Oft fragen uns Freunde und Bekannte, ob uns das Landleben in Brandenburg verändert. Das tut es, sagen wir dann. Erst letzte Nacht konnten wir nicht schlafen, weil die Kühe auf der Weide gegenüber unseres Hauses schon den ganzen Tag über keine Ruhe gaben – und auch viel, viel später wurden sie, im Gegensatz zu uns, nicht müde: Pausenlos hallte das laute Muhen durch die Dunkelheit. Ihr Rufen klang klar und leidenschaftlich und viel inbrünstiger als sonst.

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Wir versuchten, zu schlafen. Und wir versuchten, das mulmige Gefühl in der Magengrube zu verdrängen. Denn wir sind zwar neu auf dem Land. Aber naiv sind auch wir Stadtkinder nicht. Wir wissen, dass die Kühe von nebenan keine lebendigen Rasenmäher sind oder eine schöne Zierde. Wir wissen, dass sie kein Milchvieh sind. Und wir wissen, dass die süßen Kälbchen, die wir seit ihren ersten Tagen auf der Weide beim Aufwachsen beobachtet haben, dort drüben nicht erwachsen werden.

Irgendwann schliefen wir ein. Am Frühstückstisch hörten wir das gellende Muhen noch immer. Und dazu hörten wir die Tore des Transporters klappern. Wir hätten nicht mal vor unsere Tür gehen müssen, um zu wissen, was los ist: Am Abend waren die Kälbchen von ihren Müttern getrennt worden, jetzt, am frühen Morgen, wurden sie abgeholt. Das andauernde Rufen der letzten zwölf bis 16 Stunden war das Rufen von Muttertieren, deren Milch volle Euter schmerzten. Das ist unangenehm – und es ist Natur. Ziemlich sicher ist aber auch, dass die Kühe ihre Babys vermissten. Und dass die unsicheren Jungtieren kläglich antworten, weil sie ohne Eltern nicht recht wussten, was als Nächstes passiert.

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Wir wussten es. Als Nächstes werden die Kleinen, die gerade noch vergnügt über die Wiese getollt sind, zum Teil als Mastbullen gehalten, zum Teil geschlachtet. So ist der Lauf der Dinge. Dafür, dass diese Kälber überhaupt erstmal Gras fressen konnten und um die Wette gerannt sind, arbeiten Menschen, deren Job wir respektieren, hart. Jeden Tag. Das Leben dieser Kälber war immerhin ein paar Monate lang, frei und schön. Transport und Tod werden gemäß gängiger Richtlinien verlaufen. So, wie es im Vergleich zu Rindern aus Massentierhaltung sicher besser ist. So, wie man’s in der Theorie weiß und kennt. Nur dass man in der Stadt diesen Abschied nicht hören muss. Wir haben nicht mal hingeschaut. Wir haben kein Blut gesehen. Aber wir haben den Rest des Tages einen dicken Kloß im Hals.

So verändert uns das Leben hier Stück für Stück. War früher ein Steak hin und wieder mal voll ok oder sogar selbstverständlich, müssen wir beim Einkaufen oder Essen gehen jetzt an die Kälbchen denken, die unsere Nachbarn waren. Und wir wünschen uns umso mehr, dass der Respekt gegenüber dem Tier, mit dem Leute ihr Fleisch essen, weiter stetig steigt. Denn wir wissen jetzt sehr genau, dass die Tiere, die wir Menschen in Massen verspeisen, durchaus Gefühle haben, dass sie leiden und vermissen. Wir haben es selbst gehört. Einen langen Abend, eine schlaflose Nacht und einen bedrückenden Morgen lang.

TEXT: Marcus Werner & Anna Schunck

FOTOS: Marcus Werner

8 Kommentare

  1. Pingback: » Kleines Schnitzel :nah

  2. Danke, dass ihr das so klar formuliert. Mir geht und ging es genauso. Mich hat das Landleben auch verändert. Auch hinter meinem Garten ist eine Wiese mit Kühen. Jedes Jahr kommen Neue. Ich bin schon ewig Vegetarierin aber lebe inzwischen – mit Ausnahme der Eier von meinen Hühnern – vegan. Bin gerade begeistert euer Blog gefunden zu haben. Viele Grüße aus Fiefhusen

    • Marcus Werner

      Hallo Stephanie, vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir versuchen auch so wenig wie möglich Tierprodukte zu essen, sind aber auch noch nicht 100% konsequent. Wir freuen uns, wenn Menschen einfach bewusster Fleisch oder Milchprodukte konsumieren und das nicht als selbstverständliche Massenware ansehen. Liebe Gruesse nach Fiefhusen

  3. Ich finde Milch auch zunehmend abtörnend. Wir kommen ohne Milch aus. Milch ist für Kälber da. Punkt. Aber ohne Essen keine Tiere. Würden wir nicht schlachten und verzehren, hätten wir keine Nutztiere mehr. Was also wird hier gefordert? Für mich geht das aus dem Artikel nicht hervor. Kein Kalbfleisch essen? Nur das von ausgewachsenen Tieren? Gar kein Fleisch essen? Auf Milch verzichten?
    Und an meine Vorrednerin: löblich nur eigene Eier zu essen? Aber was wurde aus den Hähnen, die einst auf deine Hennen kamen? Auch hier ist mir das zu einfach gedacht. Wer Haus- bzw Nutztiere sehen möchte, sei es nun die Hühner im Garten oder die Kühe auf der Weide oder die Schafe auf dem Deich, der kommt um das Thema Schlachten nicht herum.

    • Löblich nur die eigenen Eier zu essen ! (Ausrufezeichen)

    • Marcus Werner

      Hey Jule, wir fordern gar nichts. Jeder darf selbst entscheiden, wie weit er gehen will und was er für verantwortlich hält. Was wir wollen, ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es keine anonymen und billigen Wegwerfprodukte sind, sondern Tiere mit Gefühlen. Liebe Gruesse.

  4. Verstehe!
    Bewusstsein schaffen, finde ich gut. Kleiner Hinweis: aus dem männlichen Kalb der Milchkuh(rasse) wird niemals ein Mastbulle.
    Eigentlich ist es noch trauriger, denn die männlichen Kälber sind wertlos.

  5. Ein Freund hat mir den Link zu diesem Text weitergeleitet, weil mein Partner und ich in einer ganz ähnlichen Situation sind. Wir leben seit bald einem Jahr auf einem alten Schwarzwaldhof. Auch hier leben die Tiere in mehr Freiheit und unter besseren Bedingungen als in vielen anderen Ställen. Aber auch wir hören ihr Rufen. Hier werden Kühe und Kälber fast immer gleich nach der Geburt getrennt. Und ich muss ehrlich sagen: inzwischen finde ich es sogar NOCH bedrückender, wenn sie irgendwann aufhören zu rufen, aus lauter Resignation…

    Noch ein paar Gedanken dazu: http://de.nadinecarolin.com/respekt-vor-dem-leben/

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