Im Oktober 2015 wurde in England eine Five-Pence-Abgabe auf Plastiktüten eingeführt. Das Ergebnis? Die Nutzung von Plastiktüten ist im Vergleich zum Vorjahr um 85 Prozent gefallen. 85 Prozent! Und auch in Deutschland geht der Verbrauch zurück, seit die Tüten teilweise Geld kosten. Was sagt das über uns aus?

Es sagt: Wir Menschen sind bequem. Sehr bequem sogar. Deswegen richten sich viele alltägliche Angebote und Services an unserer Bequemlichkeit aus. Sie machen uns das Leben schön gemütlich – und sie machen es uns leicht, wenig über die Konsequenzen unseres Handelns nachzudenken. ^

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Die Tüten sind dafür ein gutes Beispiel. Sie werden uns überall regelrecht hinterher geworfen. Ungefragt und selbstverständlich wird an den Kassen dieser Welt die Plastiktüte gezückt und unsere eh schon gut verpackte Ware transportfähig gemacht. Und weil das so einfach ist und uns in viel zu vielen Geschäften immer noch nichts kostet, spielen wir das Spiel mit – und verlernen ganz schnell, wie es anders geht.

Unsere Bequemlichkeit ist dabei für die Umwelt ein riesiges Problem. Und wie’s scheint, werden wir immer fauler. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da war es völlig selbstverständlich, immer eine wiederverwendbare Einkaufstasche dabei zu haben. Unsere Großeltern haben das so gemacht. Und sie haben sich dabei nicht überanstrengt! Es hat super funktioniert, bis man uns eingeredet hat, dass das ja doch irgendwie zu umständlich sei und es viel einfacher ist, einfach im Supermarkt zur Plastiktüte zu greifen. Will man diesen Griff jetzt einschränken oder gar verbieten, fühlen sich viele Menschen beraubt, eingeschränkt oder sogar in ihrer persönlichen Freiheit beschnitten.

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So richtet die Umkodierung von etablierten Prozessen zugunsten von Bequemlichkeit, inklusive einer essentiellen Verhaltensänderung, einen dauerhaften Schaden an. In diesem Fall an unserer Umwelt. So prallt der Appell Jutebeutel und Co. statt einer Plastiktüte zu verwenden selbst bei aufgeklärten Menschen oft an der Wand der Gewohnheit und der Bequemlichkeit ab, egal wie viele #noplastic Hashtags wir verwenden.

Ähnlich ist es mit der To-Go-Kultur. Durch die selbstverständliche und kostenlose Möglichkeit Kaffee oder Essen auch mitnehmen zu können, wird es uns einfach gemacht, diese Option auch zu wählen. Zu einfach! Der vermeintliche Vorteil des Transports schlägt hier alle Gegenargumente – selbst das Bewusstsein um den produzierten Müll. Dabei ist Bequemlichkeit ein Luxus, den man sich leisten können muss. Unser aller Konto ist aber so dermaßen im Minus, dass es Zeit wird, unserer Faulheit einen Preis zu geben.

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Wie lösen wir nun dieses Problem?

Wir sehen dafür drei Möglichkeiten: Entweder der Gesetzgeber verbietet Einwegtüten und Einwegbecher – die Aussichten darauf sind aktuell bei uns leider gering. Oder die Verkäufer bieten, wie zum Beispiel das gang und gäbe Café in München, erst gar keine To-Go-Variante an – das ist vorbildlich, wird sich aber auf Grund der bereits angeführten Nachfrage nach Bequemlichkeit kaum flächendeckend umsetzen. Bleibt die letzte Variante: Der Verbraucher muss zahlen. So, wie er es in England für alle Tüten und in Deutschland immerhin schon für viele Tüten tun muss. Einen Umweltaufschlag für die eigene Bequemlichkeit quasi. Zumindest soviel sollte doch drin sein! Und das dann bitte auch in einer Höhe, die einen echten Unterschied macht.

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Vorschlag: 50 Cent. Wer einen halben Euro mehr für einen To-Go-Kaffee ausgeben muss, überlegt sich wahrscheinlich schon einmal mehr, ob er nicht doch die fünf Minuten Zeit hat, seinen Kaffee vor Ort zu trinken – und so auf den schnell produzierten Plastikmüll zu verzichten. Und wer 50 Cent mehr für eine Plastiktüte zahlen muss, der kann einen Blumenkohl, einen Tetra-Pack oder eine Tafel Schokolade selbst ohne Jutebeutel vielleicht noch so transportieren, in den Rucksack quetschen oder unter’n Arm klemmen.

Klar, so richtig sexy ist so eine Reglementierung via Preis nicht. Aber beim Kampf gegen unsere Gewohnheit, Faulheit und eben diese wahnsinnige Bequemlichkeit ist sie aktuell wohl der einzig wirksame Hebel! Im Fall der Plastiktüten scheint es ja zu funktionieren. Warum nicht auch bei anderen Produkten?

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FOTOS: Marcus Werner

2 Kommentare

  1. True that. Ich greife auch immer noch viel zu oft zum Plastiksack – weil ich natürlich den Jutebeutel dann doch in der anderen Tasche habe oder er noch zuhause in der Küche liegt und vereinsamt. Der Plastiksack findet dann immerhin noch eine zweite Berufung als Müllsack, aber mir ist klar: das hilft alles nix. Was mich neben den Plastiksäcken massiv stört: In Plastik verpacktes Gemüse. So wirbt die Migros hier in der Schweiz momentan mit wiederverwertbaren Gemüsebeuteln (leider aus Polyester), verschweisst aber jenstes Biogemüse in Plastikwannen und -folien. Da hilft am Ende nur noch der Marktbesuch… und da kommt dann der Jutebeutel wieder ins Spiel.

    • Marcus Werner

      Hey Ktinka, yeap, der gute alte Wochenmarkt it is! Das fordert aber die oben angesprochene Bequemlichkeit wieder heraus bzw. fordert eine Verhaltensänderung von uns. Nämlich von Spontanität hin zur Planung. Wir sind es aber so sehr gewohnt, alles immer zur Verfügung zu haben, dass es uns schwer fällt an einem bestimmten Tag auf dem Wochenmarkt zu kaufen. Und das, obwohl die Qualität auf dem Markt sehr wahrscheinlich viel höher ist, als im Supermarkt. Wir versuchen es auf jeden Fall jetzt.

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