Warum dieser Artikel wichtig ist

Wenn wir eine Chance gegen den Klimawandel und alle anderen zukünftigen Herausforderungen haben wollen, müssen wir anfangen quer zu denken und progressive Ideen zu fördern.

Gerade ist etwas Erstaunliches passiert. Die Bundesregierung hat verkündet, dass sie in Erwägung zieht, den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland für alle kostenlos zu machen. Say what? Was zunächst nach einer Schnapsidee klingt, wird schnell sehr nachvollziehbar, wenn man sich folgende Probleme anschaut: Die Luft in unseren Städten ist katastrophal (in Europa sterben jedes Jahr mehr als 400.000 Menschen vorzeitig aufgrund von Feinstaub), es gibt viel zu viele Autos (in Berlin ist die Durchschnittsgeschwindigkeit der Pkw auf unter 20 km/h gesunken), die Erneuerung der Straßen kostet die Stadt unheimlich viel Geld, diejenigen, die sich ein teures ÖPNV-Ticket nicht leisten können und Schwarzfahren, werden kriminalisiert und bei Wiederholung sogar mit Gefängnis bestraft (in der Berliner Plötzensee-JVA sitzen zurzeit 155 von 480 Gefangenen wegen Schwarzfahrens ein – und auch für deren Betreuung gibt Berlin viel Geld aus).

Was aber über die Kosten hinaus das eigentlich Bemerkenswerte an dem Vorschlag ist, ist, dass damit hier bei uns zum ersten Mal seit langer Zeit eine fast utopische Idee realistisch ins Auge gefasst wird. Das ist ein progressiver Fortschritt, einer, wie wir ihn seit langem in der Politik vermissen, der aber zunehmend wichtiger wird, um Antworten auf eine gute Zukunft zu finden. Wir müssen wieder den Mut entwickeln groß zu denken, auch wenn unsere Vorschläge und Visionen zunächst nach Schnapsidee klingen. Die Herausforderungen, die es sehr bald zu meistern gilt, vom Klimawandel über die Digitalisierung der Arbeit bis hin zum weltweiten Bevölkerungswachstum lassen sich nicht mit dem Status Quo lösen.

Natürlich gibt es mehr als genügend konservative Zweifler, die erst mal alles als unrealistisch abstempeln und in der Kostenlos-Idee keine Perspektive sehen. So aber kommen wir nicht voran – und vor allem lösen wir damit unsere Probleme nicht. Wir müssen uns deshalb für neue Visionen öffnen. Nur so können wir eine bessere, gesündere und sauberere Welt schaffen, die tatsächlich zukunftsfähig ist. Vor allem aber brauchen wir eine neue Konsequenz in der Umsetzung. Wir können es uns nicht mehr leisten auf all die Lobbyisten Rücksicht zu nehmen, die nur ihre eigenen kleinen Vorteile suchen. Wir müssen anfangen das große Ganze zu sehen.

Einen kostenlosen ÖPNV einzuführen ist sicherlich eine enorme Herausforderung, die erst mal viel Geld kosten wird. Wahrscheinlich aber ergibt sich daraus die Chance unsere Städte sauberer und leiser zu machen, mit weniger Autos, besserer Luft und mehr Freiräumen für alle. Der Großteil der Menschen würde davon profitieren. Wir müssen uns nur trauen! Und selbst wenn kostenloses Bahnfahren am Ende wiedererwartend doch nicht funktioniert: Sogar ein subventionierter günstiger ÖPNV ist ein gutes Argument, das Auto öfters mal stehen zu lassen.

Im Übrigen gibt es bereits überall auf der Welt gute Beispiele, wo ein teilweise freier öffentlicher Nahverkehr Realität ist. Dazu gehören Städte wie Melbourne, Tallin, Miami, Manchester oder Toulouse. Die Transportbehörde von Melbourne sagt offiziell, dass sie seit dem sogar Geld spart. Worauf warten wir noch?

