Nachhaltigkeit kann man in vielen kleinen Schritten angehen. Oder man kämpft an vorderster Front – und greift die Großen direkt und mit ihren eigenen Mitteln an. Das ist zwar oft wenig sexy, cool oder visuell ansprechend, dafür aber umso effektiver. Die Divestment-Bewegung gehört seit ein paar Jahren zur wichtigsten Speerspitze derjenigen, die den Klimawandel aktiv aufhalten wollen. Und feiert kontinuierlich Erfolge gegen dessen wirklichen Verursacher: die Industrie der fossilen Brennstoffe. In Berlin hat die Bewegung unter dem Namen Fossil Free Berlin gerade dafür gesorgt, dass die Hauptstadt ihr gesamtes Aktienportfolio klimaneutral ausrichtet. Wir haben Mitstreiter Mathias von Gemmingen gefragt, wie Divestment funktioniert.

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Mathias, was ist Divestment?

Divestment ist das Gegenteil einer Investition. Das bedeutet, dass man Geld von Unternehmen abzieht, weil man nicht mehr mit dem Geschäftsmodell einverstanden ist. Denken wir an Waffenproduzenten, an die Tabakindustrie oder an Kinderarbeit. Da nicken wir alle selbstverständlich und sagen: „Na klar, damit sollten wir lieber kein Geld verdienen“. Zu diesen inakzeptablen Geschäften müssen wir jetzt auch Kohle, Öl und Gas zählen, weil sie das Klima zerstören.

Klar.

Divestment ist ein starkes Instrument, mit dem Investoren, Politiker und Konsumenten eine neue Art von klimafreundlicher Wirtschaft stärken können, die wir uns in Zukunft wünschen.

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Und wie beeinflusst das die Wirtschaft?

Divestment lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unternehmen der fossilen Brennstoffe-sprich Kohle, Öl und Gas- , die den größten Teil der Treibhausgase produzieren, der unseren Planeten aufheizt und für den Klimawandel mit all seinen gefährlichen Folgen sorgt. Indem wir öffentlich dazu aufrufen, das Geld aus diesen Industrien abzuziehen, setzen wir die Unternehmen und ihre Geldgeber unter enormen Druck. Durch Divestment verändert sich also das Nachdenken darüber, was unser Geld bewirkt – und es verändert auch die Stimmung.

Was heißt das genau?

Es gibt auf der ganzen Welt schon 500 erfolgreiche Divestment-Kampagnen, bei denen große Anleger und Institutionen öffentlich Ja zu Divestment und Nein zu Kohle, Öl und Gas gesagt haben. Dadurch wird Unternehmen wie RWE, Total, Eon und Co. die soziale Akzeptanz entzogen. Die Stimmung kippt gegen sie. Weltweit sind sehr viele Menschen nicht mehr damit einverstanden, dass Profite auf Kosten des Klimas gemacht werden. Dieser Entzug der sozialen Akzeptanz ist die eigentliche Kraft, die aus Divestment kommt. Das ist etwas, was sich die alten Energiekonzerne nicht mehr mit Geld zurückkaufen können.

Und Divestment hat auch einen Effekt auf Politiker. Die Kampagne, die wir mit Fossil Free geführt haben, hat in Berlin eine öffentliche und parlamentarische Diskussion über 500 Tage in Gang gesetzt. Am Anfang unserer Arbeit hat kein Politiker darüber gesprochen, die meisten hatten das Thema ignoriert oder kleingeredet. 500 Tage und sehr viele Fossil-Free-Aktionen später gab es ein fast einstimmiges Votum im Berliner Parlament: 149 Politiker aus fünf verschiedenen Parteien waren sich einig und sagten Ja zu Divestment.

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Sind 100 Prozent erneuerbare Energie eigentlich realistisch oder ein Traum?

Wir haben gar keine andere Chance, als aus diesem Traum Wirklichkeit zu machen. Denn wenn die Alternative heißt, dass wir unsere Energie weiter so klimazerstörend produzieren wie bisher, dann heizen sich unsere Erde, unsere Meere und die Atmosphäre so sehr auf, dass viele Lebewesen, inklusive uns Menschen, das nicht überleben werden.

Bevor in Deutschland das Wort Energiewende erfunden wurde, haben die Vertreter der alten Energiekonzerne behauptet, dass es technisch unmöglich wäre mehr als vier Prozent erneuerbare Energie zu produzieren. Behauptet wurde, dass die Netze nicht ausreichen oder die Erzeugungsschwankungen bei Sonne und Wind zu groß seien. Heute wissen wir, dass das Quatsch ist. Das hätten sie gern gehabt, dass Erneuerbare so schön klein bleiben! Wir beziehen in Deutschland aber jetzt schon ein Drittel unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. An manchen Tagen produziert Deutschland damit fast schon 100 Prozent des Stroms und muß ihn in Nachbarländer verkaufen, weil wir ihn gar nicht so schnell konsumieren können. Das liegt vor allem an den alten, rund um die Uhr laufenden Kohlekraftwerken, die die alten Konzerne auf gar keinen Fall abschalten wollen, solange sich damit Geld machen lässt

Brauchen wir als Backup nicht trotzdem Kohlekraftwerke um auch bei schlechtem Wetter genügend Energie zu haben?

