Warum dieser Artikel wichtig ist

Gutes Design ist, wenn ein Produkt entlang seiner ganzen Wertschöpfungskette nachhaltig gedacht ist.

 

Steve Döschner – der Co-Founder von Kiezbett

Es riecht nacht frischem Holz, und ein wenig nach Zigarettenrauch. Draußen, vor der Förderwerkstatt in Spandau wird in der Mittagspause viel geraucht, gequatscht und gelacht. Nur fotografiert werden mag niemand so gern. Außer Steve Döschner. Der ist der Co-Founder von Kiezbett, dass hier hergestellt wird. Er hat den Anspruch ein Holzbett so nachhaltig, regional und fair, wie möglich herzustellen. Ob und wie ihm das gelingt, hat uns Steve im Interview erzählt.

Hallo Steve, wie seid Ihr zum Kiezbett gekommen?

Das Kiezbett entstand aus dem Bedürfnis heraus, mir ein Bett zu bauen. Das Bett habe ich in einer Samstagnachmittags Hau-Ruck-Aktion auf die Schnelle mit Bauholz aus dem Baumarkt gebaut. Mein erster Prototyp quasi – ohne, dass ich das zu diesem Zeitpunkt wusste.
Dieser erste Prototyp hat in meinem Freundeskreis für ziemlich viel Applaus gesorgt und plötzlich wollten Viele so ein Holzbett haben.

Bei der Holz-Recherche haben wir dann aber festgestellt, dass das Holz von viel zu weit herkommt, man den Baumarkt unterstützt und nicht das Sägewerk usw..
Unsere Frage war: Wie können wir das sozialer und ökologischer machen? Im Berliner Impact Hub habe ich dann meine Mitgründerin Kim getroffen, die sich auch mal ein Bett selbst gebaut hat. Gemeinsam haben wir das Ganze dann weitergesponnen: wie weit können wir an den Drehreglern Ökologie und Soziales drehen?

Und wie weit seid ihr gekommen?

Ich würde uns 90 von 100 möglichen Punkten geben (lacht). Also erfreulicherweise haben wir die Utopie innerhalb Berlins konsequent umgesetzt. Dazu gehört der Bezug von lokalem Holz, das Unterstützen kleiner Betriebe und Sägewerke, die Produktion in einer Förderwerkstatt, der Einsatz wiederverwendbarer Verpackungen, das Nachpflanzen von Bäumen mit Berliner Schulklassen und die Lieferung mit dem Lastenrad. Außerdem geben wir einen Teil des Erlöses an den NABU Berlin für Umweltbildung mit Kindergruppen.

Woher kommt das Holz aus dem Baumarkt eigentlich?

Viel Holz kommt aus Ost-Europa, Polen, Tschechien oder Weißrussland. Holz aus Deutschland geht wiederum viel nach Frankreich in die Papierholzindustrie und in die USA für deren Häuser in Leichtbauweisen.

Und wofür wird am Meisten Holz verbraucht?

Wenn man hier mal in die jüngste Statistik schaut, dann wird etwa die Hälfte des eingeschlagenen Holzes als Stammholz im Holzgewerbe weiterverarbeitet. Danach kommt Brennholz- und Papierholz für die Zellstoffindustrie.

 

Was ist für Dich gutes Holz?

Gutes Holz in punkto Ökologie richtet sich danach: wann wird es gefällt, wie wird es gefällt, also welche Maschinen werden dafür eingesetzt und aus welcher Waldform wird es entnommen. Es ist beispielsweise gut, wenn der Betrieb sich verpflichten, dass er einen hohen Anteil an Totholzbäumen im Wald stehen lässt und eine möglichst hohe Vielfalt bei der Zusammensetzung der Baumarten berücksichtigt. Gutes Holz kommt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern, die gleichzeitig eine hohe Biodiversität aufweisen.

Darüber hinaus kann man sich natürlich nach Zertifikaten richten. Die Berliner Forsten als Holzlieferant und Waldbesitzer sind beispielsweise Naturland zertifiziert. Das Gute in Berlin ist, dass es Schonzeiten gibt. Das heißt, es werden keine Bäume während der Vogelbrutzeit gefällt– da ist Ruhe im Wald.

Wie ist die Qualität des Waldes in Deutschland eigentlich?

Mitteleuropa ist die Wiege der Nachhaltigkeit und der Begriff hat in der Forstwirtschaft seinen Ursprung. Hier gibt es gute Bedingungen für Baumarten, die man tatsächlich nutzen kann, weil sie von Natur aus – also durch deren Wuchsform – lange, gerade Stämme haben. In tropischen Regenwäldern beispielsweise gibt es in Relation betrachtet nicht so viele Baumarten, die auch für die Weiterverarbeitung im Sägewerk geeignet sind. Mitteleuropa hat eine Vorbildfunktion in Sachen nachwachsende und schonende Bewirtschaftung. Die richtige Forderung durch Naturschutzverbände, um die forstwirtschaftliche Nutzung von Wäldern nachhaltiger zu gestalten, ist, mehr Waldgebiete aus der Nutzung komplett herauszunehmen. Man kann damit Biotop-Inseln schaffen, in denen sich bestimmte Tierarten halten und von denen aus sie sich nach außen verbreiten können.

