Kann sich noch jemand an die Zeit erinnern, als wir unsere Handyhüllen einfach öffnen konnten – und es mit nur einem Handgriff möglich war den Akku selbst zu wechseln? Ist noch gar nicht so lange her. Und fühlt sich doch so an, als wär’s in einem anderen Jahrtausend gewesen. Schließlich haben wir uns (fast) alle ziemlich schnell an unsere Smartphones gewöhnt. Und mit ihrer Markteinführung vor 9 Jahren wurden die Geräte so kompakt und so dicht wie möglich gemacht. Heißt: Geht mal was kaputt, dann hat der Benutzer so gut wie keine Chance auch nur die kleinsten Reparatureingriffe selbst vorzunehmen.

Das führt dazu, dass bei einer Lappalie, wie beispielsweise einem leistungsschwachen Akku, eher ein komplett neues Gerät gekauft wird, als einfach nur einen neuen Akku einzusetzen. Für die Hersteller macht das Sinn. Schließlich bestimmt sich ihr Aktienwert durch die Verkaufszahlen von ganzen Telefonen und nicht durch den einzelner Akkus. Für die Umwelt ist es aber natürlich ein Killer, wenn ein elektronisches Gerät bestenfalls zwei Jahre hält, bevor es entsorgt wird.

Zum Glück gibt es einen niederländischen Smartphoneanbieter, der angetreten ist, um gegen den Wegwerftrend anzugehen: Fairphone. Das aktuelle Fairphone 2 ist ein modulares Gerät, bei dem sich alle Teile einfach einzeln austauschen lassen, wenn was kaputt geht. Und auch, wenn es mal was Besseres gibt. So plant der Anbieter statt einem ganzen Fairphone 3 für die Zukunft zum Beispiel erstmal nur an einer leistungsstärkeren Kamera. Für diese Einstellung und die ebenso nachhaltige wie faire Fertigung wurde Fairphone gerade als erstes Smartphone überhaupt mit dem Umweltsiegel „Der Blaue Engel“ ausgezeichnet. In Berlin haben wir mit Co-Founder und Produkt Manager Miquel Ballester gesprochen:

 

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Fairphone Co-Founder Miquel Ballester nach unserem Interview in Berlin

Warum ist es für Dich so spannend eine neue Form des Smartphones mit zu entwickeln?

Ich finde das Smartphone hat als Produkt eine enorme Kraft, weil es wirklich nah am Nutzer ist. Wir können heute kaum noch ohne Smartphone leben. Gleichzeitig haben wir es mit einem sehr komplexen Produkt zu tun: Für so ein Smartphone werden Materialien aus der ganzen Welt verarbeitet und hunderte von Firmen sind in die Produktion und Zulieferung eingebunden. Wir designen das Gerät – und bringen all diese Firmen zusammen.

Was hat sich zwischen Fairphone 1 und 2 verändert?

Mit dem Fairphone 1 haben wir uns vor allem nachhaltigen Themen angenommen, zum Beispiel der Herkunft der Materialien oder der Wertschöpfungskette. Aus Designsicht handelte es sich aber um ein ziemlich normales Standard-Smartphone. Mit dem Fairphone 2 haben wir dies geändert und es für den Nutzer so einfach wie möglich gemacht, sein Fairphone selbst zu reparieren oder Teile auszutauschen. Jetzt kann jeder seinen Screen innerhalb von Sekunden wechseln. Dadurch bekommt man das Gefühl von Kontrolle wieder zurück.

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Ist es den Käufern des Fairphones darüber hinaus auch wichtig ist, mit ihrem Gerät ein Statement zu setzen?

Ich denke, dass jeder mit seinem Telefon ein Statement setzen möchte. Deswegen haben wir neben neuen farbigen Varianten auch eine transparente Hülle entwickelt. Zu zeigen, wie ein Smartphone von innen aussieht, ist heute fast ein radikaler Schritt, aber entspricht gleichzeitig unserer transparenten Philosophie. Das Fairphone 2 ist das erste Smartphone, was wirklich dafür gemacht ist, hineinzuschauen. Andere Firmen wollen das lieber verhindern. Aber wenn man ein Smartphone herstellen möchte, dass man selbst reparieren kann, dann muss man auch das Innenleben entsprechend designen. Wir verwenden dafür ein Farbsystem, das dem Nutzern bei der Orientierung hilft und zeigt, welche Teile ausgetauscht werden können. Wenn man das Telefon öffnet kann man innen eine kleine Nachricht lesen. Die lautet: „Yours to open, yours to keep.“

Glaubst Du, dass Transparenz eine neue sinnige Form ist, Konsumenten zu erreichen?

