Warum dieser Artikel wichtig ist

Wer selbst gärtnert oder anbaut lernt natürliche Prozesse kennen – und Pflanzen besser wert zu schätzen. Außerdem macht’s Spaß!

 

Auf wundersame Weise bringt diese Frau selbst eingefleischte Outdoor-Muffel dazu, sich für bunte Blümchen und, ja wirklich, für Bienchen, zu interessieren. Uns erinnert das Gartenfräulein aka Silvia Appel daran, dass wir doch längst einen eigenen Nutzgarten auf dem Land anlegen wollten – und Großstädter an die ungeahnten Möglichkeiten, die ein Balkon so mit sich bringt. Wenn man ihn denn zu nutzen weiß! Und wenn eben nicht, dann ist man auf Silvias Blog, in ihren Publikationen und seit Kurzem auch auf ihrem neuen YouTube-Kanal richtig. Sie lebt in Würzburg, hat Geschmack und den grünen Daumen, ist aktive Imkerin und als Gartenfräulein die gute Fee unter den Beet-Bloggerinnen. Und neben Pflanz-Tipps, Deko-Ideen und immer neuen DIY-Rezepte zaubert das Gartenfräulein mit seiner natürlich fröhlichen Art eigentlich jedem ein Lächeln aufs Gesicht. Gerade ist außerdem Silvias drittes Buch „Mein kreativer Stadtbalkon – Das Journal“ erschienen. Grund genug, ihrer Gertenliebe im Gespräch auf den Grund zu gehen – und ordentlich was dazu zu lernen:

 

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Ist der grüne Daumen etwas, das man in die Wiege gelegt bekommt – oder etwas, das man sich auch erarbeiten kann?

Ich würde mal sagen es kann beides sein. Ich hatte das Glück, das ich das Gärtnern von klein auf von meinen Eltern lernen durfte. Aber ein Garten ist ein Ort, an dem man nie auslernt. Jedes Jahr aufs Neue sammelt man neue Erfahrungen. Vielleicht ist es ein bisschen so, wie ein Instrument zu spielen. Auch das Gärtnern kann man Schritt für Schritt lernen.

Welche Ausrede müssen wir aus dem Weg räumen, um endlich auch selbst mit dem Gärtnern anzufangen?

Oft habe ich das Gefühl, dass viele Menschen zwar gerne würden aber natürlich keine Zeit haben. Naja, jetzt bin ich zwar Gartenbloggerin, aber trotzdem muss auch ich mir die Zeit für den Garten gut einteilen – und sie mir eben einfach nehmen. Ganz ehrlich, für was hat man schon Zeit, wenn man sie sich nicht nimmt?

Stimmt! Und der Garten gibt ja auch etwas zurück. Warum empfindest Du persönlich Pflanzen als bereichernd?

Ich habe das Gefühl, sie sind eins der wenigen echten Dinge in unserem Leben. Sie machen einfach glücklich – ob man will oder nicht. Wer kann schon an einem üppigen Gemüsebeet oder an einer Blumenwiese vorüber gehen, ohne sich zu freuen? Für mich ist der Garten der einzige Ort, an dem ich mich wirklich vollkommen fühle. Dort bin ich einfach nur ich und ganz bei mir. Wenn es mir schlecht geht, möchte ich in den Garten, und wenn es mir gut geht, dann auch.

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Ist Dir trotzdem auch schon mal was über den Kopf gewachsen?

Und ob! Eigentlich passiert das immer wieder, denn mein Garten ist nicht perfekt angelegt oder durchgeplant, sondern eher ein wildes Paradies, das ich versuche in Zaum zu halten. Es gibt keinen Rasen, sondern eine Wiese, die immer wieder versucht in die Beete zu krabbeln, die wilden Himbeerbüsche wollen mir die Terrasse klauen und und und…

Du wusstest vorher, dass im Garten auch sowas auf Dich zukommt, schließlich bist Du ländlich aufgewachsen. War Dir trotzdem immer klar, dass Du als Erwachsene auch selbst Anpflanzen würdest, oder gab’s da auch Mal Zweifel?

Ehrlich gesagt habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Garten war schon früher für mich das Normalste auf der Welt. Eingemachtes, Marmelade, Sirup – was heute mega angesagt ist, war bei uns halt einfach so. Als ich dann ausgezogen bin, habe ich ziemlich schnell gemerkt, wie sehr mir die Natur fehlt. Stück für Stück hat sich dann das Gärtnern in mein Leben zurück geschlichen. Erst mit den begrünten Fensterbrettern in der Studenten-WG, dann mit der Aktivität in der Urban Gardening Gruppe und schließlich mit dem ersten eigen Garten.

Ein Garten, der mitten in Würzburg ist. Warum hast Du Dich für ein Leben in der Stadt statt auf dem Land entschieden?

Als Kind habe ich das Landleben sehr genossen, doch als Teenager war das komplette Gegenteil der Fall. In einem Dorf mit nur 60 Einwohnern und kaum Teenies im selben Alter, keiner Bushaltestelle, keinem Zug, vielen steilen Bergen, die das Fahrradfahren nicht möglich machen… Ich habe mich auf dem Land damals eingesperrt und auch einsam gefühlt. In der Stadt dagegen fühle ich mich sehr lebendig und genieße den Trubel um mich herum. Ich habe für mich einen Weg gefunden, mir das Land in die Stadt zu holen. Wirklich zurück aufs Land zu ziehen kann ich mir aktuell nicht vorstellen.

