Warum dieser Artikel wichtig ist:

Gemeinsam sind wir stärker. Klingt nach Plattitüde? Ist aber wahr! Wer wirklich etwas verändern möchte, muss die Masse erreichen. Und das geht nun mal am Besten, wenn man selbst schon mal eine kleine Masse ist.

Jana Braumüller von Not Another Woman Mag, Vreni Jäckle von Jäckle und Hösle und Nina Lorenzen vom Pink & Green Blog sind die Fashion Changers. Und sie sind nicht allein. Im Gegenteil! Ihre schöne neue Initiative, die die drei erst diesen Sommer ins Leben gerufen haben, soll durch Online-Präsenz, Netzwerk-Events und Aktionen zu mehr Miteinander anregen – und möglichst viele Menschen zum Mitmachen inspirieren. Und dazu müssen Interessierte in erster Instanz noch nicht mal regelmäßige Termine einhalten oder selbst organisieren. Erstmal reicht’s völlig, sich im kleinen Kosmos ein bisschen zu engagieren: Beim Kauf der eigenen Klamotten. Mit möglichst vielen Gleichgesinnten, Menschen, die öko und fair shoppen, und solchen, die bereits als Akteure in der Szene aktiv sind, wollen die Fashion Changers dann Stück für Stück die Modewelt verändern: in einer wachsenden Community, die eine noch lautere Stimme hat. Eine Stimme, die gehört werden wird. Davon sind wir schon jetzt überzeugt. Mit den drei Gründerinnen haben wir über den Ist-Stand in der Fashion-Industrie gesprochen, über Politikverdrossenheit und den Mut zum Aufstehen, über neue Ziele  und natürlich über Shopping-Tipps für alle, die auch Lust haben, von Fast- auf Slow Fashion umzusteigen. Los geht’s:

Vreni (v.l.), Nina und Jana sind die ersten Fashion Changers

Ihr Lieben, es gibt NGOs, eco-faire Brands – und Ihr drei seid alle selbst sowieso schon als Slow Fashion Blogger unterwegs: Wie lässt sich die Initiative Fashion Changers da einordnen? Und vor allem: Was  wollt Ihr erreichen?

Vreni: Damit sich etwas bewegt, braucht es immer wieder neue Impulse und eine Anlaufstelle, an der Menschen zusammenkommen, sich austauschen und dann neue Aktionen zusammen starten. Genau diese Anlaufstelle wollen wir sein. Und außerdem hat die Szene mindestens ein cooles neues Event gebraucht, wenn wir ehrlich sind!

Jana: Wir wollen der fairen Modeszene eine Plattform geben und mit dem größtmöglichen Impact Leute vernetzen, die gemeinsam Fair Fashion eine Stimme geben, die bis in den Mainstream gehört wird. Dafür reicht es uns nicht, in unserer Blase zu bleiben, sondern wir holen ebenso konventionelle Blogger*innen und Journalist*innen mit an Bord, um den Output deutlich zu vergrößern. Wir sind also das Bindeglied zwischen den Akteur*innen. Und ein bisschen Träumerei sei erlaubt, wenn wir zukünftig vielleicht als Social Startup agieren könnten.

Welche sind die dramatischsten Probleme der konventionellen Modeindustrie?

Jana: Ausbeutung von Mensch und Umwelt gleichermaßen. Ressourcenverschwendung, die durch Überkonsum angetrieben wird.

Nina: Das Fast Fashion-Geschäftsmodell befeuert unseren ohnehin schon übermäßigen Konsum mit immer absurderen Dumpingpreisen. Und alles fußt auf einem ganz billigen Marketingkonzept: Du bist, so wie du bist, nicht gut genug. Selbstoptimierung und Glück durch Shopping. Dabei könnten wir diesen Teufelskreis durchbrechen, wenn wir uns nicht mehr nur als passive Konsumenten, sondern als aktive Verbraucher begreifen würden. Also als Prosumenten. Dieses Umdenken ist uns auch als Fashion Changers ein großes Anliegen.

Was oder wer müsste sich ändern, damit die Branche dauerhaft umweltfreundlicher und fairer wird?

Vreni: Ich kann’s nur immer wieder sagen: Menschenrechte gelten überall und dürfen nicht an Ländergrenzen vorbei gehen! Unternehmen sollten verpflichtet werden, die Sauberkeit ihrer Lieferkette nachzuweisen. Und Konsumenten sollten die Augen weit auf machen, auch wenn’s mal unbequem ist.

Nina: Wir als Verbraucher*innen müssen wieder lernen, wertiger zu konsumieren und ein Verständnis für die globalen Auswirkungen von Fast Fashion entwickeln. Trotzdem finde ich es fraglich, die komplette Verantwortung auf den Konsumenten abzuwälzen. Deswegen braucht es gesetzliche Regeln, so dass Unternehmen, wie Vreni schon sagt, bei Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht entlang der textilen Lieferkette haftbar gemacht werden. Mit Freiwilligkeit klappt das nicht.

