Seit 2007 ist Jörg von Kruse Inhaber der 1978 gegründeten Biobrand i+m Naturkosmetik Berlin. Was er und seine Mitarbeiter anders machen als konventionelle Firmen? Eigentlich alles. i+m steht nicht nur für hochwertige vegane Biokosmetik aus fair gehandelten Inhaltsstoffen, sondern spendet auch 40 Prozent aller Erlöse an gemeinnützige Projekte – in Form von Einmalspenden aus Sonderserien, aber auch in langfristigen Kooperationen wie dem Betrieb eines Frauenhauses in Sambia. Weitere 20 Prozent fließen in Mitarbeiterbeteiligungen. Wer bei i+m angestellt ist, arbeitet eigenverantwortlich und ohne Kontrolle. Entsprechend gut ist die Stimmung im Hauptsitz der Firma, einer Hinterhofremise in Prenzlauer Berg.

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Lieber Jörg, Dein Partner Bernhard von Glasenapp und Du bezeichnet Euch selbst als Ökoaktivisten, was genau meint Ihr damit?

Wir sehen i+m nur bedingt als Unternehmen, das Profit machen soll, und eher als eine Plattform, die die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit voran bringt. Da unsere ganze Wirtschaft so stark in kapitalistischen Unternehmen organisiert ist – das ist das dominierende System unserer Kultur – kann ein eigenes Unternehmen hierfür eine gute Basis sein. Die Biobewegung ist einst aus einem stark antikapitalistischen Impuls entstanden, das ist heute ein bisschen anders. Wir haben eine pragmatischere Sicht. Da der Kapitalismus auf absehbare Zeit wohl kaum abzuschaffen ist und ja auch gewisse Vorzüge wie Flexibilität und Leistungsstärke hat, versuchen wir ihn von innen umzubauen.

Als kleines Unternehmen können wir die Welt nicht grundlegend verändern. Aber mit unseren überwiegend nachhaltig ausgerichteten Kunden haben wir das Glück, als ein „Labor“ zu fungieren. So können neue Modelle des nachhaltigen Wirtschaftens ausprobiert werden und im Falle ihres Gelingens als Inspiration für andere und insbesondere große Unternehmen dienen.

Was sind die wesentlichen Dinge, die Ihr anders macht als ein traditionell kapitalistisches Unternehmen?

Eigentlich alles. Es fängt schon mal damit an, dass der Profitgedanke nicht oben an steht. Wir richten uns nach den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie aus. Diese Vision einer nachhaltigen Ökonomie, die unsere Umwelt und natürlichen Lebensgrundlagen erhält, kann nur gelingen, wenn wir neben einem Ressourcen schonenden Umgang mit der Natur auch die Strukturen unseres Wirtschaftens verändern: weg von Egoismus und Konkurrenz, hin zu einem fairen, auf das Wohl aller Menschen ausgerichteten Miteinander. Auf der Ebene der Gewinnverwendung heißt dies zum Beispiel, dass wir 40 Prozent unserer Gewinne spenden und 20 Prozent an die Mitarbeiter verteilen.

Außerdem seid Ihr nicht hierarchisch organisiert.

Genau. Es gibt hier sehr flache Hierarchien, alle Bereiche werden von den Mitarbeitern selbstständig verantwortet. Es gibt kaumKontrolle, keiner muss etwas vorlegen. Die Abläufe entstehen sehr organisch. Wie die einzelnen Aufgabenbereiche zugeschnitten sind, ergibt sich zum Teil aus den Anforderungen, aber auch aus den Fähigkeiten und Interessen des Mitarbeiters. Daher muss jedes Mal wenn ein Mitarbeiter ausscheidet oder hinzukommt, das System neu ausgerichtet werden. Das klingt vielleicht anstrengend, macht aber Freude und bringt auch immer wieder neue Energie beziehungsweise Lebendigkeit ins System.

Was bedeutet das?
Wenn die Mitarbeiterin, die für das Büromanagement zuständig ist, eine Leidenschaft für soziale Medien hat, leitet sie eben unsere Facebook-Gruppe.

