Ute Leube war schon vor 30 Jahren öko. Sie gilt als Pionierin der Aromatherapie im deutschsprachigen Raum, und weiß genau, wie wirksam Pflanzenkraft sein kann. Nachdem sie in den Achtzigerjahren ihren Naturkostladen verkauft hatte zog sie ins Allgäu, wo sie biologisch erzeugte Aromaöle aus Frankreich in kleine braune Fläschchen abfüllt und verkauft. Die Produkte, die eigentlich eher für Eigenbedarf und enge Freunde gedacht waren, wurden ihr aus der Hand gerissen – und so ist es eigentlich bis heute.

Ute Leubes Marke Primavera ist der Anbieter auf dem Gebiet der Duft- und Heilöle. Und seit ein paar Jahren erschließt sich das Unternehmen noch einen weiteren Markt: mit hochwertiger Naturkosmetik, die auf dem Knowhow der Aromatherapie aufbaut.

Was sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, wie der Bio-Beautymarkt boomt – und natürlich wie heilsam ätherische Öle unter anderem bei Ängsten, Schlafstörungen, zur Desinfektion, oder als Antibiotikaersatz sein können –erzählt sie uns in einem lockeren Experten-Gespräch:

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Foto STEFAN under CC

Liebe Ute, stimmt es, dass Du in den Anfängen Deiner Unternehmer-Karriere einige Landwirte persönlich davon überzeugt hast, von konventioneller Bewirtschaftung zu Bio zu wechseln?

Genau.

Wie hast Du denn das bloß geschafft?

(lacht) Puh! Ja, das hat viel Kraft und auch Geld gekostet. Vor allem in den so genannten Drittweltländern, wo Menschen von der Hand in den Mund leben und natürlich nicht sofort einsehen, warum es sich lohnt, drei Jahre auf ein Ergebnis zu warten – ein Ergebnis, das dann dauerhaft Nutzen bringt. Aber die Überzeugungsarbeit hat sich gelohnt! Unsere Projekte sind unser Herzstück. Und darüber hinaus unsere Ressourcensicherung. Wenn wir diese Vorarbeit nicht geleistet hätten, dann würden wir jetzt wahrscheinlich schon manchmal alt aussehen. Denn der Run auf Naturrohstoffe ist in den letzten Jahren gewaltig gewachsen.

Und wenn dieser Run weiter wächst? Wird es dann überhaupt dauerhaft genügend Anbauflächen und Rohstoffe geben? Oder muss man damit rechnen, dass irgendwann ein Engpass entsteht?

Ne, ich denke, da gibt es noch viele Möglichkeiten – und viele Leute, die produzieren können. Zumindest für den Aromatherapie- und Naturkosmetikmarkt. Gerade in den angesprochenen Drittweltländern, in denen sich viele Menschen freuen, wenn sie mehr anbauen können. Wenn das dann auch noch auf Bioflächen passiert: umso besser!

Nun hat Bio strenge Regeln und Richtlinien. Vielen Produzenten, sprich Landwirten, hier in Deutschland erscheint die Umstellung zu aufwendig und zu teuer. Was kann man da tun?

Wissen, dass es vor allem lange Vorlaufzeit braucht, um natürliche Rohstoffe in ausreichenden Mengen anbauen zu können – selbst wenn sie am Ende nicht Bio zertifiziert sind. Da geht es um Verständnis und langen Atem. Missionieren ist schwierig. Geduldig bleiben ist dabei wahrscheinlich immer ein guter Rat.

Und wie können dem Verbraucher natürliche Produkte am ehesten näher gebracht werden?

Indem man sie den Unterschied erleben lässt. Natürlich sind die Preise im Naturkostladen anders als bei Aldi. Aber man schmeckt die Qualität. In Sachen Naturkosmetik spürt man sie. Und wenn man ein Gefühl für diese Wertigkeit bekommt, dann ist das am überzeugendsten.

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Foto von Susanne Tofern under CC

Primavera überzeugt mit ätherischen Ölen, welche empfiehlst Du Einsteigern?

Lavendel und Pfefferminze. Mit beiden kann man viel erreichen und erleben. Bei der Minze: Ein Tropfen auf den Handrücken, ablecken und man hat einen ganz frischen Atem, dazu ein frisches Gefühl und so’nen richtigen Hallo-wach-Kick. Bei Kopfschmerzen kann man etwas davon auf die Fingerspitze geben und Schläfen und Nacken damit einreiben. Hilft übrigens auch bei Schwindel und Reisekrankheit. Ein richtiges Allroundmittel!

Lavendel hilft bei allen Verletzungen. Egal ob Verbrennung oder Schnitt, sofort auf die offene Wunde. Das nimmt, wenn man es sofort macht, ein bisschen den Schmerz, vor allem aber desinfiziert Lavendel und aktiviert das Zellwachstum. Es wurde schon dokumentiert, dass Lavendel und Teebaumöl zusammen sensationelle Wundheilungsprozesse zustande gebracht haben.

