Von der fixen Idee zum eigenen Label, zum eigenen Store und zu ordentlich Ansehen in der eco-fairen Fashion-Szene – eben weil die cleanen Designs nicht nur dort bemerkt, gefragt und getragen werden: Rotholz ist eine Erfolgsgeschichte. Fragt man Moritz Baur, ob er darauf stolz ist, überlegt er einen Moment und sagt dann einfach „nee“. Er sei eigentlich vor allem froh, dass er mittlerweile seine Miete damit zahlen könne.

Was bei anderen nach Tiefstapeln klingen mag, ist bei Moritz Authentizität. Er ist ein Typ, der fast immer kurz innehält, bevor er spricht. Seine Inspiration zieht er aus Kunst. Und seine Gedanken kreisen viel darum, seinen Job, seine Kleidung, sein Gesamtkonzept noch besser zu machen. Es gab Zeiten, sagt er, da habe ihn das um den Schlaf gebracht.

Mittlerweile kann er auch mal abschalten. Zumindest kurz. Deshalb findet Moritz es auch ok, im hübschen unsanierten Altbau direkt über seinem Potsdamer Laden zu leben. Außerdem hat Moritz zwei Mitarbeiter, die seit Kurzem zusammen mit ihm die Rotholz-Familie bilden: Jan, der sich in erster Linie um Organisation und Vertrieb kümmert, und André, der für Lager und Kundenkontakt zuständig ist. Wir haben die drei Jungs und Hund „Woody“ VOR \ Ort besucht – und mit Moritz und Jan über erste Schritte, Ist-Stand und neue Visionen gesprochen. Here we go:

Lieber Moritz, wie hast Du mit Rotholz angefangen?

Moritz: Das war 2007 in den USA, wo ich während meines Austauschjahres mehr oder weniger aus Langeweile auf einem Schlafanzug-Oberteil herum genäht und gedruckt – und kurz darauf in der High-School-Mittagspause ein paar Shirts verkauft habe. Einfach so aus einem Pappkarton heraus. Das lief dann aber ganz gut und hat mich dazu motiviert, die Sachen immer weiter zu entwickeln. 2009 habe ich das Label offiziell in Deutschland gegründet und mich dann 2012 selbständig gemacht.

Und du kannst selber Nähen?

Moritz: Genau! Das hat mir meine Mutter schon als Teenager beigebracht. Sie ist eine begnadete Quilterin. Die Patchwork-Decken, die’s im Rotholz-Store gibt, stammen auch von ihr.

Generell arbeitet das Label ja eco-fair und gern mal mit lokalen Manufakturen und Künstlern zusammen. Hattest Du den nachhaltigen Aspekt von Anfang an eingeplant?

Moritz: Ja. Zunächst ging es ja bei Rotholz eher um Basic-Produkte, die wir von Hand mit Druckplatten bedruckt haben. Dafür wurde uns von den Herstellern auch Bio-Baumwolle angeboten. Und dann hat man die Wahl, ob man eher das günstige Shirt einkauft, mit dem man den größeren Gewinn machen würde, oder ob man eins aus Bio-Baumwolle nimmt, das auch noch von der Fairwear-Foundation zertifiziert ist. Unser Anspruch ist, dass wir uns immer verbessern. Und das faire war damals für uns das bessere Produkt. Aber mein Ansatz war auch schon damals, das Label nicht über nachhaltige Aspekte zu bewerben. Ich wollte, dass die Leute uns wegen des Styles cool finden, uns kaufen und dann im Nachhinein sehen, dass die Sachen bio und fair sind. Erst seit Ende letzten Jahres gehen wir mit diesen Themen auch offensiver um.

Weil’s gerade alle interessiert? Oder wieso habt Ihr Euch jetzt dazu entschieden?

