Berlin Neukölln, zwischen Altbauten, ein kleines Ladenlokal. Die Tür steht offen und ist beklebt mit Schweinchen-Stickern. Wir gehen rein und drinnen steht Dennis Buchmann zwischen Kühlschränken voller Gläser mit Mett, Sülze, Schmalz, Blut- und Leberwurst. Auf jedem Etikett ist ein Foto zu sehen: ein Bild des Tieres, aus dem das jeweilige Produkt gemacht ist. Mit seinem Unternehmen „Meine kleine Farm“ sensibilisiert Dennis Viel-Fleischesser für das Lebensmittel. Dass er überhaupt mal so ein Geschäft gründen würde, hatte Dennis nicht unbedingt erwartet. „Meine kleine Farm“ ist vor fünf Jahren während seines berufsbegleitenden Public Policy-Studiums eher als „Projekt mit gesellschaftlichem Anliegen“ entstanden.

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Dennis, isst Du eigentlich selber Fleisch?

Sehr gerne. Aber ich war immer schon wenig Fleischesser und wusste: Fleisch ist einer der Umweltzerstörer Nummer eins, vor allem durch die schlechten CO2- und Energiebilanzen.

Wie kommen diese schlechten Bilanzen zustande?

Weil Fleisch in der Nahrungskette ganz oben steht.

Erzähl uns mehr!

Pflanzen stehen unten, auf der niedrigsten sogenannten Trophie-, sprich Ernährungsstufe. Sie nehmen Sonnenlicht auf und wachsen einfach. Wenn jetzt zum Beispiel ein Schaf die Pflanze frisst, dann gehen dabei 90 Prozent in Wärme verloren. Und nur zehn Prozent werden in schafsorganische Masse verwandelt.

Das heißt, wenn Du eine Kalorie Fleisch herstellen möchtest, musst Du zehn Kalorien Pflanzen rein stecken. Deshalb ist es immer besser für die Umwelt, wenn Du als Mensch zum Beispiel ein Brot isst, weil Du die zehn Pflanzenkalorien dann direkt verarbeiten kannst, statt neun wegzuschmeißen und nur eine Edelkalorie in Form von Fleisch zu Dir zu nehmen.

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Fleisch ist also Edelessen?

Ja. In den angesprochenen Trophiestufen gibt es unten Tausende Pflanzen, dann ein paar Schafe und oben nur ganz wenige Tiger. Was ich damit sagen will: In der Natur gibt es aus Energieeffizienzgründen immer weniger Fleischfresser als Vegetarier.

Warum hat unserer Gesellschaft solche Gründe vergessen?

Ich weiß nicht, ob man das wirklich immer vergessen hat. Die große Nachfrage hängt ja auch vom Preisleistungsverhältnis ab: Wenn 100 Gramm Mortadella im Supermarkt 99 Cent kosten und drei Paprika 1,99 Euro und die Mortadella schmeckt auch noch… Is’ ja klar, was dann passiert.

Aber beim Wissen um die schlechte Energiebilanz: Wie kann es sein, dass die Mortadella im Discounter noch immer so günstig ist?

Weil viele Kosten bei der konventionellen Fleischproduktion externalisiert werden. Für Antibiotikaresistenzen, Bodenübersäuerung, Klimaerwärmung oder andere Folgen der Massentierhaltung zahlt nicht der Wurstkäufer, sondern der Steuerzahler. Wenn man das alles mit der Mortadella bezahlen müsste – dann wäre man in etwa beim Preis von Biofleisch.

Ist man aber leider nicht.

Ne, stattdessen ist die Fleischproduktion heute hoch industrialisiert. Es geht dabei schlicht um möglichst viel Biomasse pro Zeiteinheit und Fläche, hergestellt mit möglichst geringem Energieeinsatz. So ist in der Fleischproduktion übrigens auch der Jargon. Das Wort Tier kommt da gar nicht vor.

Hat Dich das immer schon besonders gestört?

Das war mir bewusst – aber relativ egal.

