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Es gibt eine Tatsache, die Sébastien Kopp, 38, schon als Teenager stutzig und als jungen Mann wütend gemacht hat: In der konventionellen Mode wird mehr Geld für Werbung, als für Material und Produktion ausgegeben. „Wir wollten beweisen, dass es auch anders geht“, sagt er.

Wir, das sind in dem Fall Sébastien und sein Partner François-Ghislain Morillion. Die beiden waren schon in der Schule beste Freunde. Seit 2005 sind sie Geschäftspartner und wie Brüder, sagt Sébastien. Gemeinsam haben die Pariser die wohl wichtigste nachhaltige Sneaker-Brand der Stunde gegründet: VEJA.

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Gesprochen wird auf Portugiesisch: Sébastien Kopp (rechts) mit dem Herstellungsleiter
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In der Brasilianischen Fabrik werden alle Modelle von Veja hergestellt – aus Leder oder vegan

Eine Brand, die in den vergangenen elf Jahren so groß und international bekannt geworden ist, dass die Turnschuhe mit dem großen V von Ökos und Modemädchen gleichermaßen geliebt und von Stars wie Emma Watson und Marion Cotillard getragen werden. Alles ohne Werbeanzeigen. „Wer auf Advertising verzichtet, kann fünf bis sieben Mal so viel Geld in die Produktion stecken“, sagt Sébastien. Und genau so macht es VEJA.

Das Ergebnis ist nicht nur eine ziemlich schicke Sneakerkollektion – sondern vor allem eine Herstellung, die weit entfernt ist von den aktuellen Schreckensbildern zu ausgebeuteten Flüchtlingskindern in der Türkei und vergifteten Fabrikarbeitern in Asien. Davon konnte sich VIERTEL \ VOR Anfang Oktober in Brasilien selbst überzeugen.

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Wir sind in der Region Porto Alegre, ganz im Süden des Bundesstaates Rio Grande do Sul, eine gute Flugstunden von Rio de Janeiro entfernt. Zusammen mit Sébastien stehen wir vor einem Fabrikgebäude von der Größe eines gut sortierten Supermarktes, das so ähnlich auch am Rand einer mittelgroßen Stadt in Frankreich oder Deutschland stehen könnte. Durch eine automatische Schiebetür aus Glas betreten wir den Ort, an dem unsere VEJAs entstehen. „Wir könnten uns mittlerweile eigentlich schon als französisch-brasilianische Marke bezeichnen“, sagt Sébastien, der längst fließend Portugiesisch spricht. Bis auf das Leder, das teilweise auch aus Uruguay angeliefert wird, kommen alle Materialien für seine Schuhe aus Brasilien – und werden dort direkt verarbeitet.

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Seit den Zwanzigerjahren werden in der Region Schuhe hergestellt. Diese Fabrik gibt es aber erst seit einigen Monaten. Das kann man sehen: Die Gänge sind breit, die Wände hell, die Arbeitsplätze ordentlich – ohne extra aufgeräumt auszusehen. Es riecht angenehm nach Stoff und nach warmem Gummi, das VEJA für die Schuhsolen zu 60 Prozent als regionales und nachwachsendes Naturprodukt verwendet. Einen Mundschutz trägt hier niemand. Wer gerade an lauteren Maschinen arbeitet, benutzt Ohrenstöpsel, wie man sie in Deutschland beispielsweise beim Holzzuschnitt im Baumarkt sehen kann.

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Insgesamt arbeiten 150 Frauen und Männer in der Herstellung. Der jüngste Mitarbeiter ist 16 und einer von sechs Auszubildenden, der Älteste knapp über 60 Jahre alt. Ein Paar neue VEJAS wird von jedem von ihnen ein Mal angefasst. 90 Prozent der Arbeitsschritte müssen manuell durchgeführt, viele sogar direkt per Hand getätigt werden. Die Produktion läuft routiniert, gelassen und trotzdem effizient. Gearbeitet wird werktags ab 7:30 Uhr. Die Längste von drei Pausen ist die von 11:30 bis 13 Uhr. Dann Essen die Arbeiter in einer geräumigen Kantine mit großen Glasfronten. Um 17 Uhr ist Feierabend.