Jan: Wir sind immer mehr danach gefragt worden und haben auch immer mehr dazu gelesen. Nicht zuletzt aus unternehmerischer Sicht liegt es da natürlich nahe, ein Thema in den Fokus zu rücken, das für uns auch vorher schon selbstverständlich war – jetzt aber für immer mehr Menschen interessant wird. Für mich persönlich wäre es ausgeschlossen gewesen, bei Rotholz anzufangen, wenn hier nicht nachhaltig gearbeitet würde. Wir sind uns hier alle einig, dass Mode nur nachhaltig sein darf. Es ist uns wichtig, auf das Thema aufmerksam zu machen. Wir wollen ein Teil der Bewegung sein und einen Teil dazu beitragen. Wir sind noch nicht da wo wir hinwollen, haben noch viel vor und merken, dass noch an vielen Stellen Verbesserungsbedarf da ist.

Zum Beispiel wo?

Jan: Zum Beispiel beim Plastik. Das Thema ist mir persönlich besonders wichtig. Unsere Sachen sind immer noch verpackt. Das ist im Lager praktisch und vor allem beim Versand, damit Shirts und Hoodies unter keinen Umständen dreckig oder nass beim Kunden oder der Kundin ankommen. Weil ich’s aber einfach uncool finde, als Organic-Label überhaupt Plastik zu benutzen, haben wir uns wirklich mit fast allen Alternativen beschäftigt: Tüten aus Maisstärke oder aus Algen zum Beispiel. Die haben alle Vor- und Nachteile. Sich da zu entscheiden ist gar nicht mal so leicht. Vielleicht werden’s alternativ auch einfach Banderolen aus Papier. Aber gerade bei weißen Sachen ist das auch keine gute Lösung… Es ist eine komplexe Problematik, ein Auf und Ab, aber irgendwie auch spannend! Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, eine Lösung gefunden zu haben, bevor unser Vorrat an Tüten aufgebraucht ist.

Kampfansage! Finden wir natürlich gut. Aber apropos Kampf: Wie geht es Euch eigentlich als nachhaltige Brand auf einem so umkämpften Markt wie Streetwear?

Moritz: Ich glaube, da haben es generell alle, sogar nicht nachhaltige, kleine Marken schwer, gegen die ganz großen Brands anzukommen. Für uns läuft es trotzdem gut und wir können davon leben. Seit zirka einem Jahr fühlt es sich für mich ein bisschen so an, wie damals, als alle auf Bio-Essen umgestiegen sind: Ein Umdenken hat auch im Bereich Mode endlich eingesetzt. Ich glaube, es dauert nicht mehr lang, dann ist es für viele selbstverständlich, auch Kleidung bio und oder fair zu kaufen nicht nur Bio-Kost. Nicht umsonst schließen so viele H&M Filialen!

Optimistische These. Woran meinst Du liegt das?

Moritz: Ich merke an mir selbst: Wenn ich bewusst einkaufe, lebe, mich ernähre und weiß, dass die Marke fair oder bio ist, fühle ich mich besser. Der Belohnungseffekt des Einkaufs wird durch ein gutes Gewissen ja noch gesteigert. Außerdem ist das natürlich auch ein Zeichen für eine aufgeklärte und wohlhabende Gesellschaft. Wenn man Zeit hat, über solche Dinge nachzudenken, scheint doch nicht alles falsch zu laufen zur Zeit, oder? Ja, ich denke, ich bin da optimistisch.

Und was ist mit dem viel kritisierten Preisunterschied?

Jan: Wenn man sich in unserem Segment bewegt, wird ein Preis von 69 Euro für einen Sweater normal. Im Vergleich zu einem 25 Euro-Weekday-Sweater ist er aber eben natürlich viel teurer. Die Frage ist, was ist ein guter Preis?

Diese Frage sollten wir uns alle stellen. Könnt Ihr Eure Gedanken dazu ausführen?

Jan: Klar: Ist ein guter Preis einer, der meinen Geldbeutel schont, mir aber ein mulmiges Bauchgefühl macht, oder einer, der mich daran erinnert, dass an dem Produkt, das ich kaufe viele Leute gearbeitet haben und Ressourcen verbraucht worden sind. Dass einige Leute sich den 69 Euro Sweater nicht leisten können, finde ich natürlich problematisch. Aber das zu ändern, liegt leider nicht in unserer Macht, auch wenn ich mir wünsche, es wäre anders.

Aber meint Ihr nicht, dass es auch darum geht, einfach weniger zu kaufen?