Ja? Dafür stellst Du mit „Meine kleine Farm“ das Tier aber jetzt ganz schön stark in den Vordergrund…

Schon. Gleichzeitig sehe ich das Thema aber relativ nüchtern. Ich hab’ da eher den Naturwissenschaftlerblick. Und der sagt mir ganz klar: Es ist bezeichnend, dass in der konventionellen Fleischproduktion sehr technisch gesprochen wird. Gleichzeitig würde ich das Thema aber auch nicht verklären wollen. Auch die Biobauern, mit denen wir arbeiten, führen einen landwirtschaftlichen Betrieb – mit Betonung auf Wirtschaft. Die Tiere werden auch dort nicht geboren, um 20 oder 30 Jahre zu leben. Im Gegenteil. Wenn sie nicht gegessen werden würden, dann würden sie gar nicht geboren. Worum es mir geht, ist den Fleischkonsum insgesamt zu reduzieren.

Und da kann man natürlich gut emotional ansetzen…

Genau! Das ist immer ein guter Hebel. Denn Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bringen, ist sehr schwierig. Dem voraus geht nämlich, dass man sich einen Fehler eingestehen muss.

Und das fällt natürlich schwer. Kennt man ja auch ein bisschen…

Eben. Das ist auch ein bisschen so, als wenn man den Leuten sagen würde, sie dürften kein Auto mehr fahren, weil das die Umwelt belastet. Dann sagen alle, puh, geht ja nicht. Das ist ein zu krasser Einschnitt und damit für die Masse nicht praktikabel. Anstatt also zu sagen, hey, verzichtet mal ganz und werdet alle Vegetarier, will ich ihnen sagen: Esst doch mal weniger Fleisch – und dafür besseres.

Hast Du auch Kritiker?

Zu mir kommen immer mal wieder Leute, die das sagen, dann könnten sich viele Leute Fleisch aber gar nicht mehr leisten.

Und Du sagst dann?

Doch. Sie müssen nur eben nur noch halb so viel Fleisch essen. Fleisch ist herkömmlicherweise kein Grundnahrungsmittel, sondern immer Luxus.

Beim Fleischkonsum ist weniger mehr.

Klar! Und wenn es teurer wäre, dann würde es auch wieder zu etwas Besonderem.

Aktuell ist in unserer Gesellschaft eher noch Bioqualität die Besonderheit. Alles, was Dennis über „Meine kleine Farm“ verkauft, trägt ein entsprechendes Siegel. Nicht, weil seine Kunden das gefordert hätten. Sondern vor allem, um in Bioläden verkaufen zu dürfen. Auf seiner Homepage, über die die meisten Wurstwaren verkauft werden, steht ausführlich, welche Tiere von welchem Bauern kommen, wie dieser aussieht, hält und füttert. Einer der Landwirte ist Henrik Staar vom Gut Hirschaue in Rietz-Neuendorf. Heute gehen wir ihn gemeinsam besuchen.  

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Henrik züchtet seine Schweine in Freilandhaltung, das ist auch bei Biobauern nicht unbedingt gängig, oder?

Ja, das machen alle unsere Landwirte. Und nein, das ist auch bei Biobauern die Ausnahme, weil die Genehmigung dafür aus Angst vor der Schweinepest nur noch selten von den Behörden vergeben wird. Außerdem wachsen die Schweine im Stall schneller. Deshalb halten die Meisten ihre Tiere im Stall – eben mit Fenstern und mit mehr Platz als in der konventionellen Fleischproduktion.

Wie viel Platz hat ein Schwein da, sprich in der Massentierhaltung?

Etwa 0,6 Quadratmeter pro Mastschwein. Die Sauen werden bis zu zwei Meter lang und haben meist etwas mehr Platz, passen allerdings auch nur genau in ihre Abferkelbucht, wenn sie Ferkel haben. Die konventionellen Bauern sagen, das sei besser so, damit die Sau nicht auf ihre Ferkel drauflegen kann. Das ist gut für die Ferkel und den Bauern, weil tote Ferkel finanziellen Verlust bedeuten. In der Biohaltung sterben immer mal wieder Ferkel, weil Sauen sich aus Versehen draufsetzen. Weniger Gitter oder mehr lebende Ferkel? Man kann nicht alles haben.

