Bia Saldanha sitzt selten. Zumindest nicht auf einem Stuhl. Wenn sie spricht, dann schaut sie ihrem Gegenüber gelassen in die Augen – und ist gleichzeitig auf dem Sprung, mal in der Hocke, mal kurz nur an eine Tischkante oder den Türrahmen gelehnt. Egal, wie viel Ruhe sie ausstrahlt, Bia hat es eilig. Denn sie hat keine Zeit. Ihr Ziel: den geschundenen brasilianischen Regenwald und dessen hoch gefährdete indigene Ureinwohner zu schützen. Ihr Weg: Jobs in der Amazonas-Region zu erhalten, die unabhängig von der Rohdung für Viehzucht funktionieren. Jetzt brennt ihr Wald. Seit mehr als zwei Wochen schon, lichterloh. Die unvorstellbar riesige Rauchwolke ist fast so groß wie Europa. Die Flammen verschlucken unzählige Bäume, Büsche, Blumen. Sie fressen Tiere, verletzen Menschen, zerstören Lebensräume. Und einen Teil von Bias Lebenswerk. Unwiderruflich. „Die Luft hier kann man nicht mehr atmen, die Vögel sind verstummt, die Krankenhäuser voll“, schreibt sie auf Instagram. Der Dschungel, in dem Bia ihren Post tippt, liefert mehr als 20 Prozent des globalen Sauerstoffs. Er gilt als grüne Lunge der Erde, ist Existenzgrundlage für uns alle. Doch die Medien berichten kaum. Ohne Bia hätten wir wahrscheinlich noch später von der Katastrophe erfahren.

Bia Saldanha

Wir lernen die Anfang 50-Jährige vor fast genau drei Jahren ganz im Westen Brasiliens, in Rio Branco, der Hauptstadt des Bundesstaats Acre kennen. Mit dem französischen Vorreiter-Label Veja, das nachhaltige Sneaker europaweit cool gemacht hat, reisen wir in den Regenwald, um die Arbeit der so genannten Rubber Tappers kennen zu lernen. Das geht nicht ohne Bia. Sie ist die Frau vor Ort, das Bindeglied zwischen den Pariser Marken-Gründern und den Menschen, die in Brasilien Naturkautschuk als Rohstoffe für deren Turnschuhsohlen gewinnen und verarbeiten. Bias Arbeit ist die Suche nach immer neuen prospektiven Märkten für das wilde Gummi. Seit 2007 arbeitet sie für Veja, selbstständig und auf freier Basis gilt sie weltweit als die Einkäuferin für das Fairtrade-Kautschuk. Vor allem anderen aber, ist sie eins: Aktivistin.

Vor mehr als 30 Jahren kam Bia zum ersten Mal nach Acre, den „vergessenen Bundesstaat“, in den ein Großteil der Brasilianer noch nie einen Fuß gesetzt hat. „Ich denke, dass viele an einer Art ökologischer Blindheit leiden, die mit unserem Überfluss zusammenhängt“, sagt Bia. „Wir haben viel Wasser, viel Wald, unzählige natürliche Reichtümer –  und gerade weil wir so viel davon haben, geben viele diesem großen Reichtum keinen angemessenen Wert.“ Bei selbst kann sehen. Schon lange. In den Achtzigerjahren gehört sie zu den Begründern und Begründerinnen der grünen Partei Brasiliens, begleitet die Umweltrevolution um ihr damaliges Idol Chico Mendes. Der legendäre Regenwaldschützer und Kautschuk-Gewerkschaftsführer setze sich während der brasilianischen Militärdiktatur in den Siebzigerjahren gegen die Enteignung indigener Arbeiter und Arbeiterinnen ein, bis er 1988 von Großgrundbesitzern ermordet wurde. Sie hatten damals andere Interessen. Roden für Rinderzucht zum Beispiel. Genau so, wie heute. Wir sprechen hier über ein Problem, das seit Jahrzehnten bekannt ist.

„Zwischendurch war die Lage mal besser“, erinnert sich Bia, als wir ihr in diesem Januar schreiben, sie anlässlich des Machtwechsels in Brasilien nach ihrem Befinden fragen. „Aber nach der Wahl von Staatspräsident Jair Bolsonaro sind für uns wieder schwierige Zeit angebrochen. Schwierige Zeiten für Freiheit, für progressives Denken und insbesondere für Umweltfragen.“ Wie heftig es wirklich werden würde, hatte wohl kaum jemand erwartet. Schon mal gar nicht hier, im fernen Europa. „Im Vergleich zum letzten Jahr hat die Abholzung um 438 Prozent zugenommen“, sagt Bia. 438 Prozent! Die Brandrate sei in ähnlichem Verhältnis angestiegen. Laut dem brasilianischen Weltrauminstitutes Inpe sind es „nur“ 82 Prozent mehr Feuer. Fest steht in jedem Falle: Es sind die schwersten Waldbrände seit sieben Jahren. Und fest steht auch: Es wird zu wenig dagegen getan. Viel zu wenig!

