Ein Fashion-Start-up am Leonardsplatz? Für Stuttgarter Verhältnisse schon eher mutig. Schließlich war das Viertel bisher vor allem für ein bisschen Party und viel Rotlicht bekannt. Der Vorteil: Potenzielle Kunden kennen die kleinen Straßen vom Ausgehen – und außerdem wird die Area gerade hip. Mit und wegen Läden wie Wiederbelebt. Die Upcycling-Brand bringt Stil, Style und Charme ins Viertel. Und vor allem eine Idee, aus der nicht nur schöne Kleider entstehen, sondern die auch zum Nachdenken anregt. Wir haben die Wiederbelebt-Designer Sarah Kürten und Oguzhan Deniz für unsere Vor \ Ort Kategorie in ihrem Laden getroffen, dessen Einrichtung übrigens in Eigenleistung von Familie und Freunden gebaut wurde und komplett aus upgecycelten Materialien besteht. So wie die ganze Wiederbelebt-Kollektion.

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Hallo, Wiederbelebt – welches Konzept steckt hinter dem Namen?

Wir beide haben als Modedesigner für viele große und kleine Firmen gearbeitet und dort viel erlebt. Vor allem hat uns immer wieder schockiert, wie viel Material weggeschmissen wird. Da bestellt so ein Designer schon Mal hundert Meter, nur um zu sehen, ob die Farbe stimmt. Oder eine ähnliche Menge Stoff wird aussortiert, nur weil drei kleine falsche Stellen drin sind. Das finden wir nicht gut! Deswegen ist unser Konzept, gerade solche Überschuss Materialien trotzdem zu nutzen, weiterzuverarbeiten und daraus eigene Kollektionen zu designen. Damit werden wir wahrscheinlich nicht die Modewelt verändern können, aber wir wollen auf jeden Fall einen Denkanstoß geben.

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Woher bekommt Ihr Eure Stoffe?

Dass wir darüber sprechen, möchten die betreffenden Firmen nicht. Denn natürlich möchten die Wenigsten, dass die Leute mitbekommen, wie viel Abfall eigentlich im Hintergrund entsteht. Aber wir können sagen, dass es sich bei unseren Materialien um hochwertige Stoffe von Herstellern aus Baden-Württemberg handelt.

Hattet Ihr für Eure Idee überhaupt Unterstützung von großen Brands erwartet?

Am Anfang waren wir da selbst ziemlich unsicher. Schließlich will ja keiner wirklich zugeben, dass die Modemarken weltweit Millionen Tonnen Stoff einfach wegwerfen. Aber dann kam ein großer Hersteller, der uns gleich eine ganze Palette Material vor die Tür gestellt hat. Für uns ein sehr schönes, positives Signal.

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 Glaubt Ihr, dass die Konsumenten zukünftig nicht sowieso mehr und mehr danach fragen, was hinter den Kulissen der Modeindustrie eigentlich passiert?

Zum Glück gibt es ja in letzten Jahren eindeutige Trends in Richtung Fair- und Slow-Fashion und generell zunehmend aufgeklärtere Konsumenten. Das aktuelle System funktioniert unserer Meinung nach nur so lange, bis die Leute bereit sind sich zu informieren und Fragen stellen. Deshalb sollten das so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich tun! Denn leider gibt es zur nachhaltigen Bewegung auch die Gegenseite: den Fast-Fashion-Bereich, der trotzdem immer weiter wächst. In Stuttgart eröffnet ein Primark über vier Stockwerke. Sowas kann es auch nur geben, wenn es dafür eine Nachfrage gibt…

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Und warum funktioniert Fast-Fashion Eurer Meinung nach so gut?

Das liegt vor allem an den Zehn- bis 18-Jährigen, die größtenteils allen Trends hinterherlaufen. Die brauchen jeden Tag was Neues – und bei Primark und Co. können sie sich diese Menge an neuen Teilen leisten. Und diese Läden unterstützen den Konsum natürlich auch noch: mit teilweise bis zu 27 Kollektionen im Jahr. Das bedeutet, alle zwei Wochen kommt eine neue Kollektion raus! Und die wird dann von besagten jungen Leuten eben auch jedes Mal nachgefragt. Diese Zielgruppe werden wir mit Wiederbelebt wohl nie erreichen. Bei uns gibt es immer nur 50 Teile pro Modell und wir arbeiten bewusst im zeitlosen minimalen, skandinavischen Design, um gerade nicht dem Trend zu unterliegen.

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Warum macht Ihr Wiederbelebt trotzdem?

Aus Überzeugung. Wir haben das Gefühl, das Richtige und etwas Gutes zu tun – wir stehen einfach dahinter. Deswegen stehen wir auch sechs Tage die Woche hier im Laden. Das ist unser Traum und der macht Riesen-Spaß.

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Ihr Logo haben Oguzhan und Sarah sich auf die Handgelenke tätowieren lassen
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Die beiden sind übrigens kein Paar – sondern seit Jahrzehnten beste Freunde

WIEDERBELEBT

Leonhardsplatz 18
70182 Stuttgart

U-Bahn: Rathaus
Website: wieder-belebt.de

Öffnungszeiten
Mo-Sa 10.30 – 18.30 Uhr

 

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