Ähnlich wie bei Medikamenten…

Na, Antibiotika werden in der konventionellen Haltung oft prophylaktisch verabreicht, beim kleinsten Schnupfen mit dem Argument, dass der ganze Stall nicht angesteckt werden soll. Genaue Daten stehen dazu in den Fleischatlanden der Heinrich Böll Stiftung. viertelvor-meinekleinefarm-marcuswerner-8

 

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Wie erlebst Du die Landwirte, die keine Antibiotika einsetzen? Sind die Biolandwirte unter Druck?

Ich glaube, die sind nicht gestresster als andere. Klar, sie müssen ihre Richtlinien einhalten. Aber damit bedienen auch Bio-Landwirte bei aller Moral einen Markt. Wenn der nicht mehr funktionieren würde, dann würden sie gezwungener Maßen wahrscheinlich auch andere Sachen machen.

Stimmt wahrscheinlich, ist im Falle von Henrik aber eher schwer vorstellbar. In Brandenburg angekommen, stellt er uns seinen Zucht-Keiler vor, den er mit Deutschen Sattelschweinen kreuzt. Von Henrik lässt er sich füttern, kraulen und kuscheln. Wir freuen uns derweil über den Namen des riesigen Borstenviehs: Schweinsteiger. „Schweinis“ Nachkommen schlachtet Henrik ohne Stress. Er erschießt sie in gewohntem Umfeld, direkt auf der Wiese. „Ganz heimlich und plötzlich“, sagt Henrik. „Das Schwein bewegt sich ganz entspannt in seiner gewohnten Schweineumgebung und dann knallt’s – und dann fällt’s um. Natürlich sehen die anderen Schweine das. Aber sie kombinieren das nicht. Weder betrauern sie stark den Verlust – noch bekommen sie Angst, als Nächstes dran sein zu können.“ Entsprechend entspannt sehen Henriks Schweine aus. Beim Anblick der grunzenden Herde geht uns das Herz auf – und auch Dennis muss schmunzeln.

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Wie lange dürfen denn diese Tiere leben, bevor sie geschlachtet werden, Dennis?

Das ist verschieden. Meist mindestens neun Monate, auf dem Gut Hirschaue sogar zwei Jahre. Ein konventionelles Tier kann man nach etwa sechs Monaten zum Schlachthof fahren, das wächst unter anderem wegen des Bewegungsmangels schneller.

Schmeckst Du als Fleischesser eigentlich den Unterschied zwischen Bio- und Nicht-Bio-Fleisch?

Ja. Bei dem industriellen Fleisch hat man immer dieses Wasserproblem: Weil die Schweine eben sehr schnell und ohne Bewegung gewachsen sind, schnurrt das Schnitzel in der Pfanne schnell zusammen. Die Freilandschweine sind eher so Sportschweine. Die haben ja gut trainiert durchs Rumlaufen. (grinst)

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Würde Dir eine vegetarische Welt gefallen?

Nein. Denn das ist weder sinnvoll noch möglich. In vielen Ländern ist es so trocken, dass dort kein Getreide wachsen kann. Dort muss man Schafe und Ziegen grasen lassen, um sich über deren Milch- und Fleischprodukte mit ausreichend Nahrung versorgen zu können.

Wichtig ist, dass die Menschen insgesamt weniger Fleisch essen, um die Umwelt zu entlasten und stressfreie Tierhaltung zu ermöglichen.

FILM & FOTOS: Marcus Werner

Ein Kommentar

  1. Richtig guter Beitrag, den ich sehr gerne teile! Eure kritische und doch offene, nicht-dogmatische Art ist einfach so klasse und angenehm zu lesen!

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