Warum dieser Artikel wichtig ist:

Konventionelle Kleidung steckt oft voller Chemie. Alternativen kämpfen noch immer mit dem angestaubten Öko-Image. Umso bedeutender für Träger, Hersteller und Umwelt, dass traditionelle Brands zeigen, wie’s auch anders geht.

hessnatur gab’s schon als Labels noch Modemarken hießen – und als nachhaltig Interessierte gern mal als Müslifresser bezeichnet wurden. Wer tendenziell irgendwie grün war, der wollte diese Weltsicht und Lebenseinstellung meist deutlich zeigen, auch gern mal in extra-alternativer Kleidung. Ein Statement, das vor 41 Jahren richtig und wichtig war, das gleichzeitig aber ganz schnell auch die eco-fairen Brands von damals in eine leicht angestaubte Öko-Ecke gerückt hat. Zu unrecht! Besonders beeindruckend beweist das heute hessnatur. Mit modernen Schnitten und Haben-Wollen-Kollektionen aus besten Materialien, mit Jahrzehntelanger Erfahrung und mit einer gewachsenen Gesamtphilosophie voller Achtsamkeit, die den Zeitgeist kaum besser treffen könnte.

Während zwei voll auf (Lebens-)Qualität ausgerichteten Pressetagen in der beeindruckenden Natur von Garmisch Partenkirchen, haben wir den Mann getroffen, der das Traditions-Unternehmen seit 2016 als Geschäftsführer betreut: Hier kommt Vivek Batra im Gespräch über zeitgemäße Wege für traditionelle Textil-Hersteller, die potenzielle Trendwende von Fast- zu Slowfashion – und über die aktuelle Transparenz-Offensive von konventionellen Fashion-Ketten:

Lieber Vivek, hessnatur ist eine Marke, die es schon vor dem Internet gab. Welche Rolle spielt online für Sie heute?

Eine große! hessnatur war schon immer ein Versandhandel. Heute werden 68 Prozent unserer Textilien online verkauft. Diese Plattform ist uns sehr wichtig und der Relaunch läuft: Ende Oktober wird unsere neue Homepage live gehen.

Geht es Ihnen dabei vor allem um den Shop oder um mehr – zum Beispiel um Informationen zu Hintergründen und Herstellungsbedingungen?

Absolut! Transparenz ist unser Kern. Und so haben wir uns überlegt, wie wir den Kunden die vielen Informationen noch leichter zur Verfügung stellen können. Dabei entstand die Idee einer Weltkarte, die mit wenigen Klicks abbildet, woher unsere Rohware kommt und wer sie wo zu unseren Produkten verarbeitet. Der Launch fand am 7. Oktober zum Welttag der menschenwürdigen Arbeit statt. Das ist aber erst der Anfang. Die Karte ist dynamisch und wird weiter wachsen. Außerdem arbeiten wir gerade an einem hessnatur-Lexikon, das die Welt unserer nachhaltigen Mode und ihrer ökologisch und sozial fairen Herstellungsbedingungen von A bis Z erklären wird. Wir sagen immer every piece tells a story, da bei uns tatsächlich hinter jedem Produkt eine Geschichte steckt.

Zum Beispiel?

Das sind Geschichten über die Besonderheiten der verschiedenen Materialien, deren Weg zum Textil und natürlich über die Menschen, die beides herstellen. Allen voran steht die Unternehmensgeschichte: Dorothea und Heinz Hess haben hessnatur aus Liebe entwickelt. Als junger Mann arbeitete Heinz Hess selbst in der Chemieindustrie. Dort hat er erlebt, wie viele Chemikalien in der Stoffproduktion eingesetzt werden – und dann beim Tragen auf die Haut gelangen. Als sein erster Sohn geboren wurde wusste er: Das kommt mir nicht auf Babys Haut! Das Ehepaar wollte eine Alternative. Die haben sie sich dann selbst erschaffen. Seitdem ist es vor allem die Qualität, über die es bei hessnatur sehr viel sehr transparent zu erzählen gibt.

Apropos Transparenz: Wie bewerten Sie die aktuelle Transparenz-Offensive von Häusern wie Arket?

Ich sehe das positiv. Jedes Teil, das unter besseren Bedingungen hergestellt wird, zählt. Werden konventionelle Ketten damit zur Konkurrenz? Eher nicht. Im bio-fairen Bereich hat hessnatur von jeher eine Pionierrolle. Damit fühlen wir uns sehr wohl. Heinz Hess war seiner Zeit gut 30 Jahre voraus. Es ist schön zu sehen, dass das allgemeine Interesse jetzt mehr und mehr in seine Richtung geht.

Welche sind die größten Herausforderungen, wenn man wie Sie ein so traditionelles Fair Fashion-Label übernimmt? 

Die größte Herausforderung ist immer das Produkt. Hierbei besonders der Spagat zwischen den langjährigen und den neuen Kunden, die teilweise unterschiedliche Anforderungen an Passform und Design haben. Unser Mantra für diese Transformation lautet „Ethik mit Ästhetik“. Was uns dabei einzigartig macht, sind unsere Qualitäten und viele exklusive Naturmaterial-Mischungen. Auf dieser Materialstärke bauen wir unsere Kollektion auf. Die Designphilosophie nennen wir dabei timeless with a twist, also zeitlose Schnitte, die moderne Details aufgreifen. Ein Grundsatz, der sich super mit unserer Idee von Slow Fashion vereinen lässt. Seit drei Saisons arbeiten wir danach und in dieser Saison spiegelt sich in der Nachfrage wider, dass wir unsere Balance gefunden haben.

Welche 41 Jahre alten Überzeugungen teilen Sie besonders?

Ganz klar immer wieder die einfache, aber sehr starke, ja visionäre Gründungsidee von Dorothea und Heinz Hess: Kleidung, die weder der Person schadet, die sie trägt, noch der Person, die sie herstellt – und auch nicht der Umwelt. Es ist diese Idee, die wir als #wearagoodfeeling zusammenfassen. Und die ich und das ganze hessnatur-Team bis heute mit den Gründern teilen. Das treibt uns täglich an, mit Leidenschaft bei der Sache zu bleiben.

Worauf freuen Sie sich in Zukunft am meisten?

Dass endlich die Zeit für die Vision der Gründer gekommen ist. Die Menschen fangen an bewusster zu konsumieren und nachzufragen: Wer hat meine Kleidung hergestellt, was ist darin enthalten und ist das gut für mich und die Umwelt? Ich hoffe, meine Vermutung wird wahr, wenn ich behaupte, dass wir in den kommenden zehn Jahren die Trendwende erleben – von Fast Fashion zu Slow Fashion.

Das hoffen wir auch! Vielen Dank für das Gespräch, lieber Vivek. 

HEADER: Anna Schunck

FOTOS: hessnatur

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