Wie viel Geld geben Unternehmen eigentlich für Werbung und Marketing aus? Wie viele Menschen arbeiten täglich daran, die Brand zu stärken und sich gegen all den Noise da draußen durchzusetzen? Wieviele Kampagnen wurden schon produziert, die dann doch nur überblättert oder mit einem guten Ad-Blocker nicht mal angezeigt werden? Dass Marketing für jedes Unternehmen wichtig ist, ist klar. Die entscheidende Frage in einer Welt des Informations-Overkills ist jedoch, welche Message diese Werbung hat.

Und genau hier tut sich zurzeit einiges. Das aktuellste Beispiel ist das von Jerome Jarre, der auf Twitter die Fluggesellschaft Turkish Airlines dazu auffordert Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, um Hilfsgüter in das vom Hunger bedrohte Somalia zu schicken.

Auf diesen ersten Tweet springt der amerikanische YouTuber Casey Neistat mit seinen 6,7 Millionen Followern auf und zusammen schaffen sie es tatsächlich, Turkish Airlines dazu zu bewegen, die Flugzeuge bereitzustellen. Daraus entsteht eine Win Win Win Situation für drei Seiten. An aller erster Stelle natürlich für die hungernden Menschen Afrikas, an zweiter Stelle für die engagierten Campaigner, aber an dritter Stelle vor allem auch für Turkish Airlines, die durch diese Aktion weltweite positive, und bis auf die zur Verfügung gestellten Flugzeuge, kostenlose Publicity erhält. Das Bild der Airline ist für viele Menschen von nun an positiv besetzt. Deswegen nennen wir diese Art von PR einfach mal PR+ .

PR+ ist das neue Viral könnte man sagen. Zwar ist #turkishairlineshelpsomalia natürlich ein sehr großes Projekt, aber das Potenzial, welches PR+ in sich trägt, lässt sich auf alle Lebensbereiche anwenden. Es geht um eine neue Form von Aktionismus, die viel mehr unserer Zeit entspricht, als bloße bunte und inhaltslose Werbung. Es geht darum, dass Unternehmen nach den vielen Jahren des Neoliberalismus wieder lernen zurückzugeben. Es geht darum zu zeigen, dass Unternehmen nicht nur an großen Gewinnen interessiert sind, sondern aktiver Teil einer lebenswerten Gesellschaft sein wollen. Das Ziel sollte sein, einen positiven Impact zu erzeugen und damit das Vertrauen in große Unternehmen zurückzugewinnen – denn das ist etwas, was in den letzten 30 Jahren vollkommen verloren gegangen ist.

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Dass PR+ dabei auch schon im Kleinen funktioniert, zeigt zurzeit die Supermarktkette REWE, die erst bekannt gibt, auf Plastiktüten zu verzichten und nun auch noch eine neue Lichttechnik anwendet, um Bio-Lebensmittel nicht mehr in Plastik einpacken zu müssen. Die positiven Reaktionen in den Medien und bei den Verbrauchern auf diesen relativ kleinen Schritt ließen nicht lange auf sich warten. REWE hat sich damit als vor- und mitdenkendes Unternehmen positioniert und das Marken-Image wurde positiv beeinflusst.

PR+ ist die Antwort auf immer aufgeklärtere und kritische Verbraucher, die von einem Unternehmen mehr wollen, als bloß deren Produkte kaufen. Sie wollen diese Produkte aus Überzeugung kaufen. Sie wollen mit diesem Kauf etwas ausdrücken, etwas unterstützen und etwas beitragen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn die Unternehmen lernen an die Community zurückzugeben. Die Marketing-Budgets dafür sind im Überfluss da, könnten jedoch wesentlich nützlicher und nachhaltiger genutzt werden.

Noch effektiver wäre das generelle Überdenken von Herstellungsprozessen und Produktionsbedingungen. Mehr Geld und Urlaubstage für Näherinnen in Bangladesch, weniger Chemie in unseren Klamotten, Finanzierung der Säuberung der Meere von Plastik, der Bau von Radwegen, der Verzicht auf Plastikverpackungen, die Umstellung der Produktion auf erneuerbare Energien, Unterkünfte für Geflüchtete – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

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Das alles ist nichts wirklich Neues, sondern seit Langem als Gemeinwesenökonomie bekannt. Das lokale Berliner Kiezbier Quartiermeister arbeitet zum Beispiel so und investiert einen Teil seines Gewinnes zurück in soziale Projekte. Neu und wesentlich effektiver wäre es jedoch, wenn endlich auch große Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht werden würden und dabei helfen, gute Projekte und Aktivisten zu fördern und ihre Arbeit mit relevanten Budgets zu unterstützen. Von uns aus darf die neue urbane Farm, dann auch mit einem Adidas-Logo gebrandet sein.

3 Kommentare

  1. Richtig schlauer Beitrag! Für solche PR+ Strategien und Maßnahmen würde ich gerne arbeiten – aktuell zweifel ich nämlich ganz stark daran, ob ich nach meinem Forschungsprojekt in meiner eigentliche studierte Profession arbeiten möchte…

    • Marcus Werner

      Hey Julia, vielen Dank. Ich hoffe, dass das Modell Zukunft hat. Irgendwie liegt es ja auch an uns die Unternehmen in diese Richtung zu pushen und zu beraten. Let’s just do it 😉

  2. Toller Beitrag! Ich habe viele PR Kampagnen betreut, wo ich dachte blaaaa, oder Kampagnen betreut, bei denen Unternehmen plötzlich einen auf Charity machen, also ein bisschen Richtung Greenwashing. Ein schmaler Grad, aber ja, es wird Zeit, dass Unternehmen zurück geben!

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