Die Schweizer Alpen, sagt Daniel Schwartz, hat er wie ein 3D-Modell im Kopf. Er kennt sie, seit er Kind war. Als Erwachsener hat der Fotojournalist und Bildkünstler sieben Jahre lang Gletscher in vier Ländern dokumentiert. Jetzt hängt seine eigens für USM zusammengestellte Ausstellung „de glacierum natura“ mit Werken von 2014 bis 2016 im Showroom Berlin. Es sind Aufnahmen aus dem Projekt „ICE AGE OUR AGE“, die nicht unbedingt sofort erkennen lassen, was sie zeigen oder zeigen wollen. Werke, bei denen Daniel Schwartz teils bewusst zwei oder drei verschiedene Blickwinkel auf das schwindende Eis unserer Erde zeigt. Der Schweizer ist ein Mann, der Provozieren einfach findet und mit seinem Projekt lieber polarisieren will. Wir sind von den Arbeiten begeistert – und überdies sicher, dass das gelingt. Nach seinem Antrieb und seinen Erkenntnissen zum Klimawandel haben wir Daniel Schwartz kurz vor der Vernissage gefragt:

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Lieber Daniel, Du kommst aus der Schweiz. Liegt eine besondere Beziehung zum Berg deshalb nah?

Wenn man in der Schweiz lebt, dann geht man schon als Kind da rauf. Mein Vater hat die Gletscher seit den Fünfzigerjahren dokumentiert. Da gibt es N8 und Super8-Filme auf denen ich als Zweijähriger auf dem Gletscher stehe – mit einer riesigen Sonnenbrille. Das war 1957. Als wir 2009 zusammen den gleichen Gletscher besuchten, war er weit zurückgegangen. Da wurde mir klar, dass ein Projekt, das den Klimawandel anhand der Gletscherschmelze sichtbar machen soll, glaziale und geologische Zeiträume mit individuell erlebbarer Menschenzeit in Verbindung bringen muss.

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Ein Projekt, das uns zeigt, wie es heute um die Gletscher bestellt ist.

Ja. Das Bild soll dabei als Eingangspforte für den Betrachter funktionieren. Die Fotografie soll als solche nicht allein gut sein, sondern sie muss auch Erkenntniswert haben. Auch der Fachblick des Geologen oder Glaziologen muss darauf das Relevante sehen.

Soll die Serie trotzdem auch als Kunst betrachtet werden?

Für mich geht es darum, ein Publikum zu erreichen, an dass der Wissenschaftler nicht unbedingt heran kommt. Das Projekt ist ein künstlerisch-wissenschaftliches.

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Welcher ist der wissenschaftliche Anteil?

Ich beziehe Informationen und Feedback von Geologen und Glaziologen verschiedener Schweizer Hochschulen und Universitäten. Wenn man über die Alpen fliegt, bieten sich schnell gute Bilder an. Aber wenn Sachkenntnis den künstlerischen Blick mitbestimmt, kann man Werke schaffen, die dem Fachpublikum das Bekannte neu zeigt und für alle anderen nicht nur ästhetisch sind, sondern zum Fragen anregen könne – über Ursachen und Konsequenzen des Klimawandels und die Funktion des Gletschers in diesen Prozessen. Das ist mein Ziel.

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Ein wichtiges Ziel. Bist du der Meinung, dass sich noch mehr Fotografen oder generell Künstler dieses Ziels annehmen sollten?

Ich denke es sollte jeder das tun, was er kann. Jeder Amateur der einen Gletscher fotografiert und die Bilder dann im Bekanntenkreis zeigt, der tut wahrscheinlich etwas für das Bewusstsein. Auch meine Arbeit ist ein Awareness-Projekt. In meiner Fotografien geht es nie um künstlerische Positionen sondern immer um Inhalt. Ich möchte keine Bilder machen, die nur gut aussehen.

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Warum ist der Klimawandel als Inhalt für dich besonders relevant?

Mein erster Beitrag zum Klimawandel war ein Projekt, das in den Neunzigerjahren in Bangladesch und anderen südostasiatischen Delta-Regionen umgesetzt wurde. Wenn das Polareis abschmilzt, betrifft das die Menschen dort zuerst. Ich wollte die condition humaine dokumentieren, die nicht nur von medienwirksamen Katastrophen wie Überschwemmungen oder Zyklonen mit geprägt wird, sondern auch aus so genannten schleichenden Desastern besteht. Die Erosion der Küsten und Flussufer sowie der Schwemmlandinseln gefährden jahrein jahraus Hundertausendende – unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.