Jana: Eigentlich müssten wirklich alle Beteiligten was verändern. Produzenten und Konsumenten gleichermaßen. Aber das wird definitiv nicht schnell genug von allein passieren, weswegen wir stark hoffen, dass auch die Politik endlich klare Richtlinien vorgibt, unter welchen Umständen Mode überhaupt produziert werden darf. Am besten auf globaler Ebene.

Wie kommen wir dahin – und wie viel Zeit braucht’s?

Jana: Wir müssen uns stärker vernetzen, aktiver und lauter werden. Und wir müssen Politiker*innen herausfordern, damit ihnen die Dringlichkeit der Situation deutlich wird. Eine zeitliche Ebene dafür zu finden, ist total schwierig. Wir müssten eigentlich schneller sein als wir es sind.

Politiker und Politikerinnen herausfordern? Könnt Ihr Euch vorstellen, als Fashion Changers aktiv auch politisch mitzumischen?

Vreni: Wir stehen am Anfang und haben noch viel vor. Ich bin ja sowieso dafür, dass Jana einfach direkt in die Politik geht. Aber vorerst machen wir mal einen Schritt nach dem anderen. Unsere Events halten uns aktuell ganz schön auf Trapp, aber das heißt nicht, dass es in der Richtung nichts zu erwarten gäbe…

Finden wir natürlich super! Generell wird den Menschen von heute ja oft eher eine gewisse Bequemlichkeit und fehlender Aktionismus vorgeworfen. Was hält Eurer Meinung nach vom Aufstehen ab?

Jana: Die Angst, nicht gehört zu werden oder sowieso nichts verändern zu können. Da kann ich aber ganz klar sagen, diese Angst ist unberechtigt! Jede positive Veränderung wird von mindestens einer weiteren Person wahrgenommen und wird diese Person anstiften, über das eigene Handeln nachzudenken und zu verändern.

Nina: Genau. Ich kann diese Haltung – oder Überforderung mit immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Problemen – teilweise nachvollziehen. Aber es ist, wie Jana es sagt: Wenn wir mit positivem Beispiel voranschreiten, werden wir andere zum Umdenken inspirieren.

Findet Ihr wir alle sollten noch aktivistischer sein und straighter für unsere Überzeugungen einstehen? Wie?

Nina: Auf jeden Fall. Wir müssen begreifen, dass es auch beim Bloggen um Werte geht. Für was stehen wir? Und für was stehen wir ein? Es wäre schön, wenn diese Fragen mehr Raum in der Blogosphäre einnehmen würden.

Jana: Unbedingt! Es gibt zig Möglichkeiten sich zu engagieren. Und wenn ich diesen Gedanken aus meiner Privatsphäre heraustragen möchte, kann ich das offline auch gut in NGOs und Vereinen tun. Dort bekomme ich konkret die Möglichkeit mich einzubringen. Spontan fallen mir da zum Beispiel Femnet und Future Fashion Forward ein, ein Verein bei dem sich auch Nina engagiert.

Ihr selbst geht seit letzter Woche mit diesem super-schönen eigenen Shirts an den Start, dass Ihr zusammen mit Myrka Studios produziert habt. Haltet Ihr es zum aktuellen Zeitpunkt für wichtig, dass Konsumenten und Konsumentinnen, die etwas anders machen wollen, die Möglichkeit haben mit ihrer Mode auch Statements zu setzen beziehungsweise sich durch Motto-Stickereien oder sichtbare Labels auch gegenseitig zu erkennen? 

Jana: Um den Community-Gedanken zu stärken auf jeden Fall. Ich persönlich finde es zum Beispiel total schön, wenn ich eine andere Person mit feministischer Botschaft auf der Straße entdecke. Die wird dann auch mal direkt angesprochen! (lacht) Gleiches gilt eben auch für den Fair Fashion Bereich. Sichtbarkeit ist ein Riesen Thema!

Preise, Marken, Sigel, neu oder gebraucht kaufen: Auf dem Weg dahin sind Verbraucher oft nicht sicher woran sie sich auf der Suche nach ein bisschen besserer Mode orientieren sollen. Gibt’s eine einfache Lösung ?

