Hilfe, überall Handy-Ketten! Was ist das nur mit diesen It-Pieces? Sind wir denn wirklich alle kleine Fashion-Lemminge, oder setzt sich mit dem Mobiltelefon am Bande nur endlich eine wahnsinnig praktische Idee durch? Im Zweifel wahrscheinlich beides. Und ganz sicher regt uns der Hype um die umgehängte Hülle einmal mehr zum Nachdenken an. Darüber, dass ein Trend, weil so schnelllebig und so vergänglich, ja eigentlich niemals nachhaltig sein kann. Und darüber, dass man trotzdem manchmal ganz gern‘ mitmacht. Diesmal zum Beispiel! Und so fällt die Wahl auf ein Upcycling-Modell vom Hamburger Label Bridge & Tunnel. Nicht ohne eine der Herstellerinnen zu fragen, wie das denn nun ist mit dem Trend und der Nachhaltigkeit. Hier kommt Co-Founderin Constanze Klotz mit coolen Statements zur Kette – und einer klugen Sicht auf die Mode-Welt :

Es baumelt im Stadtbild schon jetzt gefühlt an jeder zweiten Frau, an diverse Männern – und an mir.  Aber ganz ehrlich: Brauchen wir den Trend Handy-Band wirklich?

Am Anfang dachten wir auch nur „Wie überflüssig ist das denn?“  Wo wir erstens doch viel lieber richtigen Schmuck tragen und uns zweitens fest vorgenommen hatten, besser auf unsere Work-Life-Balance zu achten – zu der definitiv auch mehr Digital Detox gehört. Dann hat uns aber doch etwas an der Vorstellung gereizt, auch noch unsere letzten Denim- und Lederreste zu verarbeiten. Und jetzt können wir uns ernsthaft gar nicht mehr vorstellen, wie wir nur ohne Handy-Kette leben konnten (lacht).

Stimmt, dazu habt Ihr ja auch auf Eurem Brand-Blog geschrieben. Und trotzdem bleibt die Frage aller Fragen: Kann so ein Hype Teil überhaupt irgendwie nachhaltig sein?

Eine gute Frage. Wir glauben, dass es für uns als Produzenten aber auch für bewusste Konsumenten und Konsumentinnen wichtig ist zu unterscheiden, ob es sich um einen Trend im Sinne eines verglühenden Kometen oder vielmehr um eine Bewegung handelt. Da unser Handy mittlerweile so viel mehr Funktionen übernimmt als nur das reine Telefonieren, ist für uns beim Thema Handy-Kette eher Letzteres anzunehmen.

Eigentlich geht die Frage von der Vereinbarkeit von Trends und Nachhaltigkeit aber tiefer, denn sie berührt doch den Kern von Fair Fashion. Meine Co-Founderin Charlotte, Lotte, Erhorn und ich sind Menschen, die sich gern von neuen Dingen begeistern und von Innovationen berauschen lassen, weil sie die Dinge ja oft besser machen. Wer mag es nicht, von neuen Sachen überrascht zu werden? Egal ob es neue Mode oder ein neuer Song ist. Gleichzeitig entwickeln sich viele dieser Dinge aber viel zu schnell. Insbesondere bei Mode ist es doch so, dass „alte“ Kollektionen nicht schlecht werden, nur weil neue Teile hinzukommen. Die Lust an Neuem wird uns hier zum Verhängnis. Und ist sicher ein echtes Dilemma, aber eines, dem man sich täglich stellen kann, indem man einfach überlegt, brauche ich diese verdammte Handy-Kette, weil sie mir mein Leben leichter macht und ich sie dann täglich nutze oder ist es für mich nur ein gelegentliches Accessoire, dann kaufe ich sie lieber nicht.

Diesem und Eurem generell sehr umsichtigen Ansatz folgend, hättet Ihr wahrscheinlich aber erst gar nicht so ein Teil in die neue Bridge&Tunnel-Kollektion aufgenommen, wenn Ihr nicht glauben würdet, dass der Trend doch ein bisschen hält, oder?

Haha, ganz genau. Vielleicht bleibt die Handy-Kette auch nur eine bestimmte Zeit in unserem Portfolio, das wird sich zeigen. Es ist ja kein Produkt, für das wir erst in einen mühevollen Fertigungsprozess gehen oder unzählige Zutaten dazu kaufen mussten, sondern eher eine praktische Weiterverwertung unserer kleinsten Materialüberschüsse. Abgesehen davon halten wir sowieso wenig von den Kollektionszyklen, die die Fast Fashion Branche diktiert. Wir stehen für mehr Lieblingsteile, mehr Qualität, mehr Achtsamkeit für Textil und Produktion und ein Kollektions unabhängiges Denken, das uns von der absurden Vorstellung des It-Pieces befreit. Wir fertigen ja vor allem Bags und Interior, beides Bereiche, die ihre Nutzer sowieso schon länger begleiten als Fashion-Teile.

