Warum dieser Artikel wichtig ist:

Elektrisches Licht ist keine Selbstverständlichkeit. Sonnenschein ist eine. Wer sich mit Solarstrom auseinandersetzt, gewinnt an Wissen und Wertschätzung für Ressourcen. Wer Little Sun unterstützt, macht Energie für sich selbst weniger abstrakt – und für Menschen in Afrika endlich zugänglich.

Er installierte Wasserfälle an der Brooklyn Bridge, gelben Nebel in Wien und eine Indoor-Sonne in London. Im Sommer 2013 brachte Ólafur Elíasson außerdem ein echtes Stück des Vatnajökull-Gletschers ins New Yorker MoMa PS1, um auf die Auswirkungen der globalen Erwärmung hinzuweisen. Was der in Island geborene dänisch-deutsche Künstler denkt, das denkt er groß. Und weit. Und mit starker Aussage. Selbst wenn es nicht um eins seiner Riesen-Werke geht, sondern um ein ganz kleines: den neuen Little Sun Diamond.

Die edelsteinförmige Solarlampe ist die dritte in der Familie des Social Start-Ups Little Sun, das Ólafur Elíasson 2012 zusammen mit dem Ingenieur Frederik Ottesen gegründet hat. Genau wie bei seinen beiden Vorgänger-Modellen vereint sich in dem kleinen Diamanten Design und Funktionalität zu einem Produkt, das sich quasi jeder leisten kann – und das eine klare Botschaft hat. Die neue Little Sun macht Solar Energie für uns greifbar. Sie zeigt, wie einfach sie als Alternative zur konventionellen Energiegewinnung funktioniert. Kinder können Little Sun am Tag in die Sonne halten und abends zum Lesen nutzen. Bis sie eben leer ist, was wiederum Wertschätzung für die Ressource schafft.

Eine Ressource, zu der 1,1 Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang haben. In vielen Regionen Afrikas benutzt man Lampen mit Kerosin oder Petroleum, um abends gemeinsam zu essen, zu spielen, zu lesen oder zu lernen. Wenn ein Kind vier Stunden im Licht einer solchen Lampe arbeitet, sind die Auswirkungen ähnlich, als würde es zwei Päckchen Zigaretten rauchen. Hinzu kommen Brandgefahr und Kosten für immer neuen Treibstoff. Eine Little Sun, die mittlerweile weltweit und vor allem in afrikanischen Ländern verkauft wird, ist günstiger.

Direkt gespendet werden die Lampen bewusst nicht. Durch den Verkauf an Retailer vor Ort soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Außerdem gibt es unzählige Kooperationen mit NGOs, Regierungen, Schulen und Projekten, um die lebensverändernden Lampen zu den Menschen zu bringen, die sie brauchen. Vorgestellt wird sie dabei auch in Afrika immer als Kunstwerk. Nicht als etwas, das arme Menschen brauchen. Diese Augenhöhe ist etwas, das uns am Projekt besonders gefällt.

Zum Launch der neuen, seiner kleinsten Skulptur, durften wir Ólafur Elíasson dort besuchen, wo auch seine größeren entstehen: In seinem Berliner Studio, einer ehemaligen Brauerei mit eigener Bar, einem Mitarbeiterrestaurant und Industrielofts in denen sich auf drei Stockwerken, Modelle, Bücherregale, Arbeitsflächen und Schreibtische aneinander reihen. Vor Ort haben wir Installationen bestaunt, auf Skizzen geschielt, kleine Schätze bewundert, seinen Mitarbeitern und befreundeten Architekten bei der Arbeit zugesehen – und mit einem ebenso zurückhaltenden wie charismatischen Ólafur Elíasson über sein Projekt Little Sun gesprochen. Und darüber, warum tun wichtiger ist als denken:

Kunst, sozialer Aspekt oder Umweltaspekt? Was steht bei Little Sun für Dich im Vordergrund?

