Neulich in Berlin: Airbnb hatte zum Fashiontalk ins sogenannte LiveThere-House geladen – und wir sind hingegangen. Denn obwohl Konsum, inklusive Klamotten kaufen, ja ein direkter Gegenspieler von Nachhaltigkeit ist, ziehen wir uns doch auch gerne gut an. Und was die beiden Experten auf dem Podium dann so über Slower Fashion und lokales Design zu sagen hatten, war dermaßen spannend, dass wir PR-Powerfrau Melanie-Jasmin Jeske aka Meldodie Michelberger und Mode-Meinungsmacher Fabian Hart im Nachhinein einfach noch ein paar Fachfragen stellen mussten. Hier kommen ihre ebenso klugen wie offenen Antworten: 

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Ihr Lieben, wir sind uns manchmal uneinig: Wie viel zum Anziehen braucht man eigentlich wirklich?

Melodie: Grundsätzlich braucht man nicht viel Garderobe, um angezogen und gut gekleidet zu sein. Ich sage: Lieber in wenige, aber gut produzierte Lieblingsteile mit Geschichte investieren, als in unendlich viel Fast Fashion-Kram, der dann bedeutungslos im Schrank hängt. Am wichtigsten ist, dass man sich von dem Gefühl verabschiedet, ständig etwas Neues tragen zu müssen. Das wünschen sich die Modekonzerne natürlich, aber wenn man es schafft, deren Werbebotschaften an sich abprallen zu lassen, fühlt man sich auf einmal ganz frei und voller neuer Möglichkeiten.

Das finden wir auch! Woran glaubt ihr, liegt es, dass in unserer Gesellschaft gerade im Modebereich trotzdem so wahnsinnig viel konsumiert wird? 

Fabian: Konsum ist zum Zeitvertreib geworden, zu einem Hobby. Wir shoppen aus Laune, Langeweile, aber auch weil wir glauben uns mit Neuem neu erfinden zu können. Da es heute nicht mehr die eine Mode gibt, sondern viele verschiedene, die koexistieren und sich immer wieder durch sich selbst revidieren, will man, muss man oder ist man dazu verleitet, immer wieder Neues ausprobieren.

M: Genau. Unsere Überflussgesellschaft orientiert sich leider an den von der Industrie gesteuerten Möglichkeiten des Konsums und weniger an der Notwendigkeit. Durch Massenproduktion in Billiglohnländern ist Fashion zu unrealistischen Dumpingpreisen quasi jederzeit und überall erhältlich. Den meisten Menschen, die Fast Fashion konsumieren, geht es mittlerweile mehr um das reine Shoppingerlebnis, nicht darum, ein Kleidungsstück zu kaufen, das tatsächlich benötigt wird. Fashion ist zu einer schnell konsumierbaren Droge der Durchschnittsbevölkerung geworden.

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Schubladenschieben ist scheiße, klar. Aber lassen sich gerade Frauen besonders leicht dazu verführen? 

F: Ja Melodie, wie ist das so als Frau?

M: Auf jeden Fall besteht die Gefahr dazu als Frau! Denn wir Frauen und der weibliche Körper stehen in den Medien und vor allem in der Werbung viel mehr im Fokus. Dadurch wird ein teilweise unerreichbares Körper- und Fashionideal propagiert. Auch werden Frauen viel mehr auf ihr Äußeres reduziert und öffentlich bewertet als Männer. Das sorgt für Unsicherheit und dem ständigen Verlangen nach Veränderung.

Dabei kann man natürlich auch in einem fünf Jahre alten, schon oft gewaschenen Kleid ganz wunderbar aussehen und es selbstbewusst zu jeder Gelegenheit tragen. Leider sagt uns die von der Industrie gesteuerte Werbung genau das Gegenteil: Kauft, damit ihr endlich schön seid! Oder: Kauft, damit ihr überhaupt mit einem guten Gefühl auf die nächste Party oder an den Strand gehen könnt! Und so weiter und so fort. Jedes Jahr wieder sollen vor allem die weiblichen Konsumenten kaufen, kaufen, kaufen.

Ich würde mir da mal eine groß angelegte Gegenkampagne wünschen: Statt jedes Jahr wieder der omnipräsenten Bikiniwerbung großer Ketten ausgesetzt zu sein, einfach mal propagieren: Tragt eure Bikinis doch so lange bis sie auseinanderfallen – und düst mit dem ganzen gesparten Geld lieber in den Urlaub. 