Und aus den Resten entstehen dann die kleinen Acessoires?

Genau. Uns treibt schon lange das Thema Minimal Waste um. Wir arbeiten ja bereits sehr ressourcenschonend, Kleinstmengen bleiben aber trotzdem übrig. Die Handy-Kette hat das perfekte Format, um auch kleinste Denim- und Lederreste noch zu verarbeiten. Insofern stehen für uns da nicht nur Nutzung und Optik, sondern auch die positiven Folgen für den Fertigungsprozess im Fokus.

Was ist mit den Bestandteilen, die Ihr nicht eh schon da habt?

Die kleinen Messingelemente, die unserer Kette etwas Schmuckhaftes verleihen, beziehen wir von einem Händler in der Türkei, mit dem wir schon fast ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Befestigt wird das Denimband mit kleinen Lederstücken – bei uns ist das pflanzlich gegerbtes Leder aus Italien – an einer Silikonhülle. Hier hatten wir tatsächlich die größten Schwierigkeiten, ein adäquat nachhaltiges Material zu finden. Wir haben verschiedene Anbieter von nachhaltigen Handycases angefragt, ob sie uns Slim Cases aus recyceltem Material produzieren können, das ist aber leider an der Größenordnung gescheitert. Viele kleine Labels kennen das Problem, dass man oftmals große Stückzahlen abnehmen muss, damit sich die Produktion andererseits auch für das fertigende Unternehmen lohnt und dabei ein Stückpreis rauskommt, der dann für beide wieder tragbar ist. In diesem Punkt ist unsere Handykette also sicherlich noch verbesserungswürdig. Aber wir halten weiterhin die Augen und Ohren offen – oder wenn eure Leser und Leserinnen eine Idee haben, dann gern her damit!

Generell arbeitet Ihr ja, wie schon gesagt, viel mit gebrauchten Materialien. Für alle, die Euch noch nicht kennen: Wie läuft Upcycling bei euch ab?

Um unsere Denim Designs umzusetzen, sind wir auf einen steten Materialfluss angewiesen. Seit unserer Labelgründung vor zwei Jahren beziehen wir aus vielen Quellen used Jeans, aktuell aus unterschiedlichen Kleiderkammern und Kleiderspenden, wie zum Beispiel dem tollen Verein Hanseatic Help. Wir verwenden die Jeans, die so kaputt sind, das sie für eine weitere Verwendung nicht mehr infrage kommen und ansonsten beim Verwerter landen. Auch viele Privatpersonen senden uns ihre Jeans zu, das sind mittlerweile mehrere Pakete in der Woche. Oft garniert mit tollen Liebesbriefen. Zusätzlich erhalten wir immer häufiger auch pre-consumerwaste. Das sind Produktionsüberschüsse, die durch Verschnitt oder Musterstoffe anfallen, und teilweise bis zu 15 Prozent einer Produktion ausmachen.

Wow! Das ist viel. 

Genau. Das ist dann Meterware. Eher die Ausnahme bei uns. Unsere Designs haben deshalb einen sehr graphischen Look, da wir ja nur selten Meterware verwenden, sondern in 90 Prozent used Jeans und da heisst es dann nicht the sky ist he limit, sondern die Breite des Hosenbeins. (lacht) Diese Materialbegrenztheit müssen wir beim Entwurf schon berücksichtigen. In der Umsetzung kommt das Thema dann noch ein zweites Mal zum Tragen, da wir die Denim-Blautöne regelrecht komponieren. Je nach Zusammenstellung erstrahlen unsere Designs wie der Rucksack oder unser Kissen dann in einem jeweils uniquen Denim Look.

Euer Name Bridge&Tunnel bezieht sich auf die Brücken und Tunnel in Euerem Hamburger Stadtteil. Einem Kiez, in dem viele Menschen mit Migrations-Hintergrund arbeiten, denen Ihr bewusst Arbeitsplätze schafft. Wie ist das Team aktuell zusammengestellt?