Eigentlich ist es so, dass ich mir da je nach Kontext den entsprechenden Hut aufsetze. Manchmal sage ich ich bin Künstler, das regt viele Menschen an – einige schreckt es aber auch ab. Dann sage ich, ich bin aus dem Energiesektor und arbeite mit Energie of the Grid. Manchmal funktioniert Kunst besser, manchmal Klimakampagne. Für mich selbst ist es beides, alles.

Ist es für Dich ein interessantes neues Feld, nicht nur der gefeierte Künstler, sondern darüber hinaus auch mal ein Aktivist zu sein?

Mir ist es am wichtigsten ehrlich zu sein. Ich interessiere mich für Kultur. Und mir ist es wichtig mein Wissen, mein Netzwerk und mein relatives Talent über die Kultur hinaus in der Welt geltend zu machen. Zum Glück ist Kultur ja teil der ganzen Welt. Deshalb ist der Brückenschlag eigentlich gar nicht so groß.

Ist Deine Arbeit mit Little Sun leichter geworden, seit Ihr 2012 die erste Lampe released habt?

Definitiv. Wir selbst sind größer und robuster geworden. Und vor allem ist die allgemeine Debatte eine größere geworden, ja. Das Bewusstsein zum Thema Klimawandel hat sich dermaßen verändert! Dabei bleibt Klima aber immer eher ein schwieriges, negativ besetztes und wenig greifbares Thema. Das einzige Bild, das die Menschen meist zum Klimawandel haben, sind traurige Eisbären. Die Idee, dass man unsere Sonne in die Hand nehmen, Energie greifbar machen und über Afrika thematisieren kann, ohne immer die Armut dort darzustellen, ist eine Strategie, die wahrscheinlich auch deshalb bisher ganz gut ankommt.

Ehrlich gesagt ist genau das auch das, was uns mit am Besten an Euch gefällt. Die Darstellung der Menschen, als lebensfroh und stark, der positive Aspekt – und der ganze moderne Look.

Ich sag‘ immer Afrika ist reich. Man müsste dort noch lernen den Reichtum besser zu verwalten. Aber der Trend ist gut: Die Arbeitslosigkeitsbekämpfung und die Bildungskurve waren dort noch nie besser als aktuell. Negative Themen sind gerade Bevölkerungswachstum und Migration.

Wie hat sich Deine Beziehung zu dem Kontinent ergeben?

Mein Interesse für Afrika hat sich entwickelt, als ich zwei Kinder aus Äthiopien adoptiert habe. Angefangen hat alles mit dem Adoptionssystem, mit dem ich mich sehr beschäftigt habe – auch mit den menschenrechtlichen Fragen zum Thema. Über ein Projekt für junge Mütter, das ich mit meiner Familien bis heute betreue, bin ich in engen Kontakt zu den Menschen vor Ort gekommen und hatte die Möglichkeit, mir Probleme from the Bottom of the Pyramide aus anzuschauen. Daraus ist der Wunsch entstanden, mit Little Sun noch mehr zu tun, als den Klimawandel greifbar zu machen. Ich wollte gesellschaftlichen Impact leisten, Wünsche finden, die wir teilen in Afrika und hier und überall – statt immer nur Unterschiede zu suchen. Das alles versuche ich mit Little Sun.

Findest du, dass es die Aufgabe oder sogar die Verantwortung von jemandem ist, der Kultur macht, sich Themen wie dem Klimawandel anzunehmen und denen eine bessere Greifbarkeit zu geben?

Ja. Besonders wenn man sich dabei mit Physis auseinandersetzen kann. Dass man die Little sun in die Hand nehmen kann, ist schon Mal nicht schlecht. Aber am Besten tanzt man damit rum, macht Licht-Graffiti oder was einem eben einfällt. Ich muss ein bisschen aufpassen, dass ich nicht sage, man solle sich nicht theoretisch mit dem Thema auseinandersetzen (schmunzelt). Denn natürlich sollte man das! aber wie groß ist der Abstand von Denken zum Handeln? Viel größer als man glaubt! Man neigt ja dazu zu glauben: Wenn ich das gedacht hab‘, dann hab‘ ich’s quasi fast getan. Aber das stimmt natürlich nicht. Der Weg zum Tun ist oft mühsam. Mit Little Sun versuche ich persönlich, das Handeln zu erleichtern. Und über die Scalierbarkeit einen echten Impact zu erzielen. Für andere wünsche ich mir, dass sie sich selber das Vertrauen schenken, um zu agieren.

