Warum dieser Artikel wichtig ist

Wählen zu gehen, auch wenn man die Politik oder die Programme der Parteien teilweise nicht ausreichend findet, ist eine der wichtigsten Aufgaben in unserer Demokratie.

 

Kurz vor der anstehenden Bundestagswahl herrscht bei uns absolute Überforderung. Ständig fragen wir uns gegenseitig, was wir denn nun wählen werden und wägen Argumente pro und contra verschiedener Parteien ab. Dabei müsste doch eigentlich längst feststehen, dass die Ökos natürlich Grün wählen werden. Aber halt, so einfach sind wir nicht zu haben. Mein Wal-O-Meter sagt mir zum Beispiel, dass ich mein Kreuz bei der neuen Partei Demokratie in Bewegung machen soll (leider treten sie bei uns in Brandenburg nicht an). Die Grünen liegen irgendwo im Mittelfeld, noch hinter den Linken und Die Partei. Was ist da eigentlich los?

Wer sich das Wahlprogramm der Grünen anschaut, der kann in jedem Fall viele zustimmende Häkchen machen. Klar bin ich für Umweltschutz, finde die Energiewende wichtig und bin gegen Massentierhaltung. Aber hey, das sind alles Themen, die heute sogar in der CDU konsensfähig sind, die teilweise sogar von den Konservativen auf den Weg gebracht wurden. Das ist durchaus ein Erfolg vergangener grüner Politik, aber auch gleichzeitig deren große Dilemma. Schließlich braucht es für grüne Themen in der Politik heute nicht mehr unbedingt eine grüne Partei. Dass wir irgendwas beim Klimaschutz machen müssen, hat Frau Merkel tatsächlich auch erkannt.

Wodurch unterscheiden sich die Grünen dann noch von der CDU? Die beiden Spitzenkandidaten, Özdemir und Göring-Eckardt oder der Diesel-Verfechter Winfried Kretschmann sind jedenfalls keine Highlights der grünen Politik. Zu angepasst, zu sehr auf Koalition schielend, zu kalkuliert in ihren Äußerungen. Das wirkt nicht authentisch und lässt uns uninspiriert zurück. Wo ist das Zukunftsbild, dass die Herausforderungen einer neuen Epoche aufgreift und uns Optionen skizziert, wie wir und unsere Kinder auch in Zukunft gut leben können. Denn das ist es, was wir alle wählen: Optionen auf unsere Zukunft.

Was es dafür braucht ist mehr Klartext und Mut. Dass dieser Realtalk noch nicht mehrheitsfähig ist, ist klar. Aber anscheinend muss uns ja irgendjemand an die Hand nehmen. Jemand muss uns sagen, dass unser Lifestyle scheisse ist und man politisch eingreifen muss, weil wir doch sonst eh so weiter machen würden, wie bisher. Und das steht ja auch fest: ein weiter so geht nicht ohne dass wir mit Vollgas gegen die Wand fahren.

Was sind also unsere Optionen bei dieser Wahl?

Was mir am Wichtigsten ist, ist ein Ende der großen Koalition. Die begräbt nicht nur die gute alte SPD bald endgültig. Sie führt auch dazu, dass die Rechten wieder im Reichstag sitzen. Schluss damit! Die CDU wird wohl die meisten Stimmen bekommen, das bedeutet es geht vor allem darum, welche Partei man stärkt, um einen korrigierenden Einfluss auf die Konservativen zu nehmen. Die Linken und die Rechten sind eh außen vor. Das heißt es bleiben zwei Parteien übrig: die FDP und die Grünen.

Das Thema FDP

Wer kann sich noch an Lehman Brothers und die darauf folgende Finanzkrise erinnern, die nicht nur Griechenland, sondern auch halb Europa in die Krise gestürzt hat? Was das mit der FDP zu tun hat? Alles, denn schließlich ist die FDP die Kapitalismus-Partei in Deutschland und deren Lieblingswort ist Deregulierung. Immer noch! Das bedeutet, den großen Unternehmen so viele Freiheiten wie möglich zu geben, inklusive möglichst großen Möglichkeiten zu Kosteneinsparungen nach amerikanischen Modell. Dass ein allzu freier Markt jedoch zu Lasten der Arbeiter und Umwelt geht, dürfte mittlerweile auch dem Letzten aufgefallen sein, der irgendwo ein Gewissen hat und nicht nur an sich selbst denkt. Wer FDP wählt, wählt daher gegen Gerechtigkeit, gegen den Staat und vor allem gegen das Klima.

Also doch die Grünen?

