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Nach dem Release des Prototypen Anfang letzten Jahres ließ uns adidas lange warten – mittlerweile geht alles ganz schnell. Mitte Mai kamen gleich drei neue dunkelblaue Boost-Modelle in Kooperation mit der von Gyrill Gutsch gegründeten Meeresschutzorganisation Parley for the Oceans auf den Markt. Jetzt, Mitte Juni schießt adidas mit „Coral Bleach“ gleich noch eine zweite Colorway nach. Und mit dem Doppel-Launch schießen vielen Slowfashion-Fans natürlich auch diverse Fragen durch den Kopf. Was ist dran an den neuen Nachhaltigkeitsbekenntnissen der konventionellen Riesen-Brand?

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Die Kritik:

Gefertigt werden nicht nur die Parley-Boosts, deren Upper aus je elf aus dem Meer geborgenen Plastikflaschen gemacht wird, sondern auch ihre konventionellen Sneakerkollegen größtenteils in Asien. Arbeitszeiten, -umstände und -vergütung für die Fabrikangestellten und auch Umweltbelastungen sind dabei natürlich kaum mit deutschen Standards zu vergleichen. Bei einem Produktionsvolumen von 300 Millionen Paar adidas-Schuhen im Jahr, macht der Anteil dieser Recyclingmodelle außerdem nur einen recht geringen Prozentsatz des Gesamtangebots aus.

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Das Gute:

Der Konzern rüstet auf. „Mittelfristig wollen wir bis zu 80 Prozent aller Boost-Schuhe aus Recyclingplastik herstellen und langfristig sogar ganz auf neue Kunststoffe zu verzichten“, sagte Paul Bowyer, Head of adidas-Running in den USA, kürzlich gegenüber dem Magazin Sports Illustrated. Außerdem plane man die Produktionskette nach und nach so umzustellen, dass auch von adidas selbst aus keine Kunsstoffe mehr ins Meer gelangen können. Zwar wird in den eigenen Stores bereits auf Plastiktüten verzichtet. In keiner Kantine des adidas-Konzerns gibt es noch Plastikflaschen oder -strohhalme. In der Hauptherstellungsregion in Asien allerdings herrscht ein verheerendes Müllentsorgungsproblem. Ob und wie diesem wirklich etwas entgegenzusetzen ist, bleibt abzuwarten.

Konkreter wurde Bowyer in Bezug auf das kommende Jahr. Bis Ende 2018, so der US-Running-Chef, solle eine Auflage von sechs Millionen Parley-Boosts auf dem Markt sein. Das entspricht 66 Millionen weniger Plastikflaschen in unseren Ozeanen. In Relation zu den 140 Millionen Tonnen Kunststoff, die aktuell in den Gewässern schwimmen, mag diese Zahl verschwindend gering sein. Weit relevanter ist aber, dass es damit im Zweifel auch mindestens sechs Millionen mehr Menschen gibt, die sich mit dem Thema Müll im Meer auseinandersetzen. Zunächst, schon weil sie sich mit dem Schuh beschäftigen. Und bestenfalls auch, weil adidas die Zusammenarbeit mit Parley für eine noch breitere Info- und Aufklärungsarbeit nutzt.

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Zum Launch der dunkelblauen Parley-Boost-Serie in Berlin wurden kürzlich im Running Store Mitte, statt eines Talks über Plastik, nur nachhaltige Ideen im Allgemeinen präsentiert. Auf dem Panel, charmant geleitet vom sympathischen Berliner adidas-Running-Captain und Waldgirl Joyce Binneböse, hatten vier Akteure die Möglichkeit, ihre nachhaltigen Ideen und Arbeiten zu präsentieren – und auch andere zu mehr Einsatz in Sachen Umweltschutz anzuregen. Mit dabei: Farmers Cut-Founder und Vapiano-Mitbegründer Mark Korzilius, Professor Dr. Gernot Wolfram, der sich an Hochschulen und in Initiativen mit gesellschaftlichen Veränderungen im Wandel beschäftigt, Peter Sänger von Green City Solutions und Anna.

Ein inspirierender Abend. Und natürlich auch für uns eine schöne, dankenswerte Möglichkeit, unseren Blog und unsere Überzeugung zu präsentieren. Vertan wurde damit trotzdem die Möglichkeit, ganz gezielt auf das Thema Plastikmüll einzugehen. Schade ist das vor allem, weil adidas mit der Parley-Kooperation generell ein wichtiges und richtiges Zeichen setzt. Denn adidas ist eine Brand, die jeder kennt. Und wenn sich solche Marken nachhaltige Themen besetzen, dann tun sie damit nicht nur etwas für’s eigene Image. Sie tun auch etwas für die Wahrnehmung dieser Themen.