Kann Kunst dabei helfen?

Viele Menschen fühlen sich nicht verstanden, nicht gehört und nicht gesehen. Sie denken: Ich kann ja eh nichts tun, ich muss nicht handeln. Ich kann den Klimawandel nicht stoppen. Dieses Exklusions-Phänomen halte ich für eine große Herausforderung in der heutigen Welt. Der kulturelle Sektor, wo ich herkomme, kann da helfen. Weil er sich mit gewissen Identifikationsverfahren beschäftigt, bei denen man sich selbst im Theaterstück oder Buch oder Kunstwerk wiederentdeckt und denkt: Ja, ganz genau so geht’s mir auch, ich fühle mich genau so, das bin ich! So fühlt man sich gesehen. Und ich denke, das ist ein toller Motivator für Aktion.

Als du selbst diese Motivation gespürt hast, wusstest du was damit auf dich zukommt? Dass Little Sun ja nicht nur Kunst, sondern auch ein Business sein wird?

Business kann ja auch ein Kunstwerk sein! Für mich persönlich ist es das. In Deutschland gibt es eine große Tradition im Bereich soziale Skulpturen. Und Joseph Beuys hat die Grünen mitbegründet! Was mir besonders wichtig ist, ist dass ich glaube mit Little Sun ein Projekt ins Leben gerufen zu haben, dass aus dem Herz des so genannten kulturellen Sektor wächst. Dafür versuche ich mein Netzwerk einzuspannen – aber auch die Politik, UN und EU einzubeziehen. Das ist mühsam und ich bin immer noch naiv. Aber nicht mehr so naiv wie ich vor fünf Jahren war!

In den letzten fünf Jahren hat sich viel entwickelt. Wie blickst du in die Zukunft? Macht unser Kampf gegen die Erderwärmung überhaupt Sinn?

Ich sag‘ immer: die Zukunft liegt in der Crowd. Es liegt alles daran, wie gut wir uns in Zukunft organisieren können – und zwar im dezentralen Sinn. Ich glaube zum Beispiel sehr an Crowdfunding. Aber vor allem glaube ich an Verbraucherverantwortung. Ich gehe davon aus, dass die Leute früher oder später sagen werden: Nein, das kaufe ich nicht, weil’s nicht nachhaltig produziert ist oder weil ich nicht weiß, woher es kommt. Die Narration, die Story eines Produktes wird eine zunehmende Rolle spielen. Daran glaube ich. Und allgemein blicke ich sehr optimistisch in die Zukunft, weil ich denke, dass sich die Menschen langsam aber sicher gegen das Vertrauen in die hochzentralisierte Politik, wie die von Trump zum Beispiel, wenden. Ich glaube wir gehen auf das Ende einer konventionellen Machtstruktur zu.

Hin zu?

Einer alternativen Machtstruktur. Ich hatte ja gehofft, dass meine Generation mit dem Internet und der Digitalisierung eine Dezentralisierung erlauben würde. Stattdessen hat sich eine neue zentralisierung entwickelt, viele Daten gehören wenigen Menschen. Der Weg scheint also manchmal doch länger zu sein, als ich denke. Aber es bleibt zu hoffen, dass die Menschen diese Welt eines Tages für sich selbst nutzen,  anstatt Ressourcen zu verbrauchen – und sich selbst verbrauchen zu lassen. Dass die Menschen Ihr eigenes Leben selbst gestalten wollen. Wir müssen einen Weg finden, nicht alles in die Hände großer Firmen zu geben. Wir dürfen uns nicht abhängig machen lassen.

Fotos: Marcus Werner

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