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Und auch im urbanen Raum hast Du ja Platz gefunden, um Dich auszuleben. Reicht dieser Platz auch, um Dich mit selbst Angebautem zu versorgen?

Das war ehrlich gesagt nie mein Ziel. Zur Selbstversorgung gehört ja nicht nur das Anbauen, sondern auch das Verarbeiten, Einmachen oder Einkochen. Wo soll ich das in meiner Wohnung alles unterbringen? Selbstversorgung ist letztlich ja der Fulltime-Job, der einen sonst versorgen würde. Es klingt immer sehr romantisch aber dieser Job ist verdammt harte Arbeit. Mein Anspruch an den Garten ist ein anderer. Ich gärtnere, weil es sich unglaublich gut, wohltuend und schön anfühlt, Radieschen zu ziehen oder das Unkraut aus den Beeten zu zupfen.

Zu Hause bezeichnest Du Deinen Balkon als ein weiteres Zimmer. Wie viel Zeit verbringst Du dort?

Gerade im Sommer habe ich das Gefühl immer auf dem Balkon zu sein, selbst wenn ich nicht direkt auf dem Balkon bin. Von unserer Küche und dem Schlafzimmer hat man Zugang zum Balkon. Somit ist er schon sehr präsent und immer sichtbar. Da ich jeden Tag frisch koche, ist der Balkon also immer bei mir. Ich hole mir dort dann frische Kräuter, Gurken oder Tomaten in die Küche.

Klingt gut! Generell betonst Du ja immer wieder, dass Dein Balkon und Dein Garten schön und nützlich sein sollen. Gibt es trotzdem auch Pflanzen bei Dir, die Du „nur“ wegen der Optik züchtest? 

Klar, auch ich brauche ein paar Pflanzen, die einfach nur hübsch aussehen so wie der Oleander oder die Hortensie.

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In Deinem aktuellen Buch finden wir auch tolle Rezepte, DIYs und Co. Woher kommen Deine Ideen dafür?

Gute Frage! (Überlegt) Es ist meist so, dass sie genau dann kommen, wenn ich nicht daran denke sondern im Urlaub bin oder im Garten in der Hängematte liege. Außerdem ist es auch so, dass ich eigentlich schon seit Jahren durch Zeitschriften, Bücher und Blogs stöbere –  da finde ich natürlich auch jede Menge Inspiration und Anregungen.

Ja? Wo zum Beispiel?

Also mein Lieblingsblog ist zum Beispiel Ein Schweizer Garten.

Welcher ist der beste Gärtner-Rat, den Du selbst jemals bekommen hast?

Einfach machen! Gerade beim Gemüseanbau sollte man sich einfach trauen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen wahnsinnig großen Respekt vor Gärtnern haben. Aber was soll denn schon passieren? Wenn es nicht klappt, dann versucht man es eben einfach noch Mal.

Stimmt! Und bei Dir sieht’s eigentlich immer ziemlich gut aus. Generell hast Du ganz offensichtlich ja einen hohen Sinn für Ästhetik – wie ausgeprägt ist darüber hinaus Dein Sinn für Nachhaltigkeit?

Diese Frage hat mich in den letzten Tagen stark begleitet. Meine Kindheit habe ich, wie gesagt, wie die Kinder aus Bullerbü verbracht – und das hat meinen Sinn für Umweltschutz stark geprägt. Wir Kinder haben damals einen Umweltclub gegründet, wo wir Müll gemeinsam aus dem Bach gesammelt haben. Meine Familie war noch nie verschwenderisch, es gab bei uns kaum Plastikmüll. Und meine Oma hatte noch bis Anfang der Neunzigerjahre einen kleinen Bauernhof mit Hühnern, Schweinen, Kühen und selbst gemachtem Heu. All diese Erinnerungen und die damit verbundenen Erfahrungen haben mich stark geprägt. Und jetzt, wo ich erwachsen bin, versuche ich Vieles so gut wie möglich zu übernehmen.

Es gab eine Zeit, da war ich bei Greenpeace sehr engagiert und habe meine Lebensmittel aus dem Müllcontainer geholt. Das mache ich so jetzt nicht mehr. Aber ich habe immer einen Jutebeutel in der Handtasche, versuche so gut es geht auf Plastik zu verzichten, bepflanzen Garten und Balkon nicht ständig neu, sondern wähle die Bepflanzung möglichst langlebig aus. Es gibt viele kleine Dinge, auf die ich achte. Damit will ich sagen, dass ich im Alltag wirklich versuche, nachhaltig zu sein so gut es mir möglich ist. Das gelingt manchmal besser und manchmal schlechter…

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Wie bei jedem! Wir finden das normal und völlig ok. Liebe Silvia, hast Du zum Abschluss noch einen Lieblings-Tip für den Garten oder Stadtbalkon, den Du an alle VV-Leser weitergeben magst? 

Sich das ganze Jahr über Zutaten für einen Tee zu sammeln. Ab dem Frühling kann man loslegen und dann hat man im Winter eine leckere Erinnerung an das vergangene Gartenjahr.

Vielen Dank für das schöne Gespräch, Du Super-Gartenfräulein.

Silvia Appels aktuelles Buch „Mein kreativer Stadtbalkon – das Journal“ gibt’s inklusive Autogramm direkt in ihrem Shop.

FOTOS: Marcus Werner

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