So sind Feuer im brasilianischen Regenwald während der Trockenzeit ganz generell nichts Ungewöhnliches. Auslöser sind aktuell aber vor allem illegale Abholzung und Brandrodung – gebilligt von ganz oben. Brasiliens ultrarechter Präsident will den Amazonas nach wie vor für Viehzucht, Sojaanbau und Rohstoffabbau freigeben und dafür auch diverse Naturschutzgebiete und Lebensräume der etwa eine Million starken indigenen Bevölkerung opfern. Menschen, die für Bia wie Familie sind. Und für uns alle Helfer in Sachen Umweltschutz. Wenn die indigenen Männer, Frauen und Kinder sie selbst sein und ihren traditionellen Tätigkeiten nachgehen können, laufen sie keine Gefahr, sich von der Agrikultur-Lobby oder dem Bergbau auf deren Seite ziehen zu lassen, sind finanziell nicht auf deren Business angewiesen und bilden so eine der wichtigsten Gegenbewegungen. Klingt unvorstellbar, aber ist so: jeder einzelne Baum zählt. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir kurz davor sind, an den Punkt zu kommen, an dem der Regenwald seine Regenerationsfähigkeit verliert. Im Klartext bedeutet das, dass seine positiven Auswirkungen auf das Weltklima beschädigt werden können, schon lange bevor der Wald völlig zerstört ist“, sagt Bia. „Das sind Tatsachen, mit denen sich die ganze globale Gesellschaft auseinandersetzen muss. Ich habe Angst.“

Wir haben Gänsehaut, fühlen uns entkoppelt und machtlos, mitten in Berlin. Bias Aussage beunruhigt uns zutiefst. Denn auf unserer gemeinsamen Reise in den Dschungel wirkt die Aktivistin angstfrei. Reifentiefe Schlaglöcher auf der vierstündigen Fahrt Richtung Regenwald, Stromschnellen auf dem Wasserweg – für Bia alles Routine. Im Urwald selbst bewegt sie sich mit der Selbstverständlichkeit einer Einheimischen. In teils hitzigen Gesprächen mit den überwiegend männlichen Vertretern von Umweltverbänden und Rubber Tapper Communities diskutiert sie ebenso leidenschaftlich wie bestimmt. Wie radikal sie und ihr Mann zu Zeiten der grünen Parteigründung in Brasilien waren, können wir nur ahnen. Bia weiß, was sie will. Und das ist immer das Beste für den Wald und seine Bewohner. „Wir haben echte, über Jahre gewachsene Beziehung zueinander. Nur so hallo und tschüss, das würde nicht gehen“, sagt Bia. Stattdessen ginge es um Vertrauen. „Das aufzubauen braucht Energie und vor allem viel Zeit.“

Seit 2004 hat Veja 195 Tonnen wildes Gummi gekauft. Dadurch konnten 120 000 Hektar Amazonas-Regenwald erhalten werden. „Je mehr Geld bei den Rubber Tappers bleibt, desto besser für die den Dschungel“, erklärt Bia. Dafür arbeitet sie mit unter anderem mit der Lokalpolitik, dem Sky Rainforest Projekt und dem WWF zusammen. Im gemeinsamen Programm werden verschiedene indigene Kommunen aus sich selbst heraus gestärkt, unterstützt und ausgebaut. Unter anderem statteten die Innitiativen die Communitys mit Zugaben aus, die es ihnen ermöglichen, das flüssige Kautschuk nach dem Ernten aus dem Baum selbst zu einer festen, verkaufsfertigen Masse zu machen. Die Menschen leben und arbeiten für sich. Zwei Mal pro Jahr kommt Bia zu Besuch – einmal mit Veja, einmal ohne. Um zu ihren Partnern und Partnerinnen zu gelangen läuft sie auch schon Mal allein bis zu vier Stunden durch den Regenwald. Telefone gibt es in den Kommunen nicht. Wer sich über die eigene Lebenswelt hinaus verständigen will, nutzt das Radio.

Auf diesem Kommunikationsweg hat die Aktivistin einst übrigens auch ihrem Mann von der ersten gemeinsamen Schwangerschaft erzählt. „Es ging nicht anders“, erinnert sie sich. Die frohe Kunde wurde also nicht ganz so privat geteilt, wie geplant. Dafür genau so, wie bei den Rubber Tappers üblich. Heute sind Bias Söhne erwachsen. Die Familie selbst lebt in der Stadt, in einem Haus voller Bücher, mit hölzerner Terrasse, auf der neben gemütlichen Kissen auch viele Hunde liegen. Bia selbst steht, wie gewohnt, und erzählt uns mehr von ihrer Geschichte. Gebürtig kommt sie aus Rio. „Wie mein Leben verläuft, hätte ich so nie erwartet, auch nicht, wie viel wir in der Amazonas-Region erreichen konnten“, sagt sie. Rückblickend fühle es sich aber sehr stimmig an. „Es sind nicht wir, die sich den Wald aussuchen. Der Wald sucht uns.“

