Warum dieser Artikel wichtig ist

Immer mehr Menschen, die nachhaltiger leben wollen, haben ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Wie man am Besten damit umgeht und trotzdem gut leben kann, versuchen wir für uns zu beantworten.

Die Einschläge kommen immer näher. Erst letztens hat irgendwer auf Facebook einen Artikel geteilt, der uns sagen sollte, wie schlimm eigentlich Avocados sind. Ganz ehrlich, wir wollten es gar nicht wissen. Wir lieben Avocados und wir haben uns aktiv dazu entschieden, uns das nicht versauen zu lassen. Und das, obwohl wir uns denken können, dass Avocados aus dem wasserarmen Israel wahrscheinlich ein Arschtritt in jeden palästinensischen Hintern sind. Und das alles nur, damit wir uns am Vorabend schon auf unser friedliches Frühstück zu Hause freuen dürfen.

Wer heute in der westlichen Welt konsumieren möchte, kann eigentlich nur alles falsch machen. Alle Produkte haben einen mehr oder weniger großen Fußabdruck, der entlang der Wertschöpfungskette und des Transports entsteht. Wir als Verbraucher haben fast keine Möglichkeit da überhaupt durchzusehen. Wir finden vielleicht das Herkunftsland auf der Verpackung – wie es aber vor Ort tatsächlich aussieht, wie sich die Produktion auf die Menschen auswirkt, ob Umweltgesetzte eingehalten werden, wie streng diese Gesetze überhaupt sind, ob durch den Export lokale Märkte zerstört werden – das alles ist hinter einer großen bunten Werbewand versteckt.

Wir stecken in der Falle. Wir wollen so gern nachhaltig konsumieren und alles richtig machen. Was das aber wirklich heißt, ist, dass wir eigentlich verzichten müssten. Wir dürften nur noch das essen, was bei uns regional und saisonal wächst, wir müssten unsere Klamotten nähen, wenn sie kaputt gehen, alte Elektrogeräte reparieren, statt neue zu kaufen, auf exotische Urlaube verzichten und unser Auto verschrotten lassen. Wir müssten wieder lernen unser Glück im Einfachen zu suchen, in der Natur, im sozialen Miteinander, in Arbeit, die unsere einfachsten Bedürfnisse befriedigt: Unterkunft und Ernährung.

Klingt alles irgendwie nach 18. Jahrhundert. Aber Fakt ist, dass die Menschen bis dahin tatsächlich nachhaltig gelebt haben. Sogar noch bis in die 60er Jahre waren Bescheidenheit und Sparsamkeit im Westen höchste Tugenden. Deshalb lagen unsere CO2-Emissionen damals auch in einem für den Planeten erträglichem Maße. Erst mit dem Anfeuern des globalen Handels und allen luxuriösen Möglichkeiten, die dadurch entstanden, sind wir in den Schlamassel geraten, in dem wir heute stecken.

Nun versuchen wir bei Viertel \ Vor immer auch realistisch auf die Welt zu blicken. Das heißt in diesem Fall, dass es wohl unwahrscheinlich ist, Menschen, die sich einmal an die Bequemlichkeit des Alles-Immer-Überall gewöhnt haben, zurück zum Verzicht zu bewegen. Wir müssen wohl akzeptieren, dass all unser Handeln irgendwo auf der Welt Spuren hinterlässt.

Was wir jedoch wirklich tun können, ist darüber nachzudenken und uns dieser Auswirkungen bewusst zu werden. Wir sind nicht perfekt! Aber wir können bewusster konsumieren! Wir können nachdenken, bevor wir etwas kaufen. Muss das wirklich sein, oder gibt es eine andere Lösung? Muss man so oft fliegen, oder kann man auch mal regional Urlaub machen? Muss man jeden Tag Fleisch essen, oder würden eins, zwei Tage mit Bio-Fleisch auch ausreichen? Müssen wir immer auf dem neuesten Stand der Mode sein, oder stehen wir da endlich mal drüber (und sind damit eigentlich viel cooler und individueller, als all die Hypebeasts?). Und: Kann ich statt meiner importierten Avocado nicht lieber lokale Tomaten auf mein Frühstücksbrot legen?

Was dürfen wir also überhaupt noch? Unsere Antwort wäre: Alles – und davon so wenig, wie möglich! Wir probieren das jetzt aus.

