entscheidet nach Gewissen und kann mit Perfektionsdrang wenig anfangen: „Es ist nicht alles bio“, sagt sie, „denn wenn Salat erst aus Südbayern hier hochgekarrt wird, ist das nicht besser, als würde ich ihn aus der Region, fünfzehn Minuten von hier beziehen – auch wenn er vielleicht nicht bio-zertifiziert, aber trotzdem von guter Qualität ist“. Auch zum Unverpackt-Trend hat Carolin eine klare Meinung: „Das halte ich auch nur dann für sinnvoll, wenn es in den Alltag zu integrieren ist – sobald man seinen Alltag umstrukturieren muss, um unverpackt zu kaufen, ist das Modell nicht nachhaltig, weil das dann niemand längerfristig durchhalten kann“, sagt sie uns.

Bei ihr kauften alle Leute aus der Nachbarschaft, dann kamen „ zuerst die Vegetarier, dann die Veganer und jetzt die Minimalisten“. Carolin beobachtet all diese Trends und freut sich über jeden, der einen kleinen Beitrag zu mehr regionalem Essen leisten möchte, betont aber auch, dass nicht nur die Lifestyle-Aspekte von Nachhaltigkeit eine Rolle spielen dürfen: Seit knapp zwei Jahren hat Maingemüse einen Mitarbeiter mit Down-Syndrom, denn „auch Inklusion gehört zum gesellschaftlichen Umdenken“. We like!

Gestärkt schlendern wir weiter in Richtung Innenstadt und kommen nur ein paar Meter entfernt von Maingemüse an der Berger Straße 19, bei Organicc vorbei, einem süßen Shop, der von Armed Angels bis Kinderklamotten viele ausschließlich faire, organische und zertifizierte Marken führt. Ein Blick lohnt sich!

hessnatur

Kaiserstraße 3
60311 Frankfurt am Main

Auf der Zeil, auf die wir jetzt stoßen, reihen sich sämtliche Fast Fashion Stores aneinander, die riesige Fußgängerzone ist voller Menschen. Wenn wir diese Straße zwischen Konstablerwache und Hauptwache hinter uns gebracht haben, können wir links auf die Kaiserstraße abbiegen und stehen schon bald vor dem hessnatur Store, vor dem wir mit Lisa Wagner verabredet sind. Wer schon länger auf Viertel \ Vor unterwegs ist, weiß, dass wir schon häufiger mit hessnatur gearbeitet haben. Naturmode, klar, immer empfehlenswert.

Lisa nimmt uns mit durch den Store und das Erste, was sie sagt, ist: „Atmet mal ein.“ Wir riechen: nichts. Kein Parfum, keine Duftstoffe, keine Chemie. Die brand hat sich Naturfasern aus ökologischer Herstellung verschrieben, mittlerweile wird teilweise sogar mit natürlichen Pflanzenfarben gefärbt. hessnatur kombiniert verschiedene organische Fasern miteinander, die sich alle unterschiedlich anfühlen. Schurwolle, Bio-Baumwolle, Modal, Yakwolle, Merino, Kaschmir und noch einiges mehr. Baumwolle und Leinen sogar als Sweat in einem Teil. So viel Materialkunde kann überwältigend sein, aber Lisas Faustregel beim Shoppen ist: „Immer auf die Schilder achten.“ Und: Je weniger wir riechen, desto besser“. Eigentlich easy. Da schneidet jede H&M-Jeans übel ab.

Wer durch die Läden streift, braucht auch eine Pause. Was bietet sich da besser an als das Mainufer, an dem im Sommer hunderte Leute mit Bier, Kaffee oder Mate sitzen. Wir überqueren also den Main und setzen uns an der anderen Flussseite auf den Rasen, schauen auf die Bankenskyline.

Eigentlich echt beeindruckend, wenn man ausblenden kann, was da drinnen vor sich geht. Wer genau schaut, kann auch die Deutsche Bank- Tower erkennen, denn sie sind niedriger als die Hochhäuser drum herum. So übel die Deutsche Bank auch ist – die  beiden Skyscraper an sich sind zwei der nachhaltigsten Gebäude Deutschlands. Seit der Renovierung vor knapp zehn Jahren sind die CO2-Emissionen der Tower um 90 Prozent gesunken. Irgendwie ironisch.

Wer noch weiter shoppen gehen möchte, kann sich auf dieser Flussseite mal umsehen: In Sachsenhausen gibt’s einige Secondhand-Shops. Und wer mehr Zeit hat und der Hochhauskulisse entkommen möchte: Frankfurt hat noch einen zweiten Fluss, die Nidda. Vom Stadtzentrum zwanzig Minuten nördlich, kann man an der Nidda kilometerweit laufen oder Rad fahren und ist dabei sehr viel ungestörter als am busy Main.

Shout Out Loud

Shout Out Loud haben keine feste Anschrift, aber den Veranstaltungskalender der Organisation gibt’s hier,

Wir haben aber noch eine andere Abendplanung in petto: Wir besuchen Lara und Daniel von der Frankfurter gemeinnützigen Organisation Shout Out Loud an ihrem Truck. Seit 2013 retten die mittlerweile 25 Mitglieder Tonnen an Lebensmitteln. 2016 gab’s dann eine Corwdfundingkampagne, die der Organisation ihren Foodtruck bescherte. Der ermöglicht ihnen ziemlich easy, überall in Frankfurt und Umgebung hinzufahren und auf Events die geretteten Lebensmittel als leckere Gerichte zu verkaufen.

Kleinigkeiten gibt’s frisch im Truck zusammengestellt, für größere Mengen arbeitet Shout Out Loud mit Restaurantküchen zusammen. Auf den Events gibt’s dann Musik, leckeres Essen und gute Laune: Was für ein geniales Konzept. Shout Out Loud holen die Leute auf eine positive Art ab, ohne den berühmt berüchtigten moralischen Zeigefinger. Apropos Moral: Nein, „die Organisation nimmt niemandem etwas zu Essen weg. Erst, wenn die Tafel und andere Initiativen Lebensmittel erhalten haben, kommt Shout Out Loud vorbei und sammelt ein, was sonst im Müll landet“, erzählt Lara.

Daniel erklärt uns viel über die Supermarkt-Container-Lebensmittelwegschmeiß-Situation in Deutschland. Bis 2030 soll die Menge an Lebensmittelmüll um die Hälfte reduziert werden, allerdings bleibt vieles auf freiwilliger Basis. Frankreich, Tschechien und Italien machen’s dagegen richtig: All diese Länder haben bereits Müllregulierungen für Supermärkte eingeführt. Solange die Situation in Deutschland aber so bleibt, „muss es uns wohl noch weiter geben“, sagt Lara und lacht.

PS: Die Expertise kommt nicht von Ungefähr. Daniel hat als co-Autor gemeinsam mit Katharina Schulenburg bereits ein Buch über den achtsamen Umgang mit Lebensmitteln geschrieben.

Fazit: Frankfurt kann auch anders. Vielen Dank an alle grünen Hotspots und insbesondere an Lisa von hessnatur, Lara von Shout Out Loud und euch alle bei Instagram, die uns fleißig mit Tipps versorgt haben!

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