Gefunden wurde sie als junge Frau. Über die politische Gesinnung, die Liebe, den Job. Mit einem Fuß noch in Rio hat Bia 1994 das sogenannte Treetap erfunden, ein Material, dass wie Leder aussieht und sich auch so anfühlt – und das sie unter anderem an Hermès verkaufen konnte. Die Kolaboration war ein Riesen-Erfolg, tausende Taschen, darunter auch die berühmte Kelly-Bag, wurden aus oder mit Bias Natutkautschuk hergestellt. „In dieser Zeit habe ich viel gelernt, nicht über Mode, sondern über den Dschungel, eigentlich alles, was ich heute über den Wald weiß. Nach 14 Jahren Treetap war ich trotzdem ein bisschen müde“, erinnert sie sich. Und genau in diesem Moment kamen Sebastién Kopp und François-Ghislain Morillion, die französischen Freunde und Founder von Veja zum ersten Mal auf Materialsuche in die Amazonas-Region. „Unsere Beziehung ist sehr eng und über die Jahre zu einer starken Freundschaft geworden“, sagt Bia, die beide Gründer wie Brüder liebt, in ihre Familie aufgenommen und regelmäßig zu traditionellen Festen und Ritualen mit in den Dschungel genommen hat. Mit Veja schuff sich Bia eine neue Aufgabe – und erhielt sich die Beziehungen zu den Menschen und der Natur im Amazonas-Regenwald.

Ob sie den Wald lieber mag als die Stadt, fragen wir Bia, als wir gemeinsam die routinemäßigen Ernte-Tour des wilden Gummis mitten im Dschungel beobachten dürfen. „Nicht lieber“, sagt Bia. Es sei einfach anders. Das beste sei die Energie hier draußen. Und die Geräuschkulisse. Oft höre sie hier einfach nur zu. Während die anderen einen Rubber Tapper bei seiner Arbeit beobachtet, filmt und befragt, sehen wir Bia von der Gruppe entfernt auf einem Baumstamm sitzen. Die Augen geschlossen, das Gesicht leicht erhoben. Sie lauscht,  fängt im satten Grün ein paar Sonnenstrahlen ein. Sie ist verbunden mit diesem Ort, dem Rauschen der Blätter, den Tieren, den traditionellen Gesängen, die so emotional sind. Ob ihr hier manchmal einfach die Tränen kommen, wollen wir wissen. „Manchmal?“ fragt Bia. „Nein, immer!“

Wenn die Aktivistin heute, drei Jahre später weint, dann nicht vor Glück, sondern vor Schmerz, nicht über die Geräusche, sondern über die anhaltende Stille im Urwald. „Im Regenwald sind Menschen und Umwelt eins“, sagt Bia. „Ohne den Wald verlieren die Menschen hier ihre Identität. Und ohne die Ureinwohner verlieren wir alle den Regenwald.“

WAS KÖNNEN WIR TUN?

#PrayForAmazonia wird nicht reichen! Das Unheil im Urwald ist keine Naturgewalt, die von höheren Mächten geschickt wurde – sie ist von Menschen gemacht. Indirekt Schuld sind Konsum und insbesondere die Massen produzierende Fleisch-Industrie weltweit sowie lobby getriebene politische Entscheidungen. „Internationaler Druck ist jetzt wahnsinnig wichtig!“, betont Bia. Heißt:

  • Informieren! Zum Thema belesen, um fundierte Diskussionen führen und mündig handeln zu können, Kontakte nach Brasilien pflegen, um Infos von vor Ort zu bekommen
  • Flagge zeigen! Demos und Mahnwachen werden aktuell (auch unter dem oben genannten Hashtag) über Social Media angekündigt
  • Politisch werden! Passende Petitionen unterschreiben, Klimaschutzorganisationen unterstützen, Parteien mit Pro-Klima-Programm wählen
  • Aufmerksamkeit generieren! Echte Bilder und gut recherchierte Informationen teilen, Wissenschaftliche Statements, Kunst-Projekte und Co. zum Thema supporten
  • Land in der Amazonas-Region kaufen, zum Beispiel via Rainforest Trust
  • Gezielt ein Stück Urwald schützen, zum Beispiel via Rainforest Action Network
  • Indigene Bevölkerung schützen, zum Beispiel via Amazon Watch oder WWF
  • Dschungel-Tiere schützen, zum Beispiel via WWF
  • Holz- und Papierverbrauch reduzieren oder auf „Rainforest save“ achten
  • Und last but really not least: Weniger Fleisch essen und bei allen tierischen Produkten super penibel penibel auf die Herkunft achten! Massentierhaltung und industrielle Produktion sollten ein No Go sein. Fleisch aus Brasilien kann sich in Fertigprodukten befinden, vor allem aber werden auch regionale Nutztiere im großen Stil mit Soja aus der Amazonas-Region gemästet

 

FOTOS: Anna Schunck & Diego Gurgel

Pressereise / Inhalte unbezahlt: Mein persönlicher Dank gilt Bia und den Seringueiro Communitys für ihre Gastfreundschaft. Danke Veja, für die Reise und die Offenheit, danke Silk Relation fürs Glauben an V \ V, als wir noch ganz am Anfang standen. Danke meinen liebsten Mitreisenden.

Anna

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