Da wären wir definitiv dabei! Und sicher auch viele andere Menschen. Und dazu passt auch Fabians These aus eurem Talk: Wer Verschwendung lebt, ist nicht mehr zeitgemäß. Das sehen wir als VIERTEL \ VOR natürlich genau so. Aber geht der Trend denn wirklich endlich in diese bewusstere Richtung?

F: Lokal kaufen, Organic Cotton kaufen, generell bio kaufen, Conscious-Kollektionen, verpackungsfreie Supermärkte, DIY-Methoden wie Stricken, Vintage-Mode und Leihmode – etwa via populäre Plattformen wie Kleiderkreisel oder Kleiderei: das alles sind ja Tendenzen und Beispiele gegen verschwenderischen Lifestyle, ja. Auf der anderen Seite wird es aber auch weiterhin den verantwortungslosen Konsumismus geben. Ich verstehe es eher als Ausgleich statt als Ablösung. Das ist wie mit unserem gesunden Lifestyle: Wir spritzen uns das Botox in die Fresse und parallel machen wir Juicing-Kuren.

M: Vor allem ist maßloser Dauerkonsum leider salonfähig geworden und wird durch Claims wie „Shop Till You Drop“ und „Geiz ist geil“ noch weiter angefeuert. Die Konsumenten und Konsumentinnen sollen überhaupt nicht in die Verlegenheit kommen, darüber nachzudenken, was es eigentlich mit unserer (Um-)Welt macht, wenn wir jedes zweite Kleidungsstück nach wenigem Tragen direkt wieder in den Müll werfen. Die Konzerne verwenden unglaubliche Budgets um den Menschen mit positiven Werbebotschaften die Unentbehrlichkeit ihrer Produkte vorzugaukeln – deshalb glaube ich, es wird noch einige Jahre dauern, bis sich auch das Gros der Bevölkerung mit den Themen Nachhaltigkeit und Fair Fashion auseinandersetzt, auch wenn sich in den letzten Jahren schon sehr viel in Richtung Slow Fashion und Sustainability getan hat. Nachhaltigkeit muss einfach schick und gesellschaftsfähig werden. Und zwar noch viel schicker als jeden Samstag mit x Tüten vom Bummeln nach Hause zu kommen!

Absolut. Und wir glauben dran! Wie ist es bei euch, die ihr mit Mode arbeitet: Konsumiert ihr selbst Fashion eigentlich auch schon mehr nach dem Motto: Buy less, choose well? 

M: Ja, ich kaufe wirklich sehr ausgewählt und wohl überlegt. Und ich besitze lieber wenige Teile lokaler Designer, als tütenweise Highstreet-Fashion.

F: Ich verzichte zu 80 Prozent auf High-Street Labels. Gleichzeitig bin ich aber auch kein Fan mehr von den meisten High-End Labels. Die Produktionsbedingungen sind oft genauso undurchsichtig und die Orte, an denen produziert wird dieselben wie die der High Street Labels. Ich bin auch nicht mehr so oft bereit mal eben Hunderte von Euro für ein Teil auszugeben. Es gibt für mich kein Must-Have mehr. Im Gegenteil sage ich oft eher Must-Go, weil ich das Gefühl habe zu viel Ballast zu tragen. Im wörtlichen Sinne! Ich miste bestimmt einmal im Monat aus, sortiere weg, verschenke, verkaufe, entsorge.

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Worauf sollte man bei der Auswahl achten, wenn man ein wirklich langlebiges Lieblingsstück kaufen will?

F: Auf alles verzichten, womit man sich nicht sicher ist. Auf Dinge verzichten, von denen man weiß, dass man sie sowieso nur ein paar Monate tragen wird. Auf Billiges verzichten. Auf Überteuertes auch.

M: Ich achte vor allem auf die Verarbeitung und die Qualität der Stoffe. Mit ein bisschen Übung sieht und spürt man irgendwann, ob ein Teil zum Lieblingskleidungsstück werden kann, das man auch nach Jahren immer wieder aus dem Schrank kramt, weil es gut aussieht – und weil es jahrelang halten wird.