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Wenn die Arbeiter nach Hause fahren, sind rund 1.000 Paar neue Schuhe entstanden. Zum Vergleich: In Asien variiert die gängige Produktion von Turnschuhen von 2.000 bis 5.000 pro Tag. Ausbeutung oder sogar einsturzgefährdete Fabriken sind in Brasilien laut Sébastien kein Thema. Nicht nur er und sein Partner kommen immer wieder her. Auch aufgrund der bestehenden Zertifizierung mit FLO-Cert und Ecolabel werden die Verhältnisse regelmäßig akribisch kontrolliert. „Die Produktion ist hier mit den Arbeitsbedingungen in europäischen Fabriken vergleichbar“, sagt Sébastien. „Die meisten Arbeiter sind in Gewerkschaften, wenn der Arbeitgeber etwas Unangebrachtes macht, wird sofort gestreikt.“

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Bisher war das bei VEJA nicht der Fall. Und auch andersherum wird Zuverlässigkeit belohnt: Wer für Veja arbeitet, bekommt 1.200 Brasilianische Real. Das sind umgerechnet 351,10 Euro. Der Mindestlohn liegt in Brasilien seit einiger Zeit bei 257,50. Über den reinen Verdienst hinaus vergütet VEJA mögliche Überstunden. Zwei bis drei Mal im Jahr werden außerdem verschiedene Boni ausgezahlt. 7 bis 11 Prozent des Gesamtlohns fließen direkt auf ein Rentenkonto, das nicht verfällt, wenn der Angestellte den Job wechselt. An Feiertagen haben alle frei. Im Arbeitsvertrag stehen zusätzlich vier Wochen bezahlter Urlaub.

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Gespart wird dafür bei VEJA nicht nur in Sachen Werbung. Auch auf Lagerbestände verzichtet das Label. Was so gewonnen wird, fließt neben der Herstellung natürlich auch in die überwiegend ökologisch und fair gehandelten Materialien. „Um einen nachhaltigen Schuh herstellen zu können, muss man ihn in seine Einzelteile zerdenken“, sagt Sébastien. Angefangen haben er und sein Partner damit zu Beginn ihrer Arbeit beim Canvas, sprich bei der Bio-Baumwolle.

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Die wird für VEJA recycelt oder frisch von verschiedenen Familienbetrieben in sinniger Fruchtfolge angebaut, damit die Böden fruchtbar bleiben. Das wilde Gummi für Sohlen und Applikationen kommt aus dem Regenwald. Geerntet wird es von traditionellen Rubber Tappers, die so vom und mit dem Wald leben können, anstatt ihn zugunsten der Rinderzucht roden zu lassen. Ein weiteres Material ist das so genannte B-Mash, das VEJA zu 100 Prozent aus in den Straßen gesammelten, recycelten Plastikflaschen gewinnt.

Das Leder für nicht vegane Modelle ist ein Abfallprodukt der großen brasilianischen Fleischindustrie. Gegerbt wurde zunächst ausschließlich mit Acacia, von 2014 bis August 2016 mit der Low-Chrome-Methode. Mittlerweile sind viele Modelle sowohl aus pflanzlich als auch aus konventionell behandeltem Leder zu haben. Luft nach oben gibt es in Sachen Umweltschutz fast immer. Daraus macht Sébastien keinen Hehl. „Wir sind nicht perfekt“, sagt er. „Aber immer transparent. Das war für uns von Anfang an das Wichtigste.“

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Bevor sie sich für Brasilien als Produktionsort entschieden haben, sind Sébastien und sein Partner Ghislain rund eineinhalb Jahre gereist. Das Firmenbosse in anderen Herstellungsländern die beiden weder die Fabrikräume, noch die teils direkt angeschlossenen Unterkünfte der Arbeiter sehen lassen wollten, beschäftigt ihn bis heute. „Wir wollten eine Produktion, die man guten Gewissens zeigen kann. Etwas, auf das man stolz sein kann,“ sagt Sébastien. „Viele der großen Konzerne könnten es einfach genauso machen.“

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FOTOS: Anna Schunck

Der Fabrikbesuch wurde für uns auf Einladung von Veja ermöglicht. Eine Vergütung für diese und weitere Artikel über die Marke erfolgt nicht. 

6 Kommentare

  1. Liebe Anna, so ein wunderbarer Bericht, den ich schon ganz gespannt erwartet hatte. Danke dir, für die tollen Einblicke! Jetzt Trag ich die Treter im kommenden Frühling mit doppelt viel Spaß!
    Langsamer Modegruß von der Elbinsel gen Hauptstadt <3 Auch-Anna

  2. Das ist wirklich ein klasse „behind the Scenes“ Beitrag. Man kommt sich beim Lesen fast so vor, als wäre man sekst dort gewesen – du hast es wirklich interessant Bescheid und auch die Hintergrundinformationen zum Label und der Herstellung sind unheimlich interessant! Danke für den Einblick!

    Liebe Grüße
    Anna

  3. Liebe Anna!

    Ein wirklich toller Bericht, der mir einige (viele) neue Informationen zum Label gegeben hat – danke euch! Ich habe den Eindruck, dass da sehr, sehr viel sehr richtig gemacht wird und freue mich bereits, das beim nächsten anstehenden Schuhkauf unterstützen zu können. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

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