Viele Optionen bleiben uns dann ja wohl nicht mehr. Der gegenwärtige Zustand der Grünen lässt zwar doch zu wünschen übrig, aber trotzdem passen ihre Ansätze viel besser zu unseren Einstellungen, als die der FDP. Sie könnten zum notwendigen Korrektiv werden und in bestimmten Bereichen tatsächlich Veränderungen anstoßen. Zur Erinnerung: wir stehen mit dem Klimawandel vor der größten Herausforderung jemals. Und das für den Rest unseres Lebens, und für den Rest der Leben unserer Kinder. Wir können es uns nicht länger leisten, auf einen freien Markt zu setzen, der sich schon selbst regeln wird. Das tut er nicht – so viel haben wir nach den Finanzkrisen der letzten Jahre oder nach dem Dieselskandal gelernt. Wir brauchen progressive Veränderungen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft, einer grünen Infrastruktur und einer konsequenten, neuen Energiepolitik.

Die konservativen und sicheren Zeiten sind vorbei. Wer heute im Gestern verbleiben möchte, der verpasst erst den Anschluss in eine neue Welt und bekommt bald die Quittung für einen Lebensstil, der zu lange über unseren Verhältnissen lag. Deswegen werden wir doch die Grünen wählen. Nicht weil wir so begeistert von ihnen sind, sondern, weil sie am Ehesten die richtigen und wichtigen Akzente setzen könnten. Und vielleicht etabliert sich bis zur nächsten Bundestagswahl ja eine neue, progressive grüne Partei, die den Mut hat uns endlich zu sagen, woran wir sind und wir aus diesem Schlamassel wieder raus kommen.

FOTOS: Marcus Werner

3 Kommentare

  1. Ja…
    Ich hab diesmal auch strategisch gewählt. Keine Herzensentscheidung aber in meinen Augen am Ende doch die beste Option. Wollen wir hoffen, dass was in Bewegung kommt!

    LG Vera

  2. Hey Marcus,

    Vielen Dank für deinen Artikel! Die Beschreibung der jetzigen Situation teile ich mit dir in fast allen Punkten, doch ich verstehe nicht, warum du die Linken sofort ausklammerst. Hast du dich mit deren Politik mal auseinander gesetzt?

    Du wünschst dir eine Partei, welche nicht nur grüne Politik macht, sondern sich auch wirtschaftlich anders ausrichtet und uns eine zukunftsgerichtete Sichtweise bietet, wie wir leben wollen. Alle Punkte der Grünen bzgl. Energiewende, Förderung ökologischer Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, usw. sind nahezu deckungsgleich mit der Partei Die Linke. Die einzigen Parteien, die anderer Meinung sind, sind FDP und AfD. Der Trend hin zu einem verantwortungsbewussten Leben und einem nachhaltigen Konsum ist bei den Linken schon lange auf der Tagesordnung.

    Auch wirtschaftlich stellen sie eine wirkliche Alternative dar. Denn Die Linke denkt zunächst mal an den Menschen und stellt diesen in den Fokus. Danach erst folgen die Profite der Unternehmen. Das ist für mich der Kern einer sozialdemokratischen Politik, welche bei der SPD seit Schröder immer weiter in den Hintergrund rückt.

    Weiterhin finde ich es herausragend, dass die Partei kontrovers über zukunftsweisende Schritte diskutiert, wie z B das bedingungslose Grundeinkommen, freier ÖPNV, oder wie sie uns Lösungen gegen bevorstehende Altersarmut bietet: Mindestrente.

    Worin siehst du also die Kritikpunkte an den Linken, die dich hindern, diese Partei zu wählen?

    Ich bin davon überzeugt, dass diese Partei zur Zeit die einzig richtige Wahl ist, da sie uns genau das bietet, was unsere Gesellschaft jetzt braucht: Frieden, soziale Gerechtigkeit, grüne Politik und den Blick in die Zukunft.

    Noch ein Ansatz über die Spekulation möglicher Koalitionen: Ich finde es sehr unpassend anhand von Umfragewerten zu überlegen, welche möglichen Koalition entstehen könnten. Umfragewerte sind nur Stimmungstrends von denen wir uns nicht beeinflussen lassen dürfen. Oberste Priorität sollte immer der Inhalt einer Partei unabhängig der Umfragen sein. Ein hoher Anteil weiß bis kurz vor der Wahl noch nicht, wen sie wählen werden. Das macht die Situation noch gravierender, da diese in den Statistiken nicht auftauchen.

    Lieben Gruß
    Florian

    • Marcus Werner

      Hallo Florian, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich gebe Dir in allen Punkten recht, bin großer linker Sympathisant und meine Stimme haben sie u.a. genau aus den genannten Gründen auch bekommen. Allerdings hatten die Linken keine Option auf Regierungsbeteiligung, weil eine CDU ja nie mit ihnen koalieren würde. Deswegen habe ich den Artikel auf die einzigen Möglichkeiten ohne SPD – also FDP und Grünen ausgelegt und abgewogen. LG

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