Unsere Näherinnen und Näher stammen aus insgesamt fünf Ländern und haben verschiedene Handicaps, die es ihnen schwer machen, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Alle verbindet aber, dass sie granatenmäßig nähen können – und das unabhängig von Diploma oder Zeugnissen. Zum Team gehören eine russischstämmige gehörlose Näherin, ein afghanischer Herrenschneider mit Fluchtgeschichte, zwei Frauen mit indischem und nigerianischen Hintergrund, die schon viele Jahre in Deutschland leben, aber durch Kinderbetreuung, fehlende Ausbildung und mittelmäßige Sprachkenntnisse keinen Job finden konnten sowie eine Bekleidungstechnikerin mit türkischen Wurzeln, die das Team anleitet.

Wir haben gehört, dass Ihr sogar selbst gerade Gebärdensprache lernt. Entwickelt Ihr also nicht nur die Kollektionen, sondern auch Euren sozialen Ansatz weiter?

Hah, ja das stimmt. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Seitdem unsere gehörlose Näherin Svetlana bei uns ist, hat das Thema Gehörslosigkeit in jedem Fall aber einen anderen Stellenwert bei uns bekommen. Seit kurzem bieten wir jeden Freitag ein Mini-Tutorial an, in dem wir absolute Essentials lernen. Zum Beispiel, wie man „erstmal Kaffee!“ gebärdet. (lacht) Wir haben einen wahnsinnig großen Zuspruch zu den Tutorials, das ist total schön zu sehen. Auch, wie sehr ein Thema an Gewicht gewinnt, wenn man es in den Fokus rückt.

Findet Ihr, dass eco und fair und vielleicht sogar richtig sozial nur zusammen funktioniert?

Langfristig schon. Wir sind aber sehr undogmatisch und finden es prinzipiell erstmal wichtig, dass man mit einem Thema beginnt. Und dass dann nicht gleich alle 100 Prozent Nachhaltigkeit erwarten. Diese Einstellung stört uns oft. Wichtig ist es doch, irgendwo anzufangen und dann kommen, so ist zumindest unsere Erfahrung, viele Dinge von ganz allein dazu. Wenn ich auf eine faire Produktion setze, wird mich mittelfristig auch das Thema von ökologisch korrekten Textilien umtreiben, denn auch hier ist ja menschliche Arbeitskraft involviert.

Stimmt. Was können wir als nächstes von Euch erwarten? 

Wir sind aktuell in 25 Stores deutschlandweit präsent, möchten das aber sehr gern, auch europaweit, noch ausbauen. Deshalb starten wir ab kommendem Frühjahr auch mit dem Messegeschäft, so dass man Bridge&Tunnel hoffentlich ganz bald in noch mehr Städten antreffen kann.

Aktuell läuft außerdem noch was sehr Aufregendes! Wir haben im Frühjahr nämlich einen Preis gewonnen, den HAMMA Award, zu dem eine große Plakatkampagne gehört, die gerade zwei Wochen lang in Hamburg zu sehen sein wird. Wir haben dazu eigens geshootet – und lieben die Resultate! Die Kampagne wird voraussichtlich Mitte November hängen, parallel laufen jetzt vom 13. bis 17. November die Pop Up Stores in der Weidenallee und bei Satellit schön&ehrlich in Hamburg mit Interior-Sachen und zwei neuen Produkte, die wir zur Kampagne gelauncht haben: ein wunderschöner Denim-Blouson und eine neue Handtasche.

Am 6. Dezember findet außerdem eine weitere Runde unserer CUT UP Reihe statt, in der wir regelmäßig aus unserem Bridge&Tunnel Kosmos raus- und in andere nachhaltige Kosmen reinschauen. Dieses Mal geht’s um das Thema Overconsumption. Dabei geht es um so wichtige Dauerfragen wie „Macht Kaufen glücklich?“, „ Wie entstehen Bedürfnisse nach dem immer mehr?“ Und „Welche Alternativen gibt es?“ Das Podium ist megaspannend und wir freuen uns riesig, dass auch Du, liebe Anna, als Speakerin mit von der Partie bist!

Und ich erst! Bis dann, Ihr Tollen. Danke, Conny, für den Talk!

3 Kommentare

  1. Bei diesem greenwashing kann einem ja nur schlecht werden…

    • Deren oder unserem? Hoffe Du beziehst Dich da auf unseren Artikel und nicht auf die Arbeit von Bridge&Tunnel, die ist unseres Erachtens was das betrifft nämlich ziemlich wasserdicht. Bei Rückfragen: Sehr gerne melden! Danke für Dein Feedback und Grüße an Dich, Anna

  2. ….und da gibt es auch immer wieder solche Menschen wie diese Jana……aber vielleicht braucht es die ja auch? Wer weiß 😉

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