Alle sagen „man müsste mal“, rund 200 Leute haben’s neulich dann einfach gemacht: Zum ersten Mal überhaupt wurde während der Berliner Fashion Week für bessere, sprich bestenfalls öko-ethische, Kleidung demonstriert. Ein kleines politisches Zeichen, das zu setzen komfortabler nicht hätte sein können. Warum? Weil der so genannte Fair Fashion Move, auch Dank Musik von Viertel \ Vor-DJ Marcus, gefühlt wie ein kleiner Rave war, wie eine Party unter Gleichgesinnten, die bestenfalls genau das geschafft hat, was wir alle immer am liebsten erreichen wollen: Andere mit Spaß zum Mitmachen zu animieren. Ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit viel Stil.

Dass so eine Demonstration – gar nicht mal gegen die schlimmen Auswirkungen von Billig-Kleidung auf die Umwelt und den Arbeitsmarkt in den Herstellerländern, sondern einfach erstmal für ein besseres Bewusstsein – genau das sein könnte, was jetzt funktioniert, wusste Lisa Wagner, Head of Brand-Communications bei hessnatur. Die studierte Mode-Journalistin hat die Aktion ins Leben gerufen. Und damit unseres Erachtens einen schönen, Mainstream tauglichen Schritt in Richtung aktive Statements in der Textilwelt gemacht. Deshalb haben wir der lieben Lisa im Anschluss an „ihren“ Move sieben Fragen gestellt. Here we go:

Fair Fashion Move, wie kam es zu dieser schönen Aktion?

Die Idee hatte ich tatsächlich während der Berlin Fashion Week vor etwa zwei Jahren. Damals saß ich in unserem Talk zum Thema „Slow Fashion – Zukunft oder Utopie?“. Wir stellten unsere Kollektion vor und ich dachte plötzlich etwas in Richtung: „Es ist so toll zu sehen, was faire Mode alles kann. Aber es sind immer die gleichen Menschen, die zusammenkommen und darüber sprechen.“ Ich erinnere mich, dass Sätze wie „Wir müssen raus. Wir müssen auf die Straße. Wir müssen in die Köpfe der Massen.“ immer wieder in meinem Kopf kreisten. Es musste doch irgendwie möglich sein, dass viel mehr Menschen erfahren, was nicht nur wir, sondern die gesamte kleine coole faire Modeindustrie alles kann und warum es richtig und wichtig ist, sich dafür zu entscheiden.

Und dann hast Du es durchgezogen?

Ich habe die Idee noch eine Weile mit mir herumgetragen und dann nach und nach Kollegen sowie Freunden und Bekannten in der Branche davon erzählt. Vor etwa einem Jahr habe ich unsere Geschäftsführung angesprochen. Tatsächlich gab es von niemandem, mit dem ich sprach, einen Widerspruch, sondern nur Begeisterung. Alle waren sich einig: Das müssen wir machen.

Hattest Du je Zweifel daran, ob es cool ist, als Modemarke – also nicht ganz unabhängig – als Initiator einer solchen Aktion aufzutreten?

Ehrlich gesagt: nein. Ganz im Gegenteil. Gerade weil ich für hessnatur arbeite, hatte ich die Chance, die Idee zu verwirklichen. Unsere Mode war ja schon bio, als bio noch nicht Mode war. Nachhaltigkeit und Fairness sind seit der Gründung von hessnatur fest im Unternehmen verankert. Wir haben diese Themen stets verteidigt und verfolgen sie aus ganzem Herzen seit über 40 Jahren, nicht aus einem Marketingtrend heraus – das spürt jeder, der uns mal besucht. Und irgendjemand muss doch damit anfangen! Bei hessnatur sind wir sehr offen. Wir sind davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, wenn sich alle fairen Marken, die es wirklich ernst meinen, zusammenschließen, um mit voller Power für die gemeinsamen Werte einzustehen. Das ist auch eines der Ziele von #fairfashionmove: Dass sich faire Modemarken vereinen. Denn wenn alle an einem Strang ziehen, bringt das meiner Meinung nach der ganzen Branche etwas.