Titelbild: Stefan Movel
Fotos:  Floris Oosterfeld Verdienter Künstler

4 Kommentare

  1. Ich finde die Idee super, allerdings ist in dieser Welt nichts umsonst. Bei solchen radikalen Ideen und Vorschläge würde ich also auch gerne lesen und erfahren wie man so was ansatzweise umsetzen möchte. Wie machen die andere Städte es um das ganze zu finanzieren. Wie ist dort die Infrastruktur? Wie viele Benutzer haben die öffentliche Verkehrsmittel dort? Würde mich freuen mehr erfahren zu können, vieleicht in einem nächsten blogpost?

    • Marcus Werner

      Hello An-Sofie, vielen Dank für Deinen Kommentar. Das war jetzt tatsächlich erstmal der Motivations-Post zum Freitag 😉 … Natürlich muss man das durchrechnen und realistisch einschätzen. Das Interessante aber daran wird sein, dass man so auch endlich die tatsächlichen Folgekosten unseres Lifestyles mit einbeziehen muss: wieviel würden Städte sparen, weil die Straßen länger halten, wieviel weniger Unfälle gäbe es, wieviel weniger Menschen würden vorzeitig wegen Feinstaub sterben usw. ? Diese Folgekosten lassen wir auch bei vielem anderen unter den Tisch fallen, z.B. der Landwirtschaft, dem Transportverkehr usw. – sie sind aber eben trotzdem da. Wenn unser Trinkwasser teurer wird, weil zu viel Gülle der Massentierhaltung das Grundwasser verseucht, bezahlen wir für deren Dreck. Außerdem müssen wir eben auch bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen, um etwas zum Positiven zu verändern. In Form von Subventionen wird das ja leider auch schon ewig für z.B. die Kohleindustrie oder den Flugverkehr gemacht. Warum nicht auch für den ÖPNV oder andere innovative Zukunftsprojekte? Aber eine konkrete Rechnung wäre auf jeden Fall spannend. Liebste Grüße, Marcus

  2. Auf jeden Fall fällt schonmal die Verpflegung aller, die wegen Schwarzfahrens sitzen weg 😀 Wäre ja schonmal der erste Spar-Ansatz, immerhin kostet ein Insasse ja auch schon mal um die 100 Euro am Tag je nach Gefängnis… Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, denn es müssen ja alle Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel sowie Strom / Treibstoff und Wartungsarbeiten bezahlt werden. Die Fahrkartenkontrolleure hingegen werden dann natürlich alle ihren Job los.

    Ich finde die Idee sehr interessant und bin gespannt was da noch kommt, vor allem wenn es zum Beispiel erstmal auf Großstädte bezogen würde. Probleme sehe ich aber total im ländlichen Bereich, selbst wenn der eher selten kommende Bus kostenlos fahren würde, sind viele immer noch auf das eigene Fahrzeug angewiesen und auch mit kleinen Kindern / Hunden und viel Gepäck stelle ich mir das reisen ohne Fahrzeug schwierig vor. Auch wenn wir im Moment kein Auto mehr haben, denke ich zum Beispiel jetzt noch, dass wir wenn eine Familie ansteht doch gern wieder eins hätten. Hier in Berlin haben wir unser Auto aber beispielsweise gar nicht mehr genutzt, weil die öffentlichen Verkehrsmittel gut erreichbar sind und auch schneller, als das Auto innerhalb der Stadt. 🙂 Danke auf jeden Fall für den spannenden Artikel! Ich wollte euch gerade eigentlich nur kurz verlinken und die Adresse kopieren und bin dann gleich am aktuellen Artikel hängen geblieben – gut gemacht! <3

    • Marcus Werner

      Hallo Anni, vielen Dank für deinen konstruktiven Kommentar!Die Uni Kassel hat gerade noch einen Forschungbericht veröffentlicht, in denen die Folgekosten detailliert berechnet werden können. Sie sagen, dass es die Kommunen insgesamt tatsächlich günstiger kommt. Das mit dem Land könnte tatsächlich schwieriger werden, obwohl es ja zum Beispiel in Templin sogar von 1997-2003 sogar schon einen kostenlosen ÖPNV gab.. Und: ich denke, dass die Städte sehr bald so oder so sehr viel attraktiver werden, weniger Autos bessere Sharing-System usw.. LG

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