Was nicht funktioniert, ist, dass wir jetzt auf den roten Knopf drücken und alle auf einmal ausschalten. Wenn wir die Kraftwerke aber mit einem Kohleausstiegsplan nacheinander abschalten würden, dann würde der Anteil an erneuerbaren Energien sofort und stark weiter ansteigen. Und nach allem was ich weiß, sind unsere Stromnetze auch heute schon groß genug – sie sind nur von Kohlestrom verstopft. Das Argument, dass nachts keine Sonne scheint, und dass Wind nicht immer und überall weht, ist ja klar. Was die Kritiker aber immer ausblenden, sind die Speichertechnologien, die wir auch heute schon haben und die ständig verbessert werden – wenn das Geld umgeschichtet wird und wenn die Entscheider nur wollen.

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Warum wird die Energiewende nicht konsequenter vorangetrieben?

Die Profiteure der alten Industrien beharren darauf, ihre alte Technik zu schützen beziehungsweiseden Tod überholter Geschäftsmodelle möglichst lange hinauszuzögern. Wenn man die gedanklichen Bremsklötze aus dem Weg räumt, dann wird sich die positive Entwicklung in die richtige Richtung noch sehr beschleunigen. Ja, das wird nicht billig, aber das Geld ist da! Unsere Regierung, Städte, Kommunen, Banken, Versicherungen und Großanlegerinvestieren immer noch Millionen- und Milliardenbeträge in die falschen, alten Technologien fossiler Brennstoffe. Wenn wir so weiter machen, fehlt natürlich das Geld auf der anderen Seite, um in Richtung der 100 Prozent Erneuerbaren zu gehen und Speichertechniken weiter zu entwickeln.

Habt Ihr Empfehlungen in welche Unternehmen man investieren kann?

Wir sind keine Finanzexperten und geben daher keine Empfehlungen für Investitionsziele ab. Aber der erste Schritt ist wichtig: Das Geld muß aus Kohle, Öl und Gas abgezogen werden, darf keinen Schaden mehr anrichten. Wir bei Fossil Free Berlin verstehen unsere Rolle eher als das Gewissen der Politik in Berlin. Wir wollen die Beschleuniger sein, die dafür sorgen, dass die Diskussion in die richtige Richtung geht und vermitteln externe Finanzexperten aus unserem Netzwerk an die entsprechenden Entscheider, wenn sie das wollen

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Ihr habt gerade in Berlin einen riesigen Erfolg gelandet und dafür gesorgt, dass Berlin in Zukunft „fossilfrei“ werden kann. Wie sind die nächsten Schritte?

Ganz aktuell sucht der Finanzsenator von Berlin, Dr. Kollatz-Ahnen, nach Beratern und Institutionen, die dem Land Berlin helfen, das Aktienportfolio umzuschichten und klimaneutral zu machen. Bis Ende des Jahres 2016 soll ein Aktienindex gebildet werden, der fossilfrei, atomfrei und kriegswaffenfrei ist. Er steht ab 2017 nicht nur dem Land Berlin zur Verfügung, sondern über die Bundesbank jeder Stadt, jeder Kommune und jedem Bundesland, das in Deutschland darauf zugreifen will. Es klingt so, als wolle sich der Finanzsenator von Berlin an die Spitze der Divestment-Bewegung setzen, indem er die Idee ethischer und klimafreundlicher Investitionen sogar noch weiter entwickelt. Unsere Aufgabe ist es, jeden Schritt der Finanzverwaltung genau zu beobachten, damit aus einem Versprechen eine Lösung wird.

Was kann denn der Einzelne zum Divestment beitragen?

Der direkteste Weg ist, sich einer Divestment-Gruppe anzuschließen. Es gibt in Deutschland über 20 regionale Fossil-Free-Gruppen, und es werden weitere gegründet. Jedes Talent, das man mitbringt, wird gebraucht! Demos organisieren, Plakate gestalten, Zahlen und Fakten recherchieren, starke Bilder für Social Media fotografieren, Pressemeldungen schreiben, Menschen mobilisieren…. Falls man nicht in Berlin lebt, ist das kein Problem. Es gibt über 500 Kampagnengruppen auf allen Kontinenten. Sie alle fordern vor Ort Divestment ein und freuen sich über UnterstützerInnen.