Fotos: Robert Rieger / Freunde von Freunden

8 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Artikel! Ich beschäftige mich gerne mit Nachhaltigkeit und finde der wichtigste Schritt ist die eigene Erkenntnis, wie man konsumiert. Für mich habe ich dann ganz einfache Änderungen vornehmen können, um nachhaltiger zu sein. Bei anderen Dingen bin ich mir einfach bewusst, dass sie im Großen und Ganzen nicht nachhaltig sind. Komplett verzichte ich dann nicht aber ich konsumiere bewusster (Tee, Avocado, Klamotten,…) und reduzierter. Meiner Ansicht nach ist es auch fast nicht mehr möglich zu leben wie früher. Sei es im Job mit der IT Struktur, den nicht vorhandenen Hofläden mit regionalem Obst und Gemüse und der Unlust, immer Besteck in der Tasche zu haben um auf dem Street Food Festival 2 Holzgabeln zu sparen. Ich will dem Thema „Nachhaltigkeit“ nicht verkrampft entgegentreten sondern mir auch zugestehen, nicht perfekt aber bewusster mit meinen Konsumentscheidungen umzugehen

  2. Wow! Ganz toller Beitrag! Stimme ich voll und ganz zu! Ja NACHDENKEN – das ist eigentlich der Kern. Für mich ist Nachhaltigkeit heutzutage ein Spagat zwischen alles & nichts. Leider fällt dieser noch vielen sehr schwer! Lg Verena

  3. Pingback: Cherry Picks #9 - amazed

  4. Elizabeth Murphy

    Wunderschön! Blog, Artikel, Sie zwei, Bilder!!! Toll. Ich bin froh Sie heute morgen gefunden zu haben. Danke für die Einträge und diese wichtige Arbeit.

  5. Bin gerade neu auf eurem ablog gelandet und habe die Lektüre mit diesem Artikel begonnen. Den ich insofern total klasse findet, weil er anstößt. Mich z.B. erwischt er genau in dem Punkt „nicht verkrampft“.

    Da ich schon etwas älter bin (60 J.) erinnere ich mich noch gut daran, wie das mit früheren Öko-Bewegungen so ausging. Nämlich mehr so sinuskurvenartig. Ende der 70er lebte die Vollwertbewegung wieder auf. Die sich daran erinnerte, dass es zwischen den Weltkriegen Menschen gab (z.B. Max Otto Bruker), denen bereits klar war, dass nur komplette Lebensmittel alles lebensnotwendige enthalten. Und dass bereits zu dem Zeitpunkt (!) die aufkommende Nahrungsmittelindustrie ein Irrweg war.
    Die Gründung der echten Bioverbände (Bioland, Demeter, Naturland usw.) waren Highlights.
    Doch dann begann der Schwung nachzulassen, und plötzlich fanden sich Tiefkühlpizza und hochverarbeitete Nahrungsmittel auch im Bioladen. Die („unverkrampften“) Ökos wollten es angeblich so. Was nun zuerst kam; das schräge Angebot, welches mit massivem Werbeeinsatz in die Szene gedrückt wurde, oder die Kunden, die (nicht mehr) verstanden, welcher Dreck ihnen da unter dem Ökolabel angeboten wurde sei mal dahingestellt.

    Heute wird mit einem industriefreundlichen, weichgespülten EU-„Bio“-Label das Gewissen der Konsumenten ruhiggestellt. Das ist nur möglich, weil das Wissen der 80er inzwischen bei den Konsumenten so gut wie nicht mehr vorhanden ist.

    Vor dem Hintergrund sehe ich „unverkrampfte“ Nachhaltigkeit als eine Gratwanderung zwischen Machbarkeit und Konsistenz. Ich fänd’s nämlich schade, wenn auch der Schwung dieser Tage wieder sinuskurvenartig verschwindet…

    • Marcus Werner

      Hallo Paleene, vielen Dank für den schönen und wichtigen Kommentar! Wir können tatsächlich viel aus der Geschichte der Ökobewegung lernen. Den Vorteil, den wir heute haben, ist, dass die Hütte schon kräftig brennt und wir es uns nicht mehr leisten können abzuwarten. Wir müssen uns jetzt verändern, sonst ist es zu spät. Von daher finde ich die Vorleistungen der Ökobewegung super wichtig, aber das Momentum geht jetzt erst richtig los, weil wir schon die ersten Auswirkungen des Klimawandels merken. Die unverkrampfte Nachhaltigkeit ist von daher auch nur ein Möglichkeit zum Einstieg ins Thema. Wir hoffen, dass wir von dort aus dann auf die nächsten Level kommen. Liebste Grüße

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