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Und was ist deine Rolle als Chef?

Meine Rolle sehe ich vor allem in einer moderierenden Funktion. Außerdem in der Strategie und Innovation: Ein Unternehmer sollte nicht nur im Unternehmen, sondern am Unternehmen arbeiten. Das gilt besonders bei einem innovativen Unternehmen wie i+m, das häufig kopiert wird. Wenn wir nicht ständig neue Ideen entwickeln würden, wären wir schnell weg vom Markt.

Ist es schwierig, darauf zu vertrauen, dass die Mitarbeiter schon wissen, was sie tun?

Ich habe kein großes Problem damit, zu vertrauen. Klar wird auch mal Vertrauen missbraucht, aber die meisten Menschen sind vertrauenswürdig, davon bin ich überzeugt. Natürlich gibt es mit so einer Struktur auch Schwierigkeiten. Man muss die Mitarbeiter sehr gut aussuchen, weil sie mehr als in anderen Unternehmen miteinander kooperieren. Sie müssen auch eigenverantwortlich arbeiten wollen. Es hat eine ganze Weile gebraucht, bis sich das Team so zusammengefunden hat.

Wenn man so etwas hört, denkt man schnell: Alles schön und gut so lange es gut läuft. Aber wie geht Ihr mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten um?

Ehrlich gesagt, wissen wir das gar nicht so genau. So wie wir arbeiten, sind unsere Margen nicht sehr hoch. Wir verwenden sehr hochwertige Rohstoffe wie zum Beispiel kaltgepresste Fair Trade Öle aus biologischem Anbau. Dadurch erfüllen wir den COSMOS Biokosmetikstandard, der noch höher ist als der Naturkosmetikstandard. aber es führt auch zu teureren Produkten. Bisher haben unsere Kunden das stets honoriert indem wir in den letzten Jahren beständig gewachsen sind.

Macht Ihr denn Werbung?

Ja aber sie muss immer einen Zusatznutzen haben. Sonst fehlt das Gemeinwohlelement. Das erreichen wir zum Beispiel indem wir Gutes tun und dabei zugleich unsere Bekanntheit steigern. Zum Beispiel durch unsere Fair Editions – Das sind limitierte Sonderserien, bei denen der ganze Erlös an ein gemeinnütziges Projekt gespendet wird. Unsere aktuelle Fair Edition unterstützt Die Gärtnerei in Neukölln, einem von Künstlern initiierten Projekt, in dem Geflüchtete ein ehemaliges Friedhofsgelände in eine Gärtnerei umgewandelt haben. Durch den Verkauf unserer Fair Edition flossen dem Projekt bereits über 12.000 Euro zu. Das ist für viel Geld für uns und viel für Die Gärtnerei und uns macht es als Marke bekannter, weil es in Läden wie der Bio Company stark beworben wird.

Müsst Ihr für Eure Überzeugung verzichten? Verdienen Eure Mitarbeiter weniger als anderswo?

Ja, wir haben schon ein eher niedriges Gehaltsniveau. Aber die Zahlen liegen offen. Es ist ja nicht so, dass die Bilanz Hunderttausende an Gewinn ausweist und die Mitarbeiter werden schlecht bezahlt, die Orientierung am Gemeinwohl auf allen Ebenen des Unternehmens kostet eben etwas. Aber wir konnten trotzdem durchweg Spitzenleute gewinnen, die sich bewusst für uns entschieden haben und auch sehr zufrieden sind. Weil sie selbstständig arbeiten und ihre Ideen einbringen können und Natur- und Bioprodukte sinnvoll finden. Außerdem sind die Mitarbeiter mit 20 Prozent am Gewinn beteiligt und damit zum Teil selbst Unternehmer.

Und Ihr als Chefs?

Ich persönlich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass man nur des Geldes wegen ein Unternehmen führt. Ich könnte darin keinen Sinn finden und wüsste gar nicht, was ich mit mehr Geld machen sollte. Ab einem bestimmten Punkt sind ja die ökonomischen Bedürfnisse erfüllt. Bei anderen vielleicht später als bei mir, erst wenn sie einen Porsche fahren.