Wow, davon hatte ich noch nicht gehört. Wie ist das bei Dir, hast Du selbst auf Deinem Gebiet eigentlich auch noch manchmal Aha-Erlebnisse?

Ja. Es gibt immer wieder Überraschungen. Schon allein, weil die Forschung erst relativ spät angefangen hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das letzte Aha-Erlebnis kam über eine NDR-Reportage, in der der Duftforscher Hanns Hatt erklärt, dass nicht nur die Nase Riechrezeptoren hat, sondern die Haut und alle anderen Organe auch. Zum Beispiel auch Krebszellen, was ätherische Öle auch in der Krebstherapie wirksam machen könnte. Da gibt es noch unglaubliche Möglichkeiten, von denen wir alle bisher nur eine kleine Ahnung haben.

Bei Dir im Allgäu gibt es auch Seminare. Ist es Dir wichtig, Wissen wie dieses weiter zu geben?

Absolut. Ätherische Öle sind so hochwirksam, da sollte man schon den richtigen Umgang damit wissen. Generell kann man aber erst mal nach der Nase gehen: Was einem beim Riechen widerstrebt, sollte man erst mal einfach weglassen.

Nun vertraut ja nicht jeder auf die natürliche Wirksamkeit der Düfte. Wie gehst Du mit Schalatanerie-Vorwürfen um?

Ach, die kann ich gut an mir vorbei gehen lassen!  Am Anfang sind wir ja nur belächelt worden. Bio fanden die Leute doof, eigentlich alles, was wir so gemacht haben. Wir waren Treehugger und Müsliesser und voll in dieser Ecke. Inzwischen ist Bio so normal, für viele sogar ein muss. Da hat sich schon enorm viel verändert in den letzten 30 Jahren. Die Forschung hat sich in den letzten Jahren verstärkt den ätherischen Ölen gewidmet – und das alte Naturheilkundewissen größtenteils bestätigt. Wir dürfen ja nur ausloben, was auch wissenschaftlich bewiesen ist. Skeptiker wird es trotzdem auch immer – wie überall – geben. Also ist das für mich eigentlich kein Problem.

Verspürst Du eine Art Hab-ich-Euch-doch-gesagt-Genugtuung? Oder bist Du einfach nur glücklich über die Entwicklung der Gesellschaft zurück zu mehr Natur?

Ach nein. Ja, das ist für mich wirklich ein großes Glück. Zu Beginn der Messe „Biofach“ vor 26 Jahren waren wir alle mit Latzhose und Birkenstock unterwegs und haben davon geträumt, dass Bio mal gesellschaftsfähig wird. Jetzt ist es so weit und wir schauen zurück und denken einfach nur: wow!

Und mittlerweile muss man auch nicht mehr in Latzhose kommen.

(lacht) Ach im Gegenteil! Das ist total schick geworden! Das fällt da richtig auf. Alles ganz modern geworden.

Ist die Sehnsucht nach Natur auch im urbanen Leben in den letzten Jahren spürbar gewachsen?

Ja, enorm. Und sie wächst immer weiter. Weil wir auch alle so müde werden, von dieser Überlastung, von zu vielen Informationen – wir kommen in unserem modernen Leben ja kaum zum Durchatmen. Alles wird komplexer und mehr. Das überfordert uns alle.

Trotz der Sehnsucht: Müssen sich natürliche Produkte in einer modernen, digitalisierten Welt anders verkaufen?

Ich glaub‘ schon. Man muss schon eine andere Ansprache wählen. Und da müssen wir, alle die, die als Pioniere in unserer Ecke angefangen haben, auch noch viel tun. Wenn wir andere erreichen wollen, müssen wir aus unserer Ecke raus. Und das gelingt mit neuen Medien ganz gut.

Gleichzeitig wird die Konkurrenz größer. Auch hinsichtlich günstigerer Naturkosmetik. 

Da sehe ich weniger Konkurrenz als Vielfalt – eine Vielfalt, die notwendig ist. Viele Verbraucher steigen mit günstiger Naturkosmetik ein, merken dadurch, dass natürliche Produkte schicke, moderne Rezepturen haben, bekommen dadurch einen Bezug zur Natur – und wollen anschließend mehr entdecken. Vielleicht auch gezielt mehr bezahlen für anspruchsvollere Produkte, die ihren Preis wert sind. Dass natürliche Produkte im Mainstream ankommen ist meines Erachtens ein Riesenglück! Es muss noch nicht mal alles komplett Bio sein. Selbst naturnahe Beauty-Produkte leisten ihren Beitrag und eröffnet ein allgemeines Interesse.

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