Nachhaltigkeit mit Stil: Wie (gut) das aussehen kann, zeigt Gerda Jünemann seit 2014 in ihrem Shop im Herzen Berlin Neuköllns. Mit minimalistischem Design, großem Spiegel und der perfekten Mischung aus Monstera-Pflanzen und frischen Blumen sieht der „The Good Store“ am Maybachufer aus, als würde er nur die neusten Designer-Teile verkaufen. Und Designersachen gibt’s hier tatsächlich – aber nicht nur. Und: Alles ist secondhand. „The Good Store“ ist ein Vintage-Laden (mit eigener Schmuckkollektion) für alle, die beim (eco fairen) Shoppen auf Boutique-Feeling stehen. Jedes Stück ist ein Einzelteil, alle sind sie handverlesen und werden je nach Laune und Wetter im Laden umgehängt. Meistens von Gerda persönlich. Generell ist sie ein intuitiver Mensch: Während sie nach dem Studium eigentlich fast promoviert hätte, entdeckte sie ihr Laden durch Zufall auf einer Online-Immobilienplattform – und eröffnete spontan. Wir lieben die Liebe, die Gerda seitdem jeden Tag in den „The Good Store“ und ihr schönes Motto steckt. Denn auch wir glauben (meistens): „Good Things will happen soon“. Vor \ Ort haben wir mit ihr über schöne und kontroverse Materialien, Fast Fashion und bewusstes Einkaufen gesprochen:

Gerda Jünemann macht den Good Store in Kreuzkölln

Was unterscheidet den The Good Store von anderen Secondhand-Läden?

Ich wollte eine Message. Einen guten Laden, mit gutem Inhalt und mir besonders wichtig: gutem Kundenservice. Ich habe gemerkt, wie viel persönliche Beratung ausmacht, dass man den Kunden und Kundinnen vermittelt, was sie da überhaupt in der Hand haben und dass schlecht sitzende Hosen mit schlechten und ungenauen Schnitten zu tun haben. Was Secondhand-Läden betraf, gab’s damals vor fünf Jahren hauptsächlich diese Kruschtel-Läden mit riesigem Angebot und riesigen Haufen Kleidung und ansonsten einige Designerläden. Dazwischen gab’s irgendwie nichts. Wir sind so ein wenig die Nische zwischen „zwei Euro auf dem Flohmarkt“ und „dieses seltene Stück muss ich selbst behalten“.

Du verkaufst ja Kleidung von Kunden auf Kommission. Welche Pieces nimmst du immer gern an?

Bei uns kann jeder Sachen vorbeibringen. Mein Motto dabei bleibt: Hauptsache schön. Mir gefallen Teile besonders, wenn sie gut geschnitten sind, eine tolle Qualität haben, aus einem hochwertigen Stoff und gut verarbeitet sind. Zeitlos und gut, das liebe ich.

Und welche Materialien schließt du direkt aus?

Ganz umstritten ist bei uns der berüchtigte Erdölpulli, also wenn ein Teil komplett aus Polyester ist. In einem Fall haben bei dem Erdölpulli Schnitt und Verarbeitung mal gestimmt, nur das Material nicht. Ich habe lange überlegt und dann entschieden, ihn anzunehmen. Potentiell konnte er so ein neues Leben bekommen, statt Müll zu verursachen.

Auch gut!  Und wie sieht’s bei anderen kontroversen Materialien aus?

Pelz und auch Leder sind Themen, über die wir häufig diskutieren und uns fragen, was wir damit machen. Auf der einen Seite wäre es Verschwendung zu sagen, das nehmen wir nicht. Natürlich ist es besser, Pelz secondhand als neu zu kaufen. Die Frage ist aber, ob das ausreicht, um Pelzteile anzunehmen. Denn oft stehen da Praktiken hinter, bei denen Tiere lebendig leiden. Ein ganz schwieriges Thema bei uns ist natürlich auch Fast Fashion.

Kommen die Leute denn oft mit Fast Fashion zu euch?

Zum Glück passiert das recht selten. Die Kunden, die bei uns Sachen abgeben, haben meist schon ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit,  sonst würden sie ihre Sachen ja nicht wieder in den Kreislauf geben. Damit einher geht oft, dass diese Kunden auch beim Einkauf schon auf gewisse Standards achten, die Fast Fashion oft nicht erfüllt. Interessant ist, dass viele Kunden bei uns erst mal die Materialzusammensetzung überprüfen. Ich habe das Gefühl, dass sie bei uns kritischer sind als im regulären Einzelhandel. Das finde ich gut – so kommt man oft ins Gespräch. Denn die Bluse aus 100 Prozent Seide von Zara ist keineswegs „besser“ als eine Bluse von Filippa K mit drei Prozent Polyester beigemischt. Das wird nämlich oft so gemacht, damit die Kleidung pflegeleichter wird und sagt nichts über die Qualität des Stücks aus, die Herkunft und Verarbeitung des Stoffs spielt auch eine große Rolle. Viele Fast Fashion-Schnitte sind grob und Nähte reißen schneller.

Das wussten wir so auch nicht. Für so eine Qualität vermarkten sich die ganzen Fast Fashion-Läden dann aber doch ziemlich erfolgreich….