Ich bin Unternehmer aus Leidenschaft und ich finde, ein Unternehmen muss Geld verdienen, aber was ich mit dem Geld dann mache, das ist die entscheidende Frage.

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40 Prozent aller Erlöse verteilt i+m an gemeinnützige Projekte – als Einmalspenden, aber auch in langfristigen Kooperationen wie dem Betrieb eines Frauenhauses in Sambia

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Bist Du ehrgeizig?

Es ist schon mein Ehrgeiz, ein guter Unternehmer zu sein. Die Mitarbeiter müssen zufrieden sein. Die Kunden müssen ein gutes und faires Produkt bekommen, das ihnen gut tut und nicht schadet – wie es bei vieler Kosmetik ja der Fall ist.

Was bedeutet Erfolg für Dich?

Hmm… (denkt lange nach) Eigentlich denke ich in dieser Kategorie gar nicht. Erfolg ist so stark auf die Zukunft ausgerichtet. Ich denke nicht so sehr vom Ergebnis her und agiere eher in der Gegenwart. Ich arbeite eher prozessual. Ich richte mich aus und überprüfe, während ich gehe immer wieder die Richtung, achte auf Dinge, die passieren und versuche, darauf gut zu reagieren.

Also keine Businesspläne?

Nein. Wir arbeiten ja nicht mit Banken, wir investieren nur, was wir verdienen und kommen daher auch selten mit Unternehmensberatern in Berührung. Wenn das doch mal vorkommt und die sofort fragen: Was sind eure Umsatsziele? Wo wollt ihr in drei Jahren sein? denke ich: Das sind die falschen Fragen. Natürlich haben wir Werte, wir können sagen, wofür wir stehen und wo wir hin wollen, aber das können wir nicht in Jahren oder Zahlen definieren.

Weg von Egoismus und Konkurrenz habt Ihr als Ziel formuliert. Aber wie schafft Ihr das, wenn die Konkurrenten nicht weg von Konkurrenz wollen?

Zunächst einmal ist es so, dass unter traditionellen Biomarken die Konkurrenz abgeschwächt ist. Da wird anders untereinander umgegangen, auch wenn sich das gerade ein bisschen ändert, dadurch dass der Biohandel immer größer wird und konventionellere Strukturen erhält.

Aber natürlich findet Konkurrenz statt. Wir sind in vielen Bereichen innovativ, sowohl was Verpackung und Inhaltsstoffe, als auch was die die Fair Trade-Ausrichtung angeht. Daher werden wir viel kopiert. Darüber könnten wir uns ärgern, tun wir aber nicht. Wir möchten ja, dass sich Nachhaltigkeit durchsetzt. Ich sehe uns als Ideengeber. Wir werden als kleine Firma die Welt nicht verändern, aber wir können Inspiration für große Konzerne sein.

Du hast also keine Angst, dass Euch jemand etwas wegnimmt?

Wissen muss geteilt werden. Zum Beispiel wenn es um Cradle-to-Cradle geht, einem Prinzip, dem wir sehr verbunden sind. Wenn da jemand eine Idee hat, die etwas verbessert, also etwa einen ökologischeren Kunststoff erfindet, dann muss dieses Wissen unbedingt jedem zu Verfügung gestellt werden. Viel mehr teilen, da muss die ganze Ökonomie hinkommen.

 

INTERVIEW: Bettina Homann // happster.de

FOTOS: i+m Naturkosmetik

2 Kommentare

  1. i+m Kosmetik benutze ich schon jahrelang,
    1. weil sie gut sind, 1.weil i+m zeigt wie es anders geht, 1. weil wir alle schleunigst umdenken sollten
    leider gibt es die Produkte nur in Villingen-Schwenningen zu kaufen – und nicht in Freiburg;-(

  2. Pingback: Aufgeschnappt #16: Neuigkeiten aus der Welt der Naturkosmetik - herbsandflowers.de

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