Für Leute, die keine Zeit für regelmäßiges Engagement haben und trotzdem etwas beisteuern wollen, empfehle ich die Website www.was-macht-mein-geld.de. Das ist eine Plattform für Berufstätige und Versicherte aus bestimmten Branchen, die bei ihren Rentenversicherungen nachhaken wollen, wo denn eigentlich ihre Rentenbeiträge angelegt sind. Denn auch viele Versicherungen investieren einen Teil des Geldes z.B. in gemischte Aktienfonds und damit oft in die klimaschädlichen fossilen Energien. Auf dieser Plattform läuft im Moment eine Kampagne für Journalisten und Medienschaffende, die mit ein paar Klicks eine E-Mail an das „Deutsche Presseversorgungswerk“ abschicken können. Sie landet direkt bei den Verantwortlichen mit der Forderung, dass ihre Rente nicht länger auf Kosten des Klimas verdient werden soll. Die Plattform ist dazu da, dieses Prinzip auf viele Berufsstände zu übertragen. Jeder kann dort eine eigene Kampagne z.B. für Juristen, Künstler, Steuerberater, Ingenieure vorschlagen und unterstützen.

Dass Divestment auch auf diesem Weg funktioniert, hat was-macht-mein-geld.de sogar schon vor dem Launch der Website bewiesen: Allein die Ankündigung des Projekts durch Journalisten bekannter Medien reichte aus, dass das Presseversorgungswerk im Januar 2016 öffentlich versprach, seine Investitionen aus der Kohleindustrie abzuziehen. Bevor eine einzige Mail verschickt worden war, wohlgemerkt! Das war wahrscheinlich die schnellste Divestmentkampagne aller Zeiten. Jetzt heißt die Parole: Divest the Rest! Kohle ist ein guter Anfang, aber solange Investitionen in Öl und Gas fließen, führt uns auch das in die Katastrophe.

Es gibt noch viel zu tun. Und wir sehen viele kleine und große Erfolge, die uns Hoffnung geben. Ich glaube fest daran, dass wir zusammen diesen Kampf für eine erneuerbare und klimafreundliche Zukunft gewinnen.

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Fotos: Fossil Free Berlin / Mathias v. Gemmingen: privat

4 Kommentare

  1. Danke für dieses schöne Interview. Den öffentlichen Druck solcher Divestment-Kampagnen auf die betroffenen Unternehmen halte ich für einen sehr wichtigen Faktor beim Wandel in ein nachhaltigeres Wirtschaften. Dennoch zwei Kritikpunkte: 1. Wenn ich divestiere, verkaufe ich meine Aktie/Anleihe an jemanden anderen und unterm Strich ändert sich wenig für das Unternehmen. 2. Wenn ich divestiere, verliere ich die Möglichkeit aktiv EInfluss zu nehmen, etwa an der Hauptversammlung teilzunehmen oder in den Dialog zu treten. Diesen Kontrollverlust, der mit einem Divestment einhergeht, sollte man in dieser Debatte bedenken.

    • Marcus Werner

      Hallo Hendrik, vielen Dank für den Kommentar. Das sind gute Anmerkungen, die wir gleich mal an Mathias weiterreichen werden. Update soon 😉

  2. Hallo Hendrik, zu deinen Kritikpunkten: 1. Primär dient Divestment dazu, Firmen öffentlich zu ächten und ihre Unternehmungen und Investitionen in der Öffentlichkeit darzustellen. Dies führt, solange es weit genug geht, zu Imageverlust und ggf. fallenden Kursen. Am Ende dieses Prozesses steht natürlich idealerweise, dass niemand mehr die Aktien kaufen will, weil sie entweder von einem ethischen Standpunkt kein Interesse daran haben oder weitere Verlurte in der Zukunft befürchten, weil eben diese Aktie weiter an Wert verliert. 2. Der Kontrollverlust, den du ansprichst, ist sicher ein Thema. Allerdings sollte man auch nicht überschätzen, wie viel EInfluss man als Anteilseigner im Dialog mit der Unternehmensführung hat. Exxon Mobil hat in der jüngsten Vergangenheit oft genug bewiesen, dass ihm die Meinungen seiner Aktionäre, wenn es um Klima-(also Selbst-)schutz geht, ziemlich egal sind. Alle Vorschläge in diese Richtung wurden bis jetzt immer eiskalt abgeblockt. Hierzu müssten sich schon eine ganze Menge Aktionäre zusammenrotten, um einen ordentlichen Einfliuss zu haben. Da macht es meistens mehr Sinn, gar nicht erst zu kooperieren, sondern von außen zu wirken. Das Problem ist hier natürlich auch, dass man leicht in eine Dialogfalle gerät, die sich ewig hinziehen kann und während der man dem Unternehmen durch seine Aktien genügend Zeit und Geld verschafft, um weiter die falschen Entscheidungen zu treffen. Und auf Zeit spielen können die mit ihren riesigen Ressourcen ja bekanntlich gut.

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