Auf jeden Fall. Der wichtigste Grund für die Attraktivität von Fast Fashion ist aber natürlich schlicht und ergreifend der Preis. Dass er durch minderwertige Materialien, schlechte Arbeitsbedingungen und so weiter bedingt ist, blenden viele Leute immer noch aus. Aber trotzdem: Im Einzelhandel wird heutzutage wirklich viel Aufwand betrieben. Alle Läden, insbesondere die riesigen Ketten, leisten sich Visual Merchandiser, bei der Präsentation der Kleidung wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Die Sachen haben auf ganz bestimmte Arten zu hängen, sodass sie ästhetisch ansprechend sind. Das kann man sich ähnlich vorstellen wie bei Supermärkten, die ja bei der Anordnung der Gänge auch sorgfältig Muster beachten, damit man als Kunde bloß nirgends dran vorbeigeht. Kleidung verkaufen ist ein riesiges Feld.

Achtet ihr in der Präsentation auch auf diese Dinge?

Wir achten auf die Präsentation, aber auf eine andere Art: Wir haben auch noch ein ganzes Drittel mehr an Kleidung hinten im Lager hängen und tauschen sie regelmäßig aus. Wir hängen je nach Wetter, neu eingetroffenen Teilen und manchmal schlicht auch nach Laune um. Bei den großen Ketten gibt’s jedes Teil mehrmals in verschiedenen Größen, deshalb sieht man die Sachen viel häufiger und ist gar nicht mehr gewöhnt, die Kleidung aufmerksam durchzugucken. Bei Secondhand ist ja das besondere, dass alles Einzelstücke sind. Diese Reduktion bei uns ist ganz bewusst und man merkt richtig, wie die Kunden langsamer werden, aufmerksamer schauen.

Machen die Grabbeltisch-Läden genau an der Stelle was falsch?

Ich finde schon, ehrlich gesagt. Mode als Massenware – nirgendwo wird das Problem deutlich sichtbarer als bei den Wühltischen und Wühlkörben. Es entwertet die Kleidung – es geht eher darum, ein Schnäppchen zu finden, als etwas, das man wirklich braucht oder sucht. Indem ich die Sachen auf Bügel hänge, möchte ich sie nicht teurer oder exklusiver machen, sondern ganz einfach leichter zugänglich. Dieses Vollgestopfte bei dem rumgewühlt werden muss, das kann Spaß machen. In der Konsequenz ist es aber eigentlich nur ein Musterbeispiel für den Überfluss an Kleidung, der uns umgibt und zeigt, was für ein Einkaufsverhalten wir uns antrainiert haben.

Die Art, wie ihr eure Kleidung kuratiert, hilft also in erster Linie einem bewussteren Einkaufsprozess?

Auf jeden Fall. Ich möchte natürlich niemanden erziehen. Wir hören allerdings oft, dass viele Kunden vor dem Einkauf bei uns nie Secondhand gekauft haben, weil ihnen das zu grabbelig war und auch nie Sachen abgegeben haben. Mittlerweile ist im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte Secondhandkleidung nicht mehr so negativ behaftet, wie noch vor ein paar Jahren, aber für viele gibt es doch noch eine Hemmschwelle. Ich freue mich, wenn diese durch unseren Laden überwunden wird. Oft fangen Kunden nach dem Einkaufen bei uns an, darüber nachzudenken, was nie noch für Schätze im Schrank haben und geben sie dann bei uns in Kommission. Wir sehen jeden Tag, wie viel Kleidung und auch Schuhe ungetragen bei den Menschen rumliegen, denn wir kriegen täglich Sachen gebracht.

Und wie kann man noch mehr Bewusstsein schaffen?

Es wird immer die Leute geben, die man ganz schwer erreichen kann. Andere sind vielleicht empfänglicher, aber uninformiert. Oft muss ich Kunden länger erklären, dass wir manche Sachen nicht wirklich hochpreisig ansetzen können, auch wenn sie beim Kaufen recht teuer waren. Die Labels gehen im Sale bis zu achtzig Prozent mit dem Preis runter – ich finde das irre. Es zeigt wieviel Marge in den Teilen steckt, wieviel Gewinn, wie wenig tatsächlicher Wert. Oft setzt das Umdenken ein, während Kunden uns die Teile abgeben und es entwickelt sich langsam wieder ein Wertbewusstsein.

Gibt’s bei euch auch Pieces, die einfach nicht weggehen wollen?

Klar, meist geben wir die Kleidung dann zurück. Oft sagen Kunden aber auch, wir sollen die nicht  verkauften Sachen spenden.

Ach, wie schön! Und wohin spendet ihr dann?

Wir entscheiden in dem Moment, wo es gerade akuten Bedarf gibt. Ich freue mich immer sehr, wenn’s auf eine Spende hinausläuft: Dann gehen sehr schöne hochwertige Klamotten an Leute, die sich vielleicht seit Jahren nichts Neues qualitativ hochwertiges mehr leisten konnten. Es hat auch was mit Respekt zu tun, eben nicht nur kaputte, zerfledderte Sachen wegzugeben, sondern auch Kleidung, die mehr als tragbar, nämlich auch qualitativ sehr gut ist. Damit begegnet man den Leuten auf Augenhöhe.

FOTOS: Mina Schmidt

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