Mit welchem Holz arbeitet Kiezbett und wo kommt das her?

Wir verwenden das Holz der märkischen Kiefer. Wir haben uns dafür entschieden, weil das die meistverbreitete Baumart rund um Berlin ist. In Berlin / Brandenburg haben die Sägewerke direkte Verträge mit den Großhändlern, die auch wir nicht umgehen können. Daher arbeiten wir mit einem Holzhändler zusammen, über den wir unseren Holzeinkauf abwickeln müssen. Das ist in Süddeutschland anders. Da kann man direkt zum Sägewerk gehen und seine Wunschbestellung aufgeben. Aber wir kennen die Sägewerke und die Verarbeiter des Holzes persönlich, die unser Holz bereitstellen. Das ist nicht selbstverständlich.

Der Einkauf über Holzhändler macht das Bett sicher auch viel teurer?

Ja, das macht die Angelegenheit theoretisch teurer. Aber wir haben ganz bewusst auf Marge verzichtet damit das Kiezbett nicht zu exklusiv wird. Wir haben im Schnitt 20 Prozent Marge auf das Bett und vermarkten es deswegen auch direkt. In der Holzmöbel-Industrie gibt es dagegen teilweise Margen von bis zu tausend Prozent und Bruttogewinnspannen von 40 %.

Damit ist das Kiezbett mit seinem Preis im Vergleich zur Billig-Konkurrenz zwar exklusiver, aber dafür besitzt es eine handwerkliche Tischler-Qualität. Man kann es immer wieder abschleifen und es ist konzipiert für lebenslange Haltbarkeit. Weg vom „Fashion-Möbel“ das man alle paar Jahre erneuert, weil es auf Kosten von Mensch und Natur billig ist.

20 Prozent Marge klingt dann aber auf einmal ziemlich wenig!

Ja, damit kauft man sich keine Yacht. Dieses Projekt ist für uns auch vor allem ein Signal. Es soll ein Beispiel sein, dass es ökologisch und fair geht. Ich persönlich verdiene fast nichts mit dem Kiezbett, sondern arbeite nebenbei noch als freiberuflicher Ökologe.

Allerdings ermöglicht mir das Projekt etwas ganz Anderes, nämlich das Erlebnis in Berlin Friedrichshain in einem Laden zu sitzen, mit tollen Leuten zusammenzuarbeiten und ganz wunderbare Kunden zu haben. Das macht Spaß und ist sehr schön.

 Ihr stellt Euer Bett in Berlin Spandau her, warum hier?

Man könnte das ganze Produkt auch rein maschinell mit der CNC-Fräse herstellen, aber das machen wir bewusst nicht. Wir haben uns entschieden das Kiezbett in Spandau in einer Förderwerksatt herzustellen. Hier arbeiten Menschen, die auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen stehen. In der Förderwerkstatt ist Arbeiten ohne Druck und in einer entspannten Atmosphäre möglich. Dies zu unterstützen ist uns sehr wichtig.

Wieviel Baum steckt in einem Bett?

Ganz grob kann man sagen, kommen aus einer Kiefer, die sich fast an ihrem natürlichen Lebensende befindet 10 -15 Betten heraus. Dabei entstehen aber noch ganz viele andere Holznebenprodukte, wie Leisten, Bretter etc. In einem Baum stecken unterschiedliche Qualitäten, nicht alles kann für das Kiezbett verwendet werden. Wir arbeiten mit sehr guten Sägewerken zusammen die das Maximum in puncto Holzverwertung aus einem Stamm herausholen. Da wird nichts weggeschmissen.

Bei der Verpackung arbeitet ihr mit RePack zusammen?

Ja, wir haben unsere Taschen auf unsere Bedürfnisse für die Auslieferung mit Zero-Waste von RePack designen lassen. Der Online-Handel erzeugt so viel Verpackungsmüll. Das Volumen hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt! Wir haben uns ganz bewusst gegen eine Einmal-Verpackung entschieden. Für ein Holzbett sind wir hier die Ersten auf dem Markt. Darauf sind wir stolz.
Ein Kiezbett mit Lattenrost besteht immer aus drei Verpackungen, die wir von Repack designen haben lassen. Wenn wir das Bett in Berlin ausliefern nehmen wir die Verpackung direkt wieder mit, um sie neu zu verwenden. Man kann mindestens 300 Mal ein Bett darin verpacken. Und dann kann man die Tasche immer nochmal nähen, falls etwas kaputtgeht.

Was ist Dein Anspruch an ein gutes Bett?