Diese besagte Fotoserie entstand, lange bevor Klimawandel zum Trendthema wurde. Bevor Künstler anfingen, sich gegen den Klimawandel zu stellen. Was übrigens absurd ist. Man kann sich nicht gegen etwas stellen, von dem man selbst Teil ist. Bevor das Thema trendy wurde, da hat es bereits die Polemik gegeben: die Verneiner des Klimawandels traten an gegen die Wissenschaftler, die Evidenz vorlegen. Die Lobbyisten tun das Übrige. Politisch ist wenig passiert; Zeit wurde vergeudet. Ärger darüber war einer der Gründe, dieses Projekt zu beginnen. Ein Projekt, das Tatsachen zeigen soll. Der Gletscher zeigt den Fakt. Eisfrei gewordenes Gestein hebt sich ab von der Umgebung. Wir blicken grünen Alpen entgegen.

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Der Fakt ist da, der Klimawandel offensichtlich – und mittlerweile ist er sogar noch ein Trend-Thema. Warum wird trotzdem so wenig dagegen unternommen?

Es ist nur menschlich, dass jeder denkt: für mich reicht’s ja noch. In den Ski-Ferien wollen die meisten einfach den Schnee genießen, der noch vorhanden ist. Klimawandel ist eine Generationenfrage. Wer jetzt Kinder bekommt sollte sich aber die Frage stellen, was er antworten wird, wenn diese später fragen: Was habt ihr gegen den Klimawandel unternommen?

Gleichzeitig ist es erwiesen, dass es in der Geschichte der Erde immer abwechselnd kalt und warm gewesen ist. Geologisch gesehen befinden wir uns noch immer in einer Eiszeit, die vor 2,59 Millionen Jahren begonnen hat und wir wissen nicht, wann sie endet. Was feststeht ist, dass wir unwiderrufliche Veränderungen am Planeten vorgenommen haben, durch Abbau von Rohstoffen, durch unsere Deponien von Technoartefakten und so weiter. Unsere Emissionen sind archiviert in Eiskernen. Dort ist genau ablesbar, wann wir die Maschinen angeworfen haben. Wir haben das Interglazial des Holozän angeheizt. Und damit aktiv zum Klimawandel beigetragen.

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Meintest du das, als du vorhin sagtest, dass alle den Klimawandel mitverursacht haben?

Die Menschheit insgesamt, ja, auf ihrem Fortschritttspfad.

Können wir ihn trotzdem stoppen? Oder ist jeder Versuch ein Kinkerlitzchen, weil’s eigentlich längst zu spät ist?

Jede individuelle Anstrengung nützt. Trotzdem habe ich nicht die Illusion, dass man den Klimawandel stoppen kann. Wenn wir heute vor einer Gletscherfront stehen, dann sehen wir den Effekt unseres Wirkens von vor 20 Jahren. Gletscher reagieren zeitverzögert.

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Was können wir tun?

Wir müssen mit dem Klimawandel leben und unser Verhalten anpassen. Wir müssen entschleunigen, denn das braucht weniger Energie. Es gilt, den Klimakrieg zu stoppen, der seit Jahrzehnten tobt und bei dem es um Gewinn und Macht und Eitelkeit geht.

Treibt dich dieser Krieg an oder frustriert dich das alles auch mal?

Weder das eine noch das andere. Ich tue das, was ich kann und wozu ich mich selbst verpflichtet habe. Jedes meiner Projekte führt zum anderen. Zusammengenommen stehen sie für meine künstlerische Entwicklung und Haltung als Zeitzeuge. Und natürlich freut es mich, wenn nicht nur Museen und kulturelle Einrichtungen den Wert meiner Arbeit erkennen, sondern auch die Wirtschaft. USM zum Beispiel sieht in meiner künstlerischen Haltung Bezüge zur eigenen Ethik.

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Die Ausstellung „de glacierum natura“ ist noch bis zum 2. Januar im USM Showroom, Französische Straße 48, zu sehen. Geöffnet ist Montag bis Freitag von 10 bis 19 und Samstag von 10 bis 16 Uhr.  

Einen aktuellen Bericht über Daniel Schwartz‘ Bilder und seine Arbeit in Uganda gibt es ergänzend bei ARD Aspekte

FOTOS: Marcus Werner

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