… und so dann ja auch bestenfalls immer wieder den ganz eigenen Stil bestimmen kann. Melodie, im Talk hast du gesagt, dass große Ketten im Gegensatz dazu eher einen total einheitlichen Look prägen. Inwieweit wollen sich die Leute deiner Meinung nach überhaupt noch individuell anziehen? 

M: Das frage ich mich tatsächlich auch sehr oft! Egal, in welche Metropole man schaut: In den Städten dominieren die immer gleichen Moderiesen. Und ich glaube ja, dass viele Menschen tatsächlich in der Annahme bei großen Ketten shoppen, dass sie sich damit individuell kleiden. Das ist die groteske Ambivalenz dabei.

Können kleine, lokale Labels zu mehr Individualität in der Mode – und damit vielleicht auch zur Slow Fashion-Bewegung beitragen?

M: Klar! Die Kollektionen lokaler Designer erzählen oft ihre ganz eigene Geschichte, geben neue Impulse und Möglichkeiten des Tragens, während die Kollektionen der High Street-Marken einfach die aktuellen Laufsteg-Trends für den Massenmarkt kopieren. Ich finde, man kann schon fast Verallgemeinern und sagen, dass man in Local Fashion individueller gekleidet ist, als in High-Street-Marken.

Die nachhaltigste Form des Kleiderkaufens wäre es, vor allem gebrauchtes zu Shoppen. Fabian, du hast im Talk gesagt, dass du auch bei Humana kaufst. Ist Second Hand ein Thema für euch? 

F: Vintage muss ja nicht immer Second Hand sein und Second Hand nicht immer Vintage. Vintagemode, also ungetragene Mode vergangener Jahrzehnte, kann oft genau so teuer oder sogar teurer sein als aktuelle High-End-Mode. Ich kaufe aber sehr oft tatsächlich Second-Hand – und freue mich, wenn ich besondere Teile finde, die es nur noch einmal gibt. Zum Beispiel bei Humana oder auch bei Kleidermarkt. Vor Kurzem habe ich ein UMBRO-T-Shirt für 4 Euro gefunden, UMBRO selbst wird gerade durch die Kooperation mit dem Label OFF-White wieder sehr populär – und teuer. Das ist auch das Phänomen, das ich während unseres Talks im LiveThere Haus angesprochen habe: Du musst nicht Vetements tragen, um nach Vetements auszusehen. Ist das High-End oder High-Street? Ist das Vintage oder Second-Hand? Neuware oder Last Season? Man kann heute schnell den Überblick verlieren. Es wird immer schwieriger die Codes aktueller Moden zu dechiffrieren.

Und deshalb auch besonders gut mal was Gebrautes kaufen, finden wir. Wie ist es bei dir, Melodie?

M: Ich kaufe kaum Second Hand-Teile, dafür eben ausgewählte Teile lokaler, deutscher Designer. Ich achte extrem gut auf meine Sachen, auch deshalb, weil ich mir nicht so oft neue Kleidung kaufe. Mittlerweile weiß ich, wie man welchen Stoff am Besten wäscht und in Schuss hält. Bei Second Hand stören mich persönlich oft kleine Flecken oder sonstige Abnutzungserscheinungen. Ich trage meine Sachen einfach selber wirklich fast bis sie auseinanderfallen. Vor Kurzem sagte mal jemand zu mir „Sag mal, hast Du eigentlich nur dieses eine Kaktus-Kleid?“ Weil ich es hintereinander auf drei Veranstaltungen getragen habe. Das finde ich aber selbstverständlich – und völlig unproblematisch!

Absolut. Letzte Frage: Auf welche Aspekte oder Teile der Fastfashion-Industrie wollt ihr trotz alledem nicht verzichten?

F: Ich habe ein kleine Schwäche für Weekday – und das ist keine bezahlte Promo! Inditex-Marken und Fashiondiscounter wie Primark kommen generell nicht in Frage.

M: Also ehrlich gesagt kann ich Fast Fashion überhaupt nichts Positives abgewinnen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich im Bereich Sneakers noch keine wirkliche Alternative für mich gefunden habe, beziehungsweise dass ich noch nicht auf meine geliebten Vans, Nike oder Adidas-Turnschuhe verzichten will. Das sind tatsächlich aber auch die einzigen Fast Fashion Pieces, die noch in meinem Kleiderschrank sind.

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