Ist ja kein Geheimnis: Wir sind Sneakerfans. Immer gewesen, immer gekauft – und irgendwann bewusst umgestiegen. Auf weniger Konsum und auf Schuhe, die nicht nur mit gutem Style-Gewissen, sondern auch mit Hang zu Nachhaltigkeitsidealen gut getragen werden können. Von Veja zum Beispiel. Die Top-Turnschuhe der französischen Brand sind ein Statement an unseren Füßen. Und das setzen wir gern! Nachdem VIERTEL \ VOR letztes Jahr schon Sébastien Kopp zur fairen Herstellung der Sneaker in Brasilien begleiten durften, konnten wir jetzt auch den zweiten Co-Founder des Labels kennen lernen. Auf der Berliner Modemesse Seek haben wir mit FrançoisGhislain Morillion über die Zukunft der Eco-Fashion, Transparenz und, im wahrsten Sinne des Wortes, eine faire Preispolitik gesprochen:  

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Vor gut zehn Jahren hat Ghislain, 38, VEJA zusammen mit seinem besten Freund Sebastién gegründet – um zu beweisen, dass man Turnschuhe auch fair herstellen kann

Lieber Ghislain, warum präsentiert ihr euch auf der Seek – und nicht im Green Showroom oder auf der Ethical Fashion Show?

Wir haben Veja mit dem Ziel gegründet, Fairfashion auf die Straße und auf den konventionellen Modemarkt zu bringen, in die ganz normalen Sneakershops. Wir wollten den Leuten eine Option bieten. Die Option sich für das bessere Produkt zu entscheiden. Hier auf der Seek kommen die Slowfashion interessierten Einkäufer – und auch noch alle anderen.

Wieso ist euch das so wichtig?

Weil wir uns als Fashionbrand verstehen. Die Segmentierung nach Fairfashion und konventioneller Mode mögen wir persönlich nicht so sehr. Unserer Meinung nach müssen Menschen bestenfalls die Marke kennen- und schätzen lernen – und dann erst realisieren, dass die Brand ethical oder green ist. Meiner Meinung nach läuft der erste Kontakt immer über den Style. Nicht über die Überlegung, ob ein Schuh oder ein Kleidungsstück ein Slowfashion-Piece.

Das denken wir auch. Und wahrscheinlich ist es idealistisch zu glauben, dass die breite Masse losgeht und sagt: Ok, ich suche ausschließlich Fairfashion. Aber ist es deshalb auch unrealistisch, sich über den grünen, ethischen Aspekt zu verkaufen, wenn man im Mainstream ankommen will?

Nicht zwangsläufig. Ich denke, es ist die Mischung. Gerade in Deutschland gibt es einige schöne Eco-Shops, die teilweise besser aussehen als manch ein normaler Laden in Frankreich. (schmunzelt) Zu Glore beispielsweise könnte man auch gehen, ohne zu wissen, dass es kein konventionelles Geschäft ist. Generell sind wir sehr glücklich darüber, mit Veja in beiden Welten stattzufinden.

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Siehst du Veja als Vorreiter auf dem Beide-Welten-Gebiet?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich denke, dass es noch weitere gute Beispiel-Brands gibt.

Und glaubst du, dass faire und vor allem transparente Herstellung langsam aber sicher zur Pflicht für alle, auch die konventionellen Marken, wird, weil die Kunden das zunehmend nachfragen werden?

Da bin ich sicher, ja. Transparenz ist die Zukunft. Eigentlich ist sie sogar schon da. Nicht nur in der Mode, auch beim Essen, in der Autoindustrie. Überall! Ich meine, fast jeder hat heute ein Smartphone. Wenn in irgendeiner Fabrik in Asien schlimmste Arbeitsverhältnisse herrschen, dann wird das früher oder später jemand dokumentieren – und auch nachweisen können, welche Brand dafür verantwortlich ist…

„Wir erwarten noch nicht von allen unseren Kunden, dass sie allein unserem Urteil vertrauen“

Kann Transparenz Siegel ersetzen?