Inwiefern?

Na, um faire Mode endlich aus der Nische zu holen. Jede Bewegung braucht doch eine kritische Masse, um wirklich nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Je mehr Menschen von eco-fairer Mode wissen, desto mehr potenzielle Kunden gibt es – für alle. Faire Mode ist ja jetzt schon so vielfältig. Und jeder Einzelne, der sich für ein Fair Fashion Teil von uns oder von anderen Fair Fashion Marken entscheidet, kauft eins weniger aus konventioneller Produktion. Jeder Einzelne kann also einen Unterschied machen. Aber ich bin auch überzeugt: Gemeinsam sind wir stark. Diese Community aus vielen wertvollen Einzelpersonen, Textilunternehmen, NGOs, Verbänden und auch der Politik gilt es zu fördern.

Seid Ihr mit dem Auftakt zufrieden?

Ja, wir sind immer noch begeistert, welche große Resonanz wir mit über 200 Teilnehmern erhalten haben. Eines unserer großen Ziele ist es, der Welt da draußen zu zeigen, wie viel Spaß faire Mode machen kann. Dass sie herkömmlicher Mode mittlerweile in nichts mehr nachsteht und dass es wirklich Freude bringt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Wir hatten strahlenden Sonnenschein, ganz tolle Musik von Marcus, danke übrigens nochmal (grinst), und vor allem so viele optimistische und gut gelaunte Menschen an unserer Seite. Es war so schön zu sehen, wie positiv alle dieses Thema, das durchaus Schwere mit sich bringt, in die Welt tragen.

Welches war Dein persönliches Highlight?

Da gab es unfassbar viele. Zuallererst natürlich die Kooperation mit Messe Frankfurt. Sie setzen sich ebenfalls schon sehr lange mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander und organisieren Europas wichtigste grüne Modemessen wie die Ethical Fashion Show und den Greenshowroom oder auch die Fachkonferenz FashionSustain. Sie haben ohne zu zögern zugesagt und unsere Zusammenarbeit läuft komplett auf Augenhöhe. Es ist wirklich ein Highlight für uns, einen solchen Global Player an unserer Seite zu wissen. Dann habe ich mich natürlich riesig über das positive Feedback anderer fairer Modemarken und -shops gefreut. Zu sehen wie über Social Media plötzlich alles an Fahrt gewann, hat mich bestätigt, dass die Aktion richtig und wichtig ist.

Wünsche / Learnings fürs nächste Mal?

Ein Learning sind die Luftballons. Das gefiel vielen nicht. Die Idee dazu war, auch denen Höhe und damit Sichtbarkeit auf der Straße zu verleihen, die kein Plakat mitbringen. Wir hatten uns zwar für Naturkautschuk entschieden, verstehen aber, dass diese Lösung noch nicht ganz optimal war. Beim nächsten Mal mindestens doppelt so viele Menschen auf die Straße zu bringen, um noch mehr Aufmerksamkeit für die Sache zu erhalten, ist ein Wunsch für die Zukunft.

Na, das wünschen wir uns auch! Vielen Dank, liebe Lisa.

FOTOS: Jonas Becker & Alexander Niederhofer

Ein Kommentar

  1. Ein schönes Interview und eine noch schönere Bewegung in Richtung Fairfashion. Sie hat auch vollkommen Recht. Irgendwie bewegt man sich ja doch in seiner eigenen (nachhaltigen) Blase und erreicht somit auch nur die gleichen Menschen: die, die sich schon für das Thema interessieren (und einsetzen). Aber man muss im wahrsten Sinne des Wortes raus, um die Aufmerksamkeit von Menschen mit unterschiedlichen Ansichten/Interessen zu gewinnen.

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