Transparenz wird zunehmend wichtig, aber es ist auch jede Menge Arbeit. Man muss oft komplexe Dinge so aufarbeiten, dass sie für andere Leute verständlich sind. Gleichzeitig ist es sehr schwierig transparent zu sein, wenn man als Unternehmen einen traditionellen Blick auf die Wirtschaft hat, der Konkurrenz und nicht Kollaboration als Grundlage nimmt. Viele Unternehmen wollen ihre Bücher gar nicht öffnen oder mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Allein für unseren Vibrations-Mechanismus haben wir in unserer Wertschöpfungskette auf fünf Ebenen über 20 Komponenten aus verschiedenen Unternehmen. Ihr seht also: Nur für dieses kleine Teil ist die Kette schon überaus komplex.

Und warum machen es andere Firmen ihren Nutzern so schwer, Produkte zu reparieren?

Dafür gibt es keine einfache Antwort. Man muss immer schauen, was das Ziel dieser Firmen ist. Wenn das Ziel lautet, das Gerät immer dünner zu machen, spricht das gegen die Möglichkeit es reparieren zu können. Wenn ein Gerät jedes Jahr ein neues Special haben soll, muss man das Gerät so designen, dass die Nutzer das Alte nächstes Jahr nicht mehr haben wollen und sich ein neues kaufen. Es kommt also wirklich auf das jeweilige Business Modell an. Viele Anbieter konkurrieren in einem Wirtschaftssystem, dass zum Kaufen, Wegwerfen und Neukaufen geschaffen wurde. Wir bei Fairphone haben ein anderes Verständnis davon, wo wir mit unser Wirtschaft hin müssen.

Und wo müssen wir hin?

Wir brauchen eine sinngerichtetere Wirtschaft. Zur Zeit geht es viel mehr um die Maximierung von Profiten, egal wie.  Wir bei Fairphone bezahlen in den Niederlanden zum Beispiel die normale Unternehmenssteuer von 25 Prozent. Apples Steuersatz in Irland liegt bei 0,005 Prozent. Die Frage die wir stellen müssen ist: Warum will Irland sein Geld nicht zurück? Wie wollen wir all die Schulen, Krankenhäuser oder öffentliche Infrastruktur finanzieren? Wenn man multinationale Unternehmen als Money Making Machines versteht, machen sie einen sehr guten Job – sie bezahlen geringe Steuern, sie produzieren so günstig wie möglich und verkaufen so teuer, wie möglich. Sie sind also im Sinne unseres Wirtschaftssystems sehr erfolgreich. Die Frage ist: Wollen wir dieses System oder eine neue Form der Wirtschaft?

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Ein bisschen schlanker mit abgerundeten Ecken: Die neue Hülle gibt’s seit Kurzem in vier Farben

Google hat mit dem Project Ara auch an einem modularen Telefon gearbeitet*. Machen die das, weil sie auch etwas verändern wollen oder hälst Du das für reines Business?

Aus einer technischen Perspektive ist es toll, was sie da versuchen. Für mich als Industrie-Designer stellt sich aber die Frage, an welche Stelle man Modularität im Produktdesign setzt. Für uns bei Fairphone geht es vor allem darum das Gerät einfach reparieren zu können und es auf einem relevanten technischen Stand zu halten. Wir brauchen keine Unmenge an Individualisierungs-Optionen. Das würde dann eher wieder dazu führen, dass mehr Elektronik gekauft wird. Beim Fairphone 2 haben wir eine Erweiterungsmöglichkeit eingebaut. Wenn sich zum Beispiel in einem Jahr NFC zum Bezahlen durchsetzt, können wir einen einzelnen NFC Chip anbieten und ihn einfach mit dem bestehenden Telefon verbinden.

Muss man ein Teil des Wirtschaftssystems sein, um etwas zu verändern?

Ich glaube es ist schwierig erfolgreich zu sein, wenn man nicht Teil des Systems ist. Als NGO kann man nur den Finger heben oder darüber sprechen, was falsch läuft. Wenn Du aber in der Mitte des Systems sitzt kann man wirklich viel verändern.  Aus dem System heraus kann man Menschen meiner Meinung nach einfacher erreichen und ihr Verhalten hinsichtlich Ökologie, Konsum und Sozialem beeinflussen. Letztlich brauchen wir eine funktionierende Wirtschaft und wir bei Fairphone versuchen Schritt für Schritt ein besseres System zu etablieren.

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Ausgezeichnet: Von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat das deutsche Fairphone-Team das Zertifikat „Der Blaue Engel“ überreicht bekommen

Für alle, die jetzt sofort ein Fairphone wollen: Das Gerät gibt’s mittlerweile auch mit Vertrag bei 1&1.

 

*Google hat das Project Ara vor kurzem eingestellt.

 

FOTOS: Anna Schunck, Fairphone, Muxmäuschenwild

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