Eher ergänzen. Wir bei Veja arbeiten mit Biobaumwolle und wir wollen auch explizit, dass diese zertifiziert wird. Obwohl wir regelmäßig an unsere Produktionsorte reisen und obwohl wir unseren Herstellern vertrauen, nutzen wir bewusst auch dieses externe Auge auf alles. Außerdem erwarten wir noch nicht von unseren Kunden, dass sie allein unserem Urteil vertrauen. Wir wollen ihnen bewusst mehr bieten. Für uns stellt sich eher die Frage: Wie weit sollte man mit der Zertifizierung gehen?

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Heißt?

Unsere Baumwolle ist zertifiziert. Die Farbe, mit der wir sie behandeln, wiederum nicht. Das ist auch eine Entscheidung, die wir anhand des Preises treffen, treffen müssen! Jede Zertifizierung kostet. Deshalb mussten wir irgendwo aufhören. Zumindest zunächst! Je größer wir werden, desto mehr Siegel wollen wir unseren Schuhen ausstellen lassen. Bis dahin halten wir uns an die Auflagen von Reach, erlassen von der Europäischen Union, die auch schon sehr streng sind. Viele andere Marken umgehen diese Richtlinien.

Wie können sie das?

Indem sie einfach erst gar nicht erwähnen, dass sie danach herstellen.

Puh! Das ist einfach.

Ja, leider. Wir selbst machen die entsprechenden Tests in unserem Herstellungsland Brasilien regelmäßig. Und es gab noch nie Probleme. Denn im Gegensatz zu vielen asiatischen Ländern wird dort auch für andere Marken quasi generell nicht oder nur in Ausnahmefällen mit ganz harten Chemikalien, wie beispielsweise Chrom 6, gearbeitet.

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Wie gerbt Ihr Euer Leder aktuell?

Das ist eine Frage, mit der wir uns aufgrund des deutschen Marktes 2016 besonders intensiv beschäftigt haben, weil von dort aus intensive Nachfragen kamen, nach dem wir wieder lowchrome gegerbtes Leder in unsere Kollektion aufgenommen hatten. Ich fand das sehr gut, vor allem, dass die Konsumenten hier offenbar noch reifer und reflektierter sind, als in anderen Ländern.

„Wer noch umweltfreundlichere Sneaker haben will, muss dafür etwas mehr bezahlen“

Und welche ist eure Antwort?

Wir haben die Kollektion jetzt in zwei Teile gesplittet. Alle Modelle mit dem Beinamen Bastille sind ab sofort komplett aus pflanzlich gegerbtem Leder. Wer das möchte, kann es haben, muss dafür allerdings etwas mehr bezahlen. Das Modell Esplar beispielsweise kostet in der lowchrome geerbten Version 100 Euro, in der pflanzlich behandelten Version 150 Euro. Du bezahlst das, was du kriegst.

Und gibt es schon Erfahrungswerte? Sind die Kunden bereit für umweltfreundlichere Qualität mehr auszugeben?

Dafür ist die Aufteilung noch zu frisch. In der Vergangenheit haben wir schon mal mit teuren pflanzlichen Farben, wie beispielsweise Indigo, für Stoffe experimentiert. Damals war unser Learning: Nein, sie waren es nicht. Mittlerweile und vor allem in Bezug auf Leder und auch wegen der gezielten Nachfrage gehen wir davon aus, dass mittlerweile viele bereit für höhere Kosten zu Gunsten des besseren Produkts bereit sind. Wir werden es herausfinden!

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Glaubst du, dass ein Fortschritt in Sachen grünere, fairere Herstellung in der Mode generell von zwei Seiten kommen muss: Von der Marke, die das anbietet – und vom Konsumenten, der bereit ist dafür zu bezahlen?