Es muss zeitlos im Design, langlebig, naturbelassen, massiv, stabil und nicht quietschend sein. Und der Konsum davon darf nicht schädlich für die Umwelt sein. Wir sagen immer: „Das Kiezbett kann Dein Bett für`s Leben sein“. Es ist so gebaut, dass es Generationen überleben kann – so wie es früher einmal war. Und wir finden auch: Das Allermeiste, was nicht repariert, gewartet, gepflegt und in Stand gehalten werden kann, ist Ressourcen-Völlerei. Gutes Design ist nachhaltig und langlebig – das muss der Anspruch sein.

Was läuft eigentlich falsch in der großen Möbel-Industrie?

Bei den großen „Playern“ ist in den letzten Jahrzehnten so ein Mode-Turnus reingekommen. Konsumenten werden animiert, alle drei bis fünf Jahre Wohnungen neu einzurichten. Das kann man nur machen, wenn die Möbel entsprechend billig sind. Und billig ist es, wenn es auf dem Rücken und der Ausbeutung, von natürlichen Ressourcen und Menschen läuft.

Trotzdem kommt immer wieder das Argument, dass sich Qualität nicht jeder leisten kann.

Ja, das Gegenargument kann sein: Wer billig kauft, kauf mehrmals. Das kumuliert sich am Ende zum selben Preis, wenn ich in 15 Jahren dreimal ein billiges Bett für 400 Euro kaufe, das dann nicht mehr gefällt oder aus dem Leim fällt und quietscht. Das Kiezbett, wie gesagt, kann Dein Bett für`s Leben sein.
Und ja, es kann sich auch nicht Jede_r ein Bett für 400 Euro leisten. Aber daran sind nicht die Verbraucher schuld. Da ist eher die Frage, wie ist das Geld verteilt. Und diese Situation spitzt sich zu. Hier bedarf es schleunigst einer Rückbesinnung auf das soziale in der Marktwirtschaft! Das sind politische Weichen, die gestellt werden müssen.

Bekommt Ihr Feedback zum Preis des Bettes?

Viele haben gar kein Problem mit dem Preis. Eine Hürde ist es, das Bett auf einmal zu bezahlen. Deshalb haben wir jetzt eine Ratenzahlung eingeführt. Wir beobachten, wie das angenommen wird.

Siehst Du eine Chance, dass das Bewusstsein für Qualität und Langlebigkeit wieder zurückkommt?

In meiner Blase nehme ich schon war, dass viele Menschen verstanden haben: “Wer billig kauft, kauft mehrmals”. Es gibt auf jeden Fall jede Menge Bewegungen in eine gute Richtung. Der Leidensdruck ist aber immer noch nicht groß genug. Deswegen bleibt es immer noch Idealismus.

Was meinst Du mit Leidensdruck?

Der Mehrzahl der Bevölkerung in Mitteleuropa geht es sehr gut im internationalen Vergleich.
In der ehemaligen DDR beispielsweise waren die Ressourcen und das Angebot knapp und man musste erfinderisch sein. Dein Lager war nicht der Baumarkt, sondern der Schuppen, wo Du tausend Schrauben gesammelt hast. Bevor man heute eine Schraube sucht, fährt man lieber direkt in den Baumarkt. Zwei Tage später findet man sie dann natürlich zu Hause. Der Leidensdruck, den ich meine kommt allerdings in großen Schritten auf uns zu. Abgekürzt und metaphorische ausgedrückt: Die Erde schwitzt und ächzt und mehr und mehr Menschen werden sich der Endlichkeit von Ressourcen bewusst. Dies ist der Anfang von Veränderung.

Siehst Du in der Zukunft eine Chance für ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem?

Ich bin der festen Überzeugung, dass kein Weg daran vorbei führt und, dass es nicht mehr anders geht. Es gibt ja sehr geile ressourcenschonende Varianten. Im Wald kann man entweder Kahlschlag betreiben oder man kann sich einzelne Bäume herausnehmen. In der Schweizer Forstwirtschaft funktioniert das mit sogenannten Plänterwaldbewirtschaftungen sehr gut. Eine der nachhaltigsten und waldschonendsten Bewirtschaftungssysteme, die dem Naturwald sehr nahe kommt. Gut für Mensch, Wald und Artenvielfalt.

Warum hat es eine nachhaltigere Wirtschaftsweise dann trotzdem noch so schwer – obwohl man Modelle hat, die funktionieren?

Das hat aus meiner Sicht viel mit Gewohnheit, politischen Rahmenbedingungen und einer neoliberalen Hegemonie zu tun. Wenn man auf „Masse statt Klasse“ geht, funktioniert das für unser Leben auf der Erde auf Dauer einfach nicht. Und wenn Menschen beispielsweise durch die Folgen neoliberaler Vormachtstellungen gezwungen sind beim Discounter zu Billigspreisen einkaufen zu müssen – auch nicht. Da kommt man wieder bei dem Punkt der Geldverteilung heraus.

Dabei bin ich schon froh über die aktuellen Entwicklungen. Dass wir zum Beispiel über Vegan oder Vegetarisch reden, darüber hat sich vor einigen Jahren nur eine Minderheit Gedanken gemacht.

Fotos: Marcus Werner

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