Nina: Die Suche nach dem „fairsten“ oder „nachhaltigsten“ Kleidungsstück ist in der Tat nicht immer einfach. Zum Glück gibt es inzwischen viele tolle Blogs, wie dariadaria oder Justine kept calm and went vegan, die sich die Mühe gemacht haben, nach bestimmten Kriterien kuratierte Shop- und Labellisten zusammenzustellen. Oder geh‘ zum eco-fairen (Online-)Shop deines Vertrauens und nutz die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Und nicht zuletzt, die Frage an sich selbst: Brauche ich das wirklich? Außerdem gibt es die Möglichkeit, Secondhand zu kaufen. Dafür ist Vreni ja unsere Expertin…

Vreni: Secondhand oder besser noch Vintage sind für mich oft eine richtig gute Lösung. Ich unterstütze zwar auch gerne neue Fair Fashion Labels, weil die ja auch zeigen, wie es richtig gehen kann. Trotzdem halte ich Vintage-Mode für eine sehr nachhaltige Konsumart. Und das ist auch wirklich nicht so kompliziert! Ich trage oft von oben bis unten Vintage-Kleidung. Wir müssen nur mal aufhören, ständig zu denken, dass alles immer verfügbar sein muss. Wann hat dieser Anspruch angefangen, zu jeder Zeit eine perfekt sitzende Jeans in einer bestimmten Farbe kaufen zu können? Manchmal gibt es im Supermarkt keine Karotten mehr, dann gibt’s halt was anderes zu essen. Und manchmal findest du im Vintage-Laden vielleicht nicht diese eine Jeans, aber was anderes, was richtig gut ist.

Was würdet Ihr selbst wirklich niemals kaufen oder anziehen?

Jana: Definitiv Pelz oder jegliche andere Tierhaut. Leder auch nur Secondhand.

Vreni: Same here. Pelz oder auch sehr echt aussehender Kunstpelz ist mir definitiv zu gruselig. Und das nicht nur aus Tierliebe, sondern auch weil ich das Gefühl hätte, ich würde dem jahrelangen Kampf gegen Pelz damit einen Tritt verpassen.

Nina: Neben dem offensichtlichen ethischen Aspekt steh ich persönlich nicht so auf Muster. Animal-Prints, egal ob echt oder fake, habe ich noch nie verstanden.

Und für welches Teil oder welchen Anlass lasst Ihr eine Ausnahme durchgehen?

Nina: Sorry, bei Fast Fashion mach ich keine Ausnahmen. Da würde ich eher noch im eco-fairen all-over-Musterlook rumlaufen, als in einer chemiegetränkten Jeans.

Jana: Schuhe und Taschen aus Leder kaufe ich auch Secondhand. Für Pelz gibt’s keine Ausnahme.

Vreni: Ne, Pelz gibt’s nie. Ich kaufe immer so ein: Vintage first, fair second, Secondhand third.

Was tun, damit sich die Umstellung auf Slowfashion nicht nach Verzicht anfühlt?

Nina: Wieso Verzicht? Für mich ist der Umstieg von Fast- auf Slow Fashion nur Gewinn gewesen. Ein Gewinn an Wissen, Zeit, Geld und Kreativität. Mir die Frage zu stellen, wer ich eigentlich bin, wenn ich meine Lebenszeit nicht mit Shoppen verbringe, fand ich ziemlich aufschlussreich. Eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe!

Vreni: Ohne die Vintagemode hätte ich’s persönlich wohl nicht so einfach gemacht… Aber wenn man die in seine Möglichkeiten aufnimmt, hat man echt unendliche Möglichkeiten, seinen Stil zu erfinden.

Und jetzt seid Ihr alle offiziell Fashion Changers! Welche sind Eure nächsten und welche Eure Langzeit-Ziele?

Jana: Zunächst sind wir schon wieder fleißig am Planen der nächsten Events, bei denen wir Menschen vernetzen können, um uns sicht- und hörbarer zu machen. Ziel ist es auch in den Events stetig zu wachsen und immer mehr Modemenschen mitzunehmen. Langfristig möchten wir gerne noch aktivistischer werden und gerne auch Aktionen durchziehen, die den/die Konsument*in aktiv ansprechen und zu Veränderungen führen. Und wie Vreni vorhin schon sagte, wird hoffentlich auch die Politik auf lange Sicht nicht unangetastet von uns bleiben.

Letzte Frage: Was ist mit mitmachen? Wer „darf“ und wie geht’s?

Jana: Alle dürfen. Alle sollen. Zunächst einmal im Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens. Und dann gerne mit Vernetzen innerhalb der Online-Community, mit Tragen eines Fashion Changer Shirts und mit dem Besuchen von Veranstaltungen in dem Bereich. Und hey, wer organisiert eigentlich endlich mal eine Demo gegen Ausbeutung in der Modeindustrie und für Slow Fashion?

Vreni: Ja! Rein mit euch in den Fair Fashion Kosmos, Freunde! Und zwar am liebsten so: Drüber reden, die anderen aus der Community kennenlernen, Stimme online und offline nutzen und dann am besten zusammen richtig Krawall machen! #LETSCHANGETHATFASHIONGAME

Vielen Dank für das Gespräch – und vor allem viel Erfolg, Ihr Lieben.

Und noch ein kleiner Tipp für alle, die auch gern eins der Fashion Changers Shirts hätten: Bei den ersten Bestellungen gibt’s je eine Dopper Steel Trinkflasche gratis dazu!

FOTOS: Lydia Hersberger

Ein Kommentar

  1. Pingback: Why are you a Fashion Changer? – Interiorquotes

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