Adidas-Event-Parley-II_by-Obel-15Mit der Parley-Kooperation und daran gekoppelten Aktionen wie etwa den Runs for the Ocean, befreit adidas die Weltmeere nicht von Plastik. Und das ist auch nicht die Aufgabe des Konzerns. Aber adidas trägt damit die Plastikproblematik an die breite Masse. An eine weit breitere Masse, als die meisten eco-fairen Brands geschweige denn Meeresschutzorganisationen aktuell erreichen könnten. Und allein das ist potenziell schon gut. Schließlich geht’s ja um die Sache. Und einen Konzern wie adidas von heute auf morgen komplett in richtung Slowfashion umzustrukturieren, ist wahrscheinlich nicht realistisch erwartbar.

Gleichzeitig gilt es für die Herzogenauracher jetzt natürlich in der Tat, den Stein, den sie ins Rollen gebracht haben, nicht einfach auslaufen zu lassen – sondern ihn auch bestmöglich zu nutzen: Indem nicht nur dem Schuh, sondern vor allem dem damit verbundenen Inhalt gezielt Raum gegeben wird. Indem man das Thema klar besetzt. Und natürlich, indem man kurz- bis mittelfristig ernsthaft, glaubhaft und konstant weiter an den eigenen Materialien und Produktionsbedingungen arbeitet. Das wiederum ist sehr wohl Aufgabe des Konzerns. Alles andere wäre Greenwashing.

Ist der Doppel-Release der Boosts in Kooperation mit Parley for the Oceans also eine Nachhaltigkeits- oder eine PR-Strategie? Er ist beides. Und das ist völlig ok so. Worauf es ankommt, ist allein, was und wie viel adidas in den kommenden Jahren wirklich draus macht.

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FOTOS: adidas / adidas Berlin

3 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    ein schöner und wichtiger Artikel. Ich bin ebenfalls Redakteurin und habe mich für ein Magazin gerade mit dem Thema auseinandergesetzt. Dabei ist mir ein Aspekt untergekommen, der mir so noch nicht bewusst war und der meiner Meinung nach auch noch nicht ausreichend publik gemacht wurde. Jedes Mal, wenn wir Synthetikfasern waschen, lösen sich kleinste Mengen Plastik, die von den Kläranlagen nicht gefiltert werden können und daher letztlich wieder im Meer landen. Mikroplastikteilchen (also alles unter 5 mm) zieht giftige Schadstoffe an und landet am Ende wieder auf unserem Teller – sei es als Fisch, im Honig oder Bier. Es gibt bislang keine Möglichkeit Mikroplastik aus dem Meer zu filtern! Beim Waschen recycelter Plastikmode lösen sich noch viel mehr dieser Teilchen als beispielsweise beim Waschen einer herkömmlichen Fleecejacke. Schuhe wie die von Adidas müssen nun nicht so häufig in die Waschmaschine – aber mittlerweile gibt es ja unzählige Firmen, die Mode aus Plastikmüll herstellen. Diese Produkte, die als grün und gut beworben werden, sind aber leider alles andere: Auf Dauer schaden sie der Umwelt mehr als das sie nützen!

    Dieser Film veranschaulicht das Problem sehr gut: https://www.youtube.com/watch?v=BqkekY5t7KY

    Liebe Grüße aus Hamburg

    Jana

    • Anna Schunck

      Hi liebe Jana,
      vielen Dank für Deinen schönen, ausführlichen Kommentar und den Link. Das Problem ist mir bekannt. Und wirklich ein wichtiger Fakt / Punkt. Ich hab‘ ihn hier nicht erwähnt, da ich ihn auf dem Blog schon mal angesprochen habe und vor allem da ich eben bei den Schuhen bleiben wollte. a) Weil die Boosts gerade die Aufmerksamkeit auslösen, auf die ich hinaus wollte und b) weil meine Meinung bei Kleidung aus Recycling-Plastik auch noch differenzierter ist. Dieser ist weder mein noch unser erster Plastik-Artikel – und er wird nicht der letzte sein! Du regst mich dazu an, noch mal wieder was Allgemeineres zu Plastik zu machen. Danke! Denn der „Endgegner Kunststoff“, das ist klar, bleibt Kunststoff – egal ob neu oder recycelt…
      Herzlichen Gruß zurück nach HH, Anna.

  2. Ahoi Anna!

    Interessant dürfte auch die Frage sein wie hoch der Aufwand ist um die aus dem Meer gefischten 11 Flaschen wieder in ein für den Schuh-Produzenten verarbeitungsfähiges Garn/Material zu bringen. Ich könnte mir vorstellen das der Ressourcenaufwand in keinem positiven Verhältnis steht und somit ökologisch Sinn macht!?

    Gruß
    Marcus

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