Klar. Wenn wir nicht erwarten, uns andauernd neu einzukleiden, dann relativiert sich ja sogar der höhere Preis. Natürlich sollten die Sachen dann auch länger halten.

Auf Eurer Internetseite erklärt Ihr Eure Materialien, und gerade auch bei Wolle die Funktion. Warum haltet Ihr das für wichtig?

Jan: Hochwertige und natürliche Materialien sind uns sehr wichtig. Und da ich nicht glaube, dass unsere Kunden sich für unsere persönlichen Biografien interessieren, erzählen wir ihnen etwas über das, was die Produkte ausmacht, die wir verkaufen. Ich glaube, dass gerade Leute, die Nachhaltigkeit und bewussten Konsum interessant finden, gerne etwas mehr über die Produkte erfahren möchten, die sie kaufen. Ich persönlich informiere mich auch gerne über Details und Hintergründe von Produkten, bevor ich mich für etwas entscheide. Und natürlich wollen wir damit auch zeigen: Wir haben hier Kleidung, die nicht nur gut aussieht, sondern auch wirklich gut ist!

… und so unseres Erachtens ja dann im Zweifel auch wieder höhere Preise rechtfertigt. Andere Frage: Gerade letzte Woche habt Ihr ja eine neue Kollektion gelauncht. Wie geht Ihr an neue Designs ran?

Moritz: Ich möchte mit Rotholz eine Ästhetik, ein Gesamtbild schaffen, Styles zusammenbringen, die zusammenpassen und einen modernen Vibe Wiederspiegeln. Ich sehe mich nicht als Mode-Designer, sondern eher als Creative-Director. Wir erfinden ja das Rad mit einem Hoody oder T-Shirt nicht neu. Es ist das Gesamtkonzept, was jedes einzelne Produkt am Ende interessant macht. Teilweise arbeiten wir mit anderen, nachhaltigen Brands zusammen, kaufen Teile ein und verarbeiten sie in unserer Schneiderei in Berlin weiter. Andere Stücke produzieren wir komplett selbst, in kleinen Manufakturen in Deutschland und Europa. Wir haben so viele Ideen, die wir gern umsetzen würden, da wir uns allerdings bisher nicht von einem Investor oder einer Bank abhängig machen wollten, bleibt ein Teil der Ideen auf der Strecke. Deshalb gehen wir langsamere, aber gesündere Schritte.

Wie viele Kollektionen macht Ihr?

Moritz: Zwei im Jahr zum Sommer und zum Winter. Allerdings gehen wir das anders an als klassische Modemarken, wo die Kollektion zwei Monate später schon wieder in den Sale geht. In unseren Kollektionen laufen bestimmte Klassiker durch. Eventuell kommt mal eine neue Farbe dazu. Aber generell bleibt der Schnitt bestehen. Warum soll ein blaues Basic-Shirt nur für eine Jahreszeit sein? Zeitloses Design ist zeitloses Design.  

Eures habt Ihr letztes Jahr auf der Seek-Messe gezeigt, wo mehrheitlich konventionelle Brands ausstellen. Warum seid Ihr nicht zur Ethical oder in den Green Showroom gegangen?

Moritz: Weil ich uns vom Design her eher im Seek-Umfeld sehe, ich finde, wir passen besser zu den skandinavischen Design-Konzepten dort. Außerdem wollen wir – auch wenn wir mittlerweile unsere eigene Nachhaltigkeit bewerben –  möglichst weit weg vom Öko-Gedanken, den wir selbst oft mit braunen Shirts und Blätter- oder Fahrrad-Prints assoziieren.

Was wollt Ihr als nächstes machen?

Moritz: Wie gesagt, wir haben tausend neue Ideen. Sehr gerne würden wir mehr mit Künstlern und Brands kooperieren, das ist etwas, was wir eigentlich von Anfang an geplant hatten. Anfang 2019 steht die erste Koop-Kollektion an – mit Mud Jeans. Wir freuen uns schon sehr.

Wir sind gespannt – und freuen uns auch drauf! Danke für das Gespräch. 

Fotos: Marcus Werner

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