Ja, das ist immer ein Abtausch. Und dabei sollte man als Marke versuchen, sich auszuprobieren und gleichzeitig nah am Kunden zu bleiben – wenn’s sein muss jede Saison von Neuem.

Eure Preise sind mit konventionellen Sneakern absolut vergleichbar. Welches Feedback bekommt ihr dazu generell von euren Kunden?

Fakt ist, dass wir sogar günstiger sind als die meisten unserer Konkurrenten wie Nike oder adidas, die gar nichts oder nur wenig für Nachhaltigkeit tun. Wir halten unsere Preise für angemessen. Und sie sind immer dem Material angepasst. Canvas ist günstiger als Leder. Generell möchten wir, dass der Preis die Herstellung des Schuhs reflektiert. Das Kundenfeedback dazu ist positiv.

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Wie oft bist du selbst in Brasilien, um die Herstellung zu prüfen?

Alle sechs Wochen.

Das ist oft!

(lacht) Ja! Hängt allerdings auch ein bisschen damit zusammen, das ich so gern dort bin…

Verständlich! Und welchen Verpflichtungen gehst du vor Ort nach?

Ich besuche die Mitarbeiter in unserem Office in Puerto Hamburgo, schaue, ob es allen gut geht, kümmere mich auch von dort aus ganz normal ums Business und mache in Brasilien ähnliche Sales-Termine wie in Europa und solche Sachen. Ein bis zwei Mal pro Jahr reise ich außerdem ins Amazonasgebiet, wo das wilde Gummi für unsere Solen geerntet wird. Und vielleicht werde ich demnächst sogar noch öfter da sein. Denn wir planen ein spezielles Projekt…
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Oh, klingt spannend! Ist es schon spruchreif?

Sonst hätte ich’s nicht erwähnt! Wir werden dort ein Pflanzprojekt starten. Das wird etwas ganz Neues und für uns eine Art Experiment, das wir mit einer der Rubber-Tapper-Familien umsetzen, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen wir ein Hektar Regenwald wieder aufforsten, das zugunsten der Rinderhaltung abgeholzt worden ist. Wir gehen das Ganze an wie eine Baumschule. Bis die Bäume groß sind, wird es acht Jahre dauern. Im Sinne der Mischkultur sollen neben Rubber-Trees auch Obstbäume und andere Lebensmittelpflanzen angebaut werden. Und: Baumwolle.

„Aktuell beginnen wir eine Art Exchange-Programm zwischen unseren Experten für Baumwolle im Norden und den Rubber Tappers im Süden Brasiliens“

Was? Geht das in der selben Region, mitten im Regenwald?

Ja! Es ist verrückt! Bisher nutzen wir die Baumwolle von Farmern in der nördlichen Region Ceará. Vor einiger Zeit habe ich aber raus gefunden, dass hinter der Grenze zu Peru auch in der Amazonasregion Baumwolle gezüchtet wird. Das war wie ein neues Eldorado! Ich fragte unsere Partner-Familien in der Gegend, ob es auch in Brasilien Baumwolle im Regenwald gibt und die sagten ganz cool: klar. Aber sie pflanzen sie nicht als Business, das machen vor allem die Frauen hauptsächlich als Dekoration oder manchmal als Material zum Saubermachen. Und ich dachte oh mein Gott! Wir hätten das auch schon zehn Jahre früher zur Gründung von Veja machen können! Dann wären unsere eigenen Bäume jetzt auch schon groß. Naja, vielleicht ist aber auch jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür. Aktuell beginnen wir eine Art Exchange-Programm zwischen unseren Experten für Baumwolle im Norden und den Rubber Tappers im Süden Brasiliens.

Wie sehr genießt du die Möglichkeit, so etwas tun zu können?

Sehr sehr. Es ist ein unbeschreiblich schöner Job – in all seinen Facetten.

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FOTOS